InterviewMichael Gentner, Sportlicher Leiter der U21 „Den VfB II würde es auch in der Oberliga geben“

Von Jürgen Frey 

Kommt die Wertschätzung für die zweite Mannschaft beim VfB Stuttgart zu spät? Mit Verstärkungen aus dem Profikader wird neuerdings versucht, den drohenden Abstieg aus der Regionalliga zu verhindern. Der Sportliche Leiter Michael Gentner äußert sich zur Lage.

Michael Gentner (li., neben U-17-Trainer Murat Isik): Der Sportliche Leiter U21 bis U15 gibt ein klares Bekenntnis zur zweiten Mannschaft ab. Foto: Baumann
Michael Gentner (li., neben U-17-Trainer Murat Isik): Der Sportliche Leiter U21 bis U15 gibt ein klares Bekenntnis zur zweiten Mannschaft ab. Foto: Baumann

Stuttgart - Der ehemalige Sportdirektor Michael Reschke hätte die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart am liebsten abgemeldet. Inzwischen genießt das Team von Trainer Andreas Hinkel wieder eine hohe Wertschätzung. Selbst ein Abstieg in die Fußball-Oberliga wäre nicht das Aus für das Reserveteam. Doch vor dem Spiel an diesem Freitag (19.30 Uhr) bei Kickers Offenbach hofft der Sportliche Leiter Michael Gentner, den Abstieg noch vermeiden zu können.

Herr Gentner, wie groß war die Erleichterung nach dem 3:0 gegen den SC Hessen Dreieich?

Letztendlich war das ein Pflichtsieg für unsere Mannschaft. Durch diese drei wichtigen Punkte, haben wir einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Die Hoffnung auf den Klassenverbleib lebt.

Hätten Sie nicht gewonnen...

...wären unsere Chancen nur noch minimal gewesen. Jetzt haben wir es in der eigenen Hand.

Wie beurteilen Sie das Restprogramm?

Wir müssen jetzt zweimal auswärts ran – an diesem Freitag in Offenbach und am 11. Mai beim FSV Frankfurt. Da wollen wir punkten, damit wir unser Ziel erreichen, am letzten Spieltag am 18. Mai im Gazistadion ein Endspiel gegen den direkten Konkurrenten Wormatia Worms zu haben.

Die Unterstützung durch die Zuschauer hält sich in überschaubaren Grenzen. Ist es Ihnen egal, ob Sie im Schlienzstadion, Gazistadion oder auswärts spielen?

Es stimmt, dass das Zuschauer-Interesse überschaubar ist, dennoch spielen wir natürlich lieber im Schlienzstadion und im Gazistadion als auswärts.

Warum gelingt es dem VfB nicht, mehr Fans für die Zweite zu mobilisieren?

Die Bundesligamannschaft hat natürlich Priorität, aber wir werden versuchen, mehr Fans für die Zweite zu aktivieren. Es fahren ja nicht alle VfB-Fans am 18. Mai nach Schalke, da bleiben immer noch viele, die uns gegen Worms unterstützen können. Aber erst einmal müssen wir die Voraussetzungen schaffen, dass es überhaupt zu diesem Endspiel kommt.

Gegen Hessen Dreieich spielten erstmals Timo Baumgartl und Erik Thommy. Wie kam es zu dieser späten Erkenntnis, dass Spieler aus dem Bundesligakader dem VfB II helfen können?

Es gab Gespräche mit dem neuen Trainerteam der Profis und Sport-Vorstand Thomas Hitzlsperger. Die Spieler brauchen Spielpraxis, Steven Zuber ist beispielsweise verletzt und es ist gut möglich, dass Erik Thommy in den kommenden Bundesligaspielen gebraucht wird, genauso wie Timo Baumgartl. Da ist es wichtig, über Spiele in der zweiten Mannschaft im Rhythmus zu bleiben.

Und Andreas Hinkel...

...hat Spieler mit einer solchen Qualität natürlich gerne in seine Mannschaft genommen. Und beide haben ihre Sache gegen Hessen Dreieich wirklich sehr, sehr gut gemacht.

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War auch Holger Badstuber ein Thema für einen Einsatz in der Regionalligaelf?

Das weiß ich nicht.

Sie dürfen ja auch nicht unbegrenzt ältere Spieler einsetzen. Wie ist die exakte Regelung?

Gleichzeitig dürfen in der Regionalliga in zweiten Mannschaften nur drei Spieler eingesetzt werden, die älter als 23 sind (Anm.d.Red.: Jahrgang 1996 oder jünger). Desweiteren gibt es eine Stammspielerregelung. Spieler, die bei den Profis mehr als die Hälfte der Spiele absolviert haben, dürfen nicht in der Zweiten am Ball sein. Wenn sie allerdings vier Spiele hintereinander in der Bundesliga pausiert haben, dürfen sie wieder im Reserveteam ran.

Die Profi-Unterstützung gegen Hessen Dreieich dürfte ihnen auch deshalb gelegen gekommen sein, da Abwehrchef Marc Stein fehlte.

Stimmt, aber das war mehr oder weniger Zufall. Marc wurde in der Nacht zum Sonntag zum zweiten Mal Vater, hatte kaum geschlafen. Das wäre keine optimale Vorbereitung aufs Spiel gewesen, deshalb pausierte er. Am Freitag in Offenbach ist er natürlich wieder am Ball.

Genauso wie Baumgartl und Thommy?

Das wird sich im Laufe der Woche entscheiden.

Aus der A-Jugend kam Luca Mack zum Einsatz. Warum?

Benedikt Dos Santos und David Tomic fehlten jeweils gelbgesperrt. Luca hatte sich im Training sehr gut integriert. Er bringt vieles mit und ist nicht zufällig Kapitän unserer U19. Und ich muss sagen: Auch Luca hat ein sehr gutes Spiel gemacht.

Sind andere U-19-Spieler wie Erik Hottmann, Leon Dajaku oder Antonis Aidonis kein Thema?

Das ist nicht ausgeschlossen. Aber wir haben natürlich auch mit der U19 große Ziele. Wir stehen im WFV- und DFB-Pokal-Finale und können mit einem Sieg an diesem Sonntag gegen den 1. FC Nürnberg die Teilnahme an den Spielen um die Deutsche Meisterschaft perfekt machen.

Die Wertschätzung für die zweite Mannschaft kommt reichlich spät. Warum hat der VfB nicht schon viel früher alles dafür getan, die Regionalligelf zu stärken?

Es bringt nichts, zurück zu schauen. Ich kann versichern, dass die Wertschätzung für die zweite Mannschaft bei allen Verantwortlichen sehr hoch ist.

Auch wenn es zum Abstieg kommt?

Wir werden mit aller Macht versuchen, dass es nicht dazu kommt. Aber den VfB II würde es auch in der Oberliga weiter geben.

Ergibt dies überhaupt Sinn?

Natürlich wäre das nicht die optimale Spielklasse. Wir müssten versuchen, den Abstieg schnellstmöglich zu korrigieren.

Und mittelfristig?

Wollen wir die zweite Mannschaft in der Regionalliga etablieren. Wir sehen diese vierthöchste Spielklasse als optimales Sprungbrett an, um Spieler an die Bundesliga heranzuführen.

Nicht die dritte Liga?

Man sieht an den Beispielen Energie Cottbus, VfR Aalen oder SG Sonnenhof Großaspach wie schwierig es ist, sich dort zu behaupten. Man steht in Liga drei permanent unter Druck, eine U21 müsste fast zwangsläufig hauptsächlich defensiv agieren. Wenn man sich in der Regionalliga zwischen Platz sechs und zehn bewegt, kann man flexibler agieren. Das ist für die Ausbildung eines jungen Spielers möglicherweise sogar besser.

Und in der Oberliga wäre der VfB II auf den Dorfsportplätzen der Gejagte?

Die Gegner würden sich sicher auf uns freuen. Und gerade deshalb müssten unsere jungen Spieler auch dort Spiel für Spiel an ihre Grenzen gehen. Das zeigt ja auch am besten das aktuelle Beispiel Stuttgarter Kickers, die auch nicht locker durch die Oberliga marschieren.

Wer wird den VfB II in der neuen Saison trainieren? Weiter Andreas Hinkel?

Da muss man abwarten. Wir investieren unsere komplette Energie aktuell in unser Ziel Klassenverbleib.

Wie intensiv ist der Austausch unter den Gentner-Brüdern derzeit über die sportliche Lage?

Wie eigentlich immer: sehr intensiv. Christian (Anm. d. Red.: Kapitän der VfB-Bundesligamannschaft) und Thomas (derzeit verletzter Spieler bei Oberligist SGV Freiberg) waren ja auch gegen Hessen Dreieich im Stadion und haben die Daumen gedrückt. Wir tauschen uns täglich aus. Wir haben ein sehr enges familiäres Verhältnis.

Aber auf ein Duell mit Thomas in der Oberliga könnten Sie verzichten?

(lacht) Wohl wahr. Schon eher könnte ich mit einem Spiel VfB Stuttgart II - SGV Freiberg in der Regionalliga leben. Aber noch ist auch gar nicht hundertprozentig klar, ob Thomas dort über die Saison hinaus bleibt.