Der Neandertaler war alles andere als ein primitiver, grobschlächtiger Höhlenmensch. Neue Funde in der Einhornhöhle im Harz zeigen: Der Frühmensch war ein begabter Künstler mit ästhetischem Empfinden.

Wochenend-Magazin: Markus Brauer (mb)

Hannover - Forscher haben einen von einem Neandertaler verzierten Riesenhirsch-Knochen in der Einhornhöhle im Harz entdeckt. Der Fund sei eine Sensation, denn er zeige, dass unser genetisch nächster Verwandter vor mehr als 50 000 Jahren schon erstaunliche kognitive Fähigkeiten hatte, teilte die Universität Göttingen am Montag (5. Juli) mit.

 

Die Einhornhöhle ist eine rund 700 Meter lange Karsthöhle im Zechstein-Dolomit. Sie liegt bei Scharzfeld im gemeindefreien Gebiet Harz des niedersächsischen Landkreises Göttingen und ist die größte Besucherhöhle im Westteil des Harzes.

Lange galt der Neandertaler als vergleichsweise primitiv. Zwar ist inzwischen bekannt, dass er Werkzeuge und Waffen herstellte, doch Schmuck, Höhlenmalereien oder kleine Figuren wurden bisher fast ausschließlich aus jüngerer Zeit entdeckt, als sich der aus Afrika kommende moderne Mensch (Homo sapiens) in Europa verbreitete.

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Neandertaler hatt bereits ästhetisches Empfinden

Auf dem kompakten Zehenknochen ist ein Winkel-Muster bestehend aus sechs Kerben eingeritzt. Man habe eine Seite zur Schauseite gemacht, sagte der Archäologe Thomas Terberger. Der Knochen lasse sich auch hinstellen, unten gebe es ein Muster aus vier weiteren kurzen Kerben.

Das Objekt sei ein Hinweis darauf, dass schon der Neandertaler ein ästhetisches Empfinden hatte und wohl über Symbole kommunizierte. „Dies spricht für eine eigenständige Entwicklung der kreativen Schaffenskraft des Neandertalers“, so Terberger weiter. Die neuen Erkenntnisse veröffentlichte das Forscherteam in der Fachzeitschrift „Nature Ecology and Evolution“.

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Muster in aufgeweichte Knochenoberfläche geschnitzt

In Frankreich wurden bisher wenige von Neandertalern geschaffene Anhänger und Klauen als Schmuckobjekte gefunden sowie einfache abstrakte Motive an Höhlenwänden in Spanien.

Der neue Fund aus der Einhornhöhle sei eine der komplexesten bisher bekannten künstlerischen Ausdrucksformen von Neandertalern, schreibt die Londoner Forscherin Silvia Bello in einem Kommentar des Fachjournals.

Um einen Vergleich anzustellen, führte das Forscherteam Experimente mit Fußknochen heutiger Rinder durch. Dabei stellte sich heraus, dass der Knochen wohl zunächst gekocht werden musste, um das Muster anschließend mit Steingeräten in etwa 1,5 Stunden in die aufgeweichte Knochenoberfläche zu schnitzen.

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Knochen sind 51 000 Jahre alt

Der Zehenknochen mit dem Muster ist fast sechs Zentimeter lang, knapp vier breit und etwa drei Zentimeter dick. Er war 2020 unter Jagdbeute-Resten im Eingangsbereich der Höhle in der Nähe von Herzberg am Harz gefunden – bei einer Grabung des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege.

Das Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung an der Universität Kiel bestimmte für den verzierten Knochen mit der Radiokarbonmethode ein Alter von über 51 000 Jahren.

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Es ist somit viel älter als die rund 40 000 Jahre alten Neandertaler-Schmuckobjekte aus Frankreich, bei denen diskutiert wird, ob es sich nicht nur um Nachahmungen von Kunst des modernen Menschen handelt, der zu diesem Zeitpunkt bereits in Europa angekommen war.