20 Jahre Sonntagsbrötchen: Kulturgeschichte des Brotes Unser täglich Brot

Deutschland ist das Land mit der weltweit größten Brotvielfalt. Rund 300 Sorten listet das Deutsche Bäckerhandwerk in seinem Brotregister auf. Foto: dpa 20 Bilder
Deutschland ist das Land mit der weltweit größten Brotvielfalt. Rund 300 Sorten listet das Deutsche Bäckerhandwerk in seinem Brotregister auf. Foto: dpa

Die Deutschen sind „Brotfresser“. Das sagen die Franzosen über ihre Nachbarn. Tatsächlich gibt es in keinem Land so viele Brotsorten wie in Deutschland. Rund 300 Sorten zählt der Bäckerei-Verband. Der Mensch lebt aber nicht vom Brot allein. Deshalb hat das Brot auch einen kultisch-religiösen Sinn.

Leben: Markus Brauer (mb)
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Stuttgart - Im Anfang der Zivilisationsgeschichte war das Korn, die reifen Ähren von Weizen, Einkorn, Emmer, Roggen, Dinkel und Gerste. Der Bauer säte das Getreide aus und konnte bei günstigen Bedingungen zweimal im Jahr ernten und seine Vorratskammern füllen. Getreidekörner, zu einem Brei vermengt oder zu Mehl gemahlen und dann zu Brot gebacken, bilden seit den ersten Hochkulturen die Hauptnahrungsquelle der Menschheit.

Kaum ein Erzeugnis menschlicher Arbeit hat eine solch tiefe symbolische Bedeutung wie das Brot. Es steht für das Leben an sich, ist Sinnbild für Nahrung und Speise, die den Hunger stillt, das Überleben sichert und dazu noch ein Genussmittel ist.

Brot-Kultur

Wer sich mit der Kulturgeschichte des Brotes beschäftigt, begibt sich auf eine Reise in die Frühzeit der Menschheit. Im Zuge der Neolithischen Revolution, die vor rund 10 000 Jahren begann, wurden aus umherstreifenden Jägern und Sammlern sesshafte Bauern. Der Mensch gab seine umherwandernde, mobile Lebensweise schrittweise auf und ließ sich nieder.

Damit einher ging eine zivilisatorische Evolution: Die ersten Städte entstanden mit hierarchisch aufgebauten Gesellschaften, Arbeitsteilung und Kulturgütern wie Keramik und Metallwerkzeugen aus Kupfer, Bronze und Eisen. Zugleich stiegen in einem rasanten Tempo die Produktivität, das Angebot an Nahrungs­mitteln und die Bevölkerungszahl.

Nach Ansicht des Pflanzenökologen Hansjörg Küster vom Institut für Geobotanik an der Leibniz-Universität Hannover war es vor allem die Agrikultur, der Anbau von Nutzpflanzen und vor allem des Getreides, die dem Menschen den Weg in die ­Kulturepochen ebnete.

Vom Jäger zum Ackerbauern

Zu dieser Zeit lag die Entwicklung vom Frühmenschen zum modernen Menschen, dem Homo sapiens, schon lange zurück. Obwohl sie in der Evolutionsgeschichte zeitlich gesehen nur ein Wimpernschlag war, bedeutet dieser Schritt zur Sesshaftwerdung den eigentlichen Beginn der Zivilisation.

In dieser geschichtlichen Achsenzeit entstanden an verschiedenen Orten gleichzeitig und unabhängig voneinander Hochkulturen. Ihre Expansion beruhte in erster Linie auf dem Anbau spezifischer Kulturpflanzen: In Europa und Westasien waren dies vor allem Weizen, Gerste und Roggen, in Südostasien war es Reis, in Afrika Hirse. In Mittel- und Südamerika wurden Mais, Maniok und Kartoffeln kultiviert.

Nahrung und Heiligung

Parallel zum Ackerbau bildeten sich ­religiöse Deutungsmuster und komplexe Glaubenstraditionen heraus, in deren Mittelpunkt die kultische Verehrung des ­jeweiligen Hauptnahrungsmittels stand. So wurde beispielsweise in Ägypten und im keltisch ­geprägten Kulturraum Mitteleuropas das Brot zum Symbol für Leben in Fülle.

Die heutigen Zivilisationen, die sich über Jahrtausende herausbildeten, entspringen im Grunde genommen den ersten Kornkammern der Menschheit. Kultur konnte deshalb entstehen, weil die Ernährung durch den Anbau von ausreichend Getreide gesichert war. Zugespitzt formuliert: Zuerst war das Korn, erst dann kamen die Schrift und der Kult.




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