Sergio Farao und Tolga Vona haben – „wie jeder gute Geschäftsmann“ – eine Vision. Als der Anruf aus Stuttgart kam, schlugen sie deshalb zu: Eine der größten Flächen in der Calwer Passage wurde ihnen angeboten, Ende Juli eröffneten sie die Pasticceria da Sergio. Und damit war die Vorzeigeimmobilie endlich komplett vermietet – bis das Gardener’s Deli aufgegeben wurde. Bei Feinkost Böhm ist mittlerweile das Bistro stillgelegt. Die Filiale gehört der Ferdinand Piëch Holding, die das Gebäudeensemble gebaut und an die Versicherungskammer verkauft hat. „Wir haben gar keinen Zweifel daran, dass unser Konzept funktionieren wird“, ist Sergio Farao überzeugt. Auch die neuen Inhaber der Calwer Passage ziehen ein Jahr nach ihrem Start eine positive Bilanz. Andere Gastronomen wollen sich zu dem Thema gar nicht oder nur anonym äußern.
Lichte Atmosphäre in der Pasticceria
Wie ein Saal wirkt die Pasticceria da Sergio. Die Tische sind aus weißem Marmor, Bänke und Sessel mit dunkelgrünem Samt bezogen. Das Glasdach sorgt für eine lichte Atmosphäre. In der langen Vitrine stapeln sich die Panini, liegen Calzone und Arancini, werden Cornetti und Babas, Cannoli und Sfogliatelle, Bomboloni und Ciambellas präsentiert. „Bei uns soll man sich wie in Italien fühlen“, sagt Tolga Vona. Eine solch breite Palette an Dolci und mit ihrer hausgemachten Pistaziencreme gefüllten süßen Stückchen sei in der Region Stuttgart einzigartig. Er ist sich sicher, dass die Pasticceria die Calwer Passage noch mehr beleben wird. Aber Tolga Vona findet die Zahlen schon jetzt gut: Laut einer Zählung sollen 2400 S-Bahn-Fahrer am Tag den Durchgang nutzen.
„Vorübergehend geschlossen“ steht dennoch auf einer Eingangstüre von Gardener’s Deli. Das vegetarische Restaurant hielt nicht einmal ein Jahr durch. „Wir haben uns dazu entschieden, das Konzept einzustellen“, lautet die knappe Begründung von Inhaberin Madeleine Al Sahuri-Schwer. Sie und ihr Mann Patrick Schwer wollten sich „voll und ganz“ auf ihre anderen Lokale The Gardener’s Nosh und Another Milk konzentrieren. Auf die Frage, ob sie sich Verbesserungen für die Calwer Passage wünscht, geht sie gar nicht ein. Auch bei Feinkost Böhm ist der Plan nicht aufgegangen: Der obere Teil des Geschäfts ist leer geräumt und wird als Lager für Geschenkkörbe genutzt. „Wir sind am Optimieren“, hält sich Cindy Mayer-Walcher von der Ferdinand Piëch Holding ähnlich bedeckt wie die Betreiber von Gardener’s Deli.
Alle hielten die Passage für einen Selbstläufer
Offiziell will keiner der Gastronomen Kritik an Stuttgarts „schönster Fußgängerzone“ üben, die alle immer für einen Selbstläufer hielten. Neidisch blicken manche aufs Dorotheen-Quartier, wo 20 000 Kunden am Tag durchschlendern, wie einer von ihnen schätzt. Viel mehr Marketing werde dort von Breuninger gemacht, ein aktuelles Beispiel sind die Kugeln, in denen Fondue serviert wird. Leidenschaft beim Management vermissen einige Mieter. Als steril und kahl wird der Durchgang empfunden, in dem inzwischen immerhin Sessel aufgestellt wurden. Die Leute würden lieber in die Lokale in der Calwer Straße gehen, sagt ein anderer, die Gastronomen in der Passage lebten vor allem von ihren Stammgästen. Die „immens hohen Mieten“ halten sie nicht für gerechtfertigt – zumal ein Jahr nach Eröffnung noch immer viele Baustellen bestehen.
Der Start und die Eröffnung der Calwer Passage sind nach Ansicht der Versicherungskammer gelungen. Dass „ein gewisser Grad an Bewegung in der Mieterstruktur besteht“, sei für „eine lebendige Passage nicht unüblich“, werden die Leerstände kommentiert. Wortreich umschreibt der neue Eigentümer die Probleme: Das Unternehmen habe sich vorgenommen, „das Image und die Lebendigkeit kontinuierlich zu erhöhen“, um „die notwendige Frequenz in der Passage für den langfristigen Erfolg der Stores und Gastronomen ohne höhere Fluktuation“ sicherzustellen. Jährliche und saisonale Konzepte und Initiativen seien dafür in der Ausarbeitung, die mit den Mietern umgesetzt werden sollen, „um die Attraktivität der Passage weiter zu steigern“. Allerdings hat der Vermieter auch die Erkenntnis, dass es nicht rundläuft, und liefert nach den ersten Antworten nach, dass es eine Ausschreibung geben soll, „um ein regionales Management nachhaltig zu implementieren und damit greifbar für unsere bestehenden und zukünftigen Kunden und deren Bedürfnisse zu sein“.
Mit der Pasticceria einen Kindheitstraum verwirklicht
Sergio Farao hat sich mit der Pasticceria einen Kindheitstraum verwirklicht. Sein Sohn brach die Lehre zum Installateur ab und sattelte auf Konditor um. Im März 2020 weihten sie ihr Café in Waiblingen ein. Ihm und seinem Geschäftspartner Tolga Vona geht es darum, „einen Betrieb für ihre Familien aufzubauen“. Sie kennen sich aus der Tätowierung- und Piercing-Branche. In Waiblingen hat Sergio Farao 18 Jahre lang ein Studio besessen und es wegen der Expansion seiner Pasticceria aufgegeben. „Sie sind uns sehr entgegengekommen“, sagt er über das Angebot aus der Calwer Passage. Täglich bis 20 Uhr hat das Café geöffnet, Frühstück und Mittagstisch sollen bald eingeführt werden. „Wir machen es Schritt für Schritt“, sagt Tolga Vona. Mit den ersten drei Monaten sind die beiden zufrieden, im Winter rechnen sie mit steigenden Besucherzahlen, weil die Pasticceria da Sergio im Umkreis die meisten Sitzplätze biete. „Man braucht nur das richtige Konzept, ein bisschen Mut, dann funktioniert es“, ist Sergio Farao überzeugt.