40 Jahre Mercedes G-Klasse Vom Försterwagen zum Statussymbol

Von Simon Wörz 

Kein anderes Modell von Mercedes-Benz wird länger in Serie produziert: Die G-Reihe wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. Ihre Geschichte erzählt den Wandel vom einstigen Nutzfahrzeug zum Luxusobjekt.

Einstmals Offroad, heute Prestigeobjekt: Die Mercedes G-Klasse gibt es seit 40 Jahren. Foto: Daimler AG 16 Bilder
Einstmals Offroad, heute Prestigeobjekt: Die Mercedes G-Klasse gibt es seit 40 Jahren. Foto: Daimler AG

Stuttgart - Ob in Stuttgarter Halbhöhenlage, dem kasachischen Uralgebirge oder der algerischen Wüste: Die G-Klasse gehört weltweit zu den prestigeträchtigsten Markenzeichen des Stuttgarter Autoherstellers Mercedes-Benz. Mit dem 40-jährigen Jubiläum in diesem Jahr ist der Mercedes G nicht nur die dienstälteste Baureihe des Unternehmens. Kaum ein Modell legte solch einen Imagewandel vom Nutzfahrzeug zur Luxuskarosse hin. In vier Jahrzehnten Konstruktionsgeschichte wurde die robuste und kantige Grundform dagegen kaum verändert.

Eine schwäbisch-österreichische Kooperation

Dabei handelt es sich bei dem G nicht nur um eine schwäbische Erfolgsgeschichte. Im Jahr 1972 schlossen Mercedes und die österreichische Steyr-Daimler-Puch AG den Kooperationsvertrag für einen gemeinsamen Geländewagen. Fortan tüftelten die Ingenieure in der Steiermark an dem G-Modell herum, denn vor allen Dingen leicht sollte das Vehikel sein. Aus dem ersten hölzernen Prototyp erwuchs drei Jahre später die erste Serienproduktion im Puch-Werk in Graz. Dort produziert Magna Steyr, wie das Unternehmen mittlerweile heißt, bis heute jährlich 20 000 G-Modelle. Auf dem Grazer Hausberg Schöckl liegt auch die berühmte und immer noch betriebene Offroad-Teststrecke. Bis ins Jahr 1999 wurden die Fahrzeuge in Österreich, Osteuropa und der Schweiz unter dem Label der Firma Puch vertrieben.

1979 feierte die G-Klasse offiziell ihre Weltpremiere und wird fortan in Serie hergestellt. Zu den ersten Interessenten zählten der Bundesgrenzschutz der BRD und die Forstwirtschaft. Die erste Großbestellung orderte der iranische Schah Mohammad Reza, welcher jedoch infolge der Islamischen Revolution im selben Jahr gestürzt wurde, sodass sich der Auftrag mehrerer tausender Militärfahrzeuge erübrigte.

Papamobil, Rallye-Auto und Jagdfahrzeug

Anfangs noch als Armeefahrzeug gefragt, wurde der G unter privaten Käufern schnell zum Verkaufsschlager. Mithilfe des Allradantriebs erklimmt er mühelos Steigungen und ist sowohl für Schrägfahrten in unwegsamen Gelände, als auch für tiefe Wasserdurchfahrten geeignet. Auf der Straße war das G-Modell für einen Geländewagen der damaligen Zeit angenehm leicht zu steuern. Dafür war das innovativen Lenksystem aus Quer- und Längslenkern in Kombination mit Schraubenfedern verantwortlich. Zu schätzen wusste das auch Bayerns Ministerpräsident Franz-Josef Strauß und fuhr seiner Zeit mit einer G-Klasse zur Jagd in die Wälder. Göttliche Weisung: Papst Johannes ließ sich 1980 im Zuge seines Deutschlandbesuchs einen weißen Mercedes G zum schusssicheren „Papamobil“ modifizieren. Ein weitere Meilenstein auf dem Weg zum Kultauto: 1983 gewannen Jacky Ickx und Claude Brasseur mit einer 260 PS starken G-Klasse die berüchtigte Rallye Paris-Dakar.

Anfangs funktional, später Prestigeobjekt

Die Zeiten, in denen der G wegen seiner Funktionalität und Leistungsfähigkeit den Markt eroberte, sind heute vorbei. Die G-Klasse hat sich zum luxuriösen Lifestyle-Pkw entwickelt. Das günstigste Modell kostet über 100 000 Euro, mindestens ein halbes Jahr Lieferzeit ist Standard. Dafür gibt es noble Extras wie beispielsweise eine Burmester-Surround-Soundanlage, Widescreen-Cockpit oder das Interieur Plus in macchiatobeige oder yachtblau. Das lockt gut situierte Kunden aus den USA und arabischen Staaten. Kim Kardashian, milliardenschwere Unternehmerin und Ehefrau des US-Rappers Kanye West, fährt ebenfalls das G-Modell. In ihrem Spielerfrauen-Podcast beklagen die Frauen der Ex-VfB-Profis Dennis Aogo und Steven Zuber die Schwierigkeit mit einer G-Klasse einen Parkplatz zu finden.

Seit 2004 können sich kaufkräftige Autoliebhaber eine von AMG veredelte G-Klasse zulegen. „Damit ins Gelände fahren? Für die meisten Käufer verbietet sich das. Dennoch gut zu wissen, dass das problemlos ginge!“, heißt es auf der Daimler-Website in der Beschreibung eines Fabrikats von 2018. Wo das geht: Vergangenen Winter begannen auf einem ehemaligen Militärflugplatz, fünf Kilometer vom G-Werk in Graz entfernt, die Bauarbeiten für ein 100 000 Quadratmeter großes Fahrgelände, künftiger Abenteuerspielplatz für zahlende Mercedes-Fans.

Der Wegbereiter des SUV

In Sachen Exklusivität und Preis der G-Klasse existiert längst keine Obergrenze mehr. Mit der Submarke Maybach konstruierte Mercedes 2017 den G 650 Landaulet, limitiert auf 99 Stück, Kaufpreis: Eine dreiviertel Million Euro. Im gleichen Jahr durften sich die Tuning-Ingenieure von Brabus an der G-Klasse austoben. Ganz ohne Rücksicht auf betriebswirtschaftliche, geschweige denn umwelt- oder marktfreundliche Produktionskriterien. Das von Brabus veredelte Carbon-Modell wurde auf zehn Stück begrenzt und kommt auf unglaubliche 900 PS sowie einer Höchstgeschwindigkeit von 270 Kilometern pro Stunde. Ein Monstrum von einem Auto.

Die vorangetriebene Entwicklung des G vom pragmatischen Nutzfahrzeug zum Freizeitauto macht die Reihe zum prähistorischen Vorfahren der viel diskutierten Stadtgeländewagen (SUV). Für die Fridays for Future-Demonstrierenden bildet das protzige Statussymbol mit hohem CO2-Ausstoß dagegen die motorisierte Antipode zu klimafreundlicher Mobilität.

Kein Ende in Sicht

Weiterhin fester Bestandteil der G-Reihe sind die baulichen Merkmale der ersten Stunde: Der Leiterrahmen, die drei mechanischen Sperren und die Geländeuntersetzung. Auch die hoch aufgeschossene Karosserie ist als Erkennungszeichen aller G-Versionen geblieben. Baureihenchef Gunnar Güthenke sagte 2018, die G-Klasse sei das einzige Modell bei Mercedes-Benz für das noch kein offiziell definiertes Produktionsende existiere. Im März veröffentlichte Mercedes einen Werbeclip, in dem der neue G quer an einer argentinischen Stauseemauer entlang fährt. Pathetischer Slogan der Kampagne: „Stronger than time.“

Am Freitag eröffnet im Mercedes-Benz-Museum anlässlich des Jubiläums die Sonderausstellung „G-Schichten“, welche bis zum April nächsten Jahres elf Fahrzeuge mit besonderer Geschichte und weitere Ausstellungsstücke rund um die G-Klasse präsentiert.