Frisch Auf Göppingen Titel, Träume, Tradition

Von Jürgen Frey 

Rückgehende Zuschauerzahlen, stagnierende sportliche Entwicklung. Derzeit sind die Handballer von Frisch Auf Göppingen näher an der zweiten Liga, als an der deutschen Meisterschaft. Gibt es dennoch Hoffnung, irgendwann mal wieder den ganz großen Wurf zu landen?

Kapitän Zarko Sesum: Der Rückraumspieler startete mit Frisch Auf Göppingen schwach in die neue Saison. Foto: Baumann
Kapitän Zarko Sesum: Der Rückraumspieler startete mit Frisch Auf Göppingen schwach in die neue Saison. Foto: Baumann

Göppingen - Göppingen fehlt noch…?, will ein Stadtmagazin in einem Fragebogen an lokale Prominenz Monat für Monat wissen. „Ein S-Bahn-Anschluss“, „ein Fußballclub mindestens in der Regionalliga“, „prickelndes Nachtleben“, „ein Sessellift zum Hohenstaufen“, in diese Richtung gehen die Antworten. Aus Oliver Sihler sprudelte heraus: „Die zwölfte Deutsche Handball-Meisterschaft für Frisch Auf.“ Der Citymanager gehört zu den glühendsten Fans des Bundesligisten, der nun schon seit 45 Jahren auf einen nationalen Titel wartet und sich an diesem Sonntag (12.30 Uhr/EWS-Arena) dem Angriff von Emporkömmling TVB 1898 Stuttgart erwehren muss.

„Schön wär’s“, sagt Christian Schöne und strapaziert die Lachfältchen in seinem Gesicht, als er mit Sihlers Antwort konfrontiert wird. Auch wenn es nach dem schwachen Saisonstart (4:4 Punkte) und dem enttäuschenden 27:27 gegen den TBV Lemgo schwer fällt und es wahrlich ganz andere Probleme gibt. Der ehemalige Nationalspieler kennt sich mit Tradition und Titeln aus. 2002 gewann er mit dem SC Magdeburg die Champions League. 2011, 2012, 2016 und 2017 war der Linkshänder an den EHF-Pokal-Triumphen von Frisch Auf beteiligt. Seit Beginn dieser Saison fungiert er als Sportlicher Leiter in Göppingen. In der Handball-Hauptstadt, die sich so nennen darf, weil keine andere deutsche Stadt neben einem Männer- auch ein Frauenhandball-Bundesligateam beheimatet. „Schön wär’s“ also, wenn es nicht nur im zweitwichtigsten Clubwettbewerb auf europäischer Bühne zu Titeln reicht, sondern eben auch auf der nationalen. Nicht diese Saison, nicht nächste, aber vielleicht in vier, fünf oder zehn Jahren.

Aber ist dies auch realistisch?

Mit zwei Millionen Euro mehr wäre viel möglich

Schöne zieht die Augenbrauen nach oben und schnauft tief durch: „Mit einem zwei Millionen Euro höheren Etat vielleicht schon.“ Mit den aktuell 5,2 Millionen Euro sieht er seinen Club „in der Etattabelle auf Platz acht oder neun“. Rekordmeister THW Kiel stehen 9,5 Millionen Euro zur Verfügung. Die Verfolger Flensburg, Rhein-Neckar Löwen oder Berlin seien nicht „dramatisch weit weg“. Und Vereine wie Melsungen und Hannover-Burgdorf profitieren von schwerreichen Mäzenen.

Die fehlen Frisch Auf. Dafür hat der Verein viele treue Unterstützer, eine breite Sponsorenpyramide. Die Tradition, die gewachsenen Strukturen, die Fan-Kultur helfen, dass sie Geldgeber auch in Krisenzeiten ein Herz für die Herren mit Harz an den Fingern haben. In Göppingen ist der Held, wer den Handball hält. „Frisch Auf ist Stammtisch-Thema“, sagt Schöne. „Die Emotionen können extrem ausschlagen – in beide Richtungen.“ Das ist das Interessante. Das macht die Popularität aus, doch sie ist eben auch regional begrenzt. Stößt das Aushängeschild württembergischer Handball-Kunst an ökonomische Grenzen? Ist das Sponsorenpotenzial in der Staufer-Region ausgereizt?

Bedenklicher Zuschauerrückgang

„Ausgereizt ist es nie“, sagt Marketingchef Peter Kühnle und fügt mit der Miene des zutiefst Überzeugten hinzu: „Den einzigen Hebel, den ich aber sehe, um mit Frisch Auf ganz nach vorne zu kommen, ist ein großer, überregionaler Sponsor.“ An diesem Punkt kommt der neue, umstrittene TV-Vertrag ins Spiel. Die Live-Übertragungen in Sky sind mit neuen Anwurfzeiten verbunden. Die Fans eines Traditionsclubs tun sich schwerer mit Veränderungen. Frisch Auf merkt dies deutlich: Statt 3400 Dauerkarten gingen vor dieser Saison keine 3000 mehr weg. Zur Heimpremiere gegen Lemgo kamen nur 3600 Besucher – und damit so wenig wie seit vielen Jahren nicht mehr. Das sind die negativen Seiten. Doch Kühnle hofft, dass mittelfristig die positiven überwiegen: „Dadurch, dass alle 306 Bundesligaspiele live gezeigt werden, ergeben sich Vorteile in der nationalen und internationalen Vermarktung.“