Eine repräsentative Umfrage der Deutschen Depressionshilfe ergibt: Rund ein Viertel der Deutschen fühlt sich sehr einsam. Menschen, die an einer behandlungsbedürftigen Depression leiden, sind doppelt so häufig betroffen.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Er habe irgendwann alle sozialen Kontakte gemieden. „Ich hatte das Gefühl, allen anderen nur noch zur Last zu fallen und auch den Eindruck, dass mich ohnehin keiner versteht.“ Roland leidet an Depressionen, wie er in einer Pressekonferenz der Deutschen Depressionshilfe berichtete. Im Nachhinein bewertet er seinen kompletten Rückzug durchaus als falsch. „Aber es war zu diesem Zeitpunkt meine Lösung“, sagt er. „Aber es war nicht die beste“, räumt der Leipziger Familienvater noch ein. Letztlich habe er mit Hilfe einer Therapie gelernt, mit der Depression zu leben.

 

Depressive fühlen sich häufig einsam – auch wenn sie Kontakte haben

Rund ein Viertel der Deutschen fühlt sich „sehr einsam“ – das ergab eine repräsentative Umfrage im Rahmen des „Deutschland-Barometer Depression 2023“ der Deutschen Depressionshilfe. Bei Menschen, die an einer behandlungsbedürftigen Depression leiden, waren es sogar doppelt so viele Betroffene. Und dies unabhängig von den tatsächlichen sozialen Kontakten, welche die Befragten hatten. „Die Einsamkeit ist ein Symptom der Depression“, sagt Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Depressionshilfe und Suizidprävention. Viele Depressive verlieren aus seiner Sicht das Gefühl für Nähe, Verbundenheit und Liebe gegenüber anderen Menschen. „Sie vermissen also nicht die tatsächlichen Kontakte, sondern das Gefühl, so etwas wie Wärme und Nähe zu empfinden“, sagt Hegerl.

Befragt wurden für die Untersuchung 5196 Personen zwischen 18 und 69 Jahren im September 2023 . Die Befragung der Deutschen Depressionshilfe untersucht jährlich die Einstellungen und Erfahrungen zum Thema Depression der erwachsenen Bevölkerung, gefördert wird die Studie von der gemeinnützigen Deutsche Bahn Stiftung.

Trotzdem gaben viele Betroffene an, dass ihre sozialen Kontakte hilfreich seien bei der Bewältigung einer depressiven Phase. So gaben 82 Prozent der Befragten mit depressiver Störung an, dass sie im privaten Umfeld viel Unterstützung bekommen. Ihre Freunde und Bekannten geben ihnen vor allem das Gefühl, nicht alleine zu sein – wenngleich das Gefühl der Einsamkeit trotzdem da wäre. Dieser Aussage stimmten 96 Prozent zu.

Freunde und Familie sind wichtigste Unterstützung

Auch seien Freunde und Bekannte wichtig, um jemanden zum Reden zu haben. Ein wichtiger Punkt ist für Betroffene auch, dass Freunde und Bekannte häufig dabei unterstützen, sich Hilfe zu holen. Dies gaben 81 Prozent der Befragten an, bei 87 Prozent verhinderten Menschen im eigenen Umfeld, dass er Betroffene sich völlig zurückzieht.

Ulrich Hegerl rät Angehörigen, sich über die Krankheit zu informieren und ein erkranktes Familienmitglied zu einem Arztbesuch zur Not zu begleiten. „Viele sagen später, sie leben nur noch, weil ihre Angehörigen einen Termin in der Ambulanz ausgemacht haben“, betont der Psychiater.

Er ergänzt zudem, dass Depressionen gut behandelbar seien. „Den allermeisten Menschen können wir helfen. Vielleicht nicht in der ersten Woche, aber nach einiger Zeit verlassen fast alle die Klinik gesünder“, sagt Hegerl. Hilfreich sei demnach häufig eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie. Die deutsche Leitlinie zur Behandlung von Depressionen empfiehlt bei mittelschweren bis schweren Ausprägungen eine Kombination aus beidem. Bei leichten Depressionen sollen Antidepressiva eher nicht eingesetzt werden.

Hegerl weist daraufhin, dass Menschen, die an einer Depression erkranken, oft sehr hilfsbereite, verantwortungsvolle und leistungsorientierte Typen seien – was ein Grund für den Rückzug sein könnte. Auch Roland hat sich von seiner Familie und den Kindern zurückgezogen, weil er sie „schonen“ wollte. Er habe einfach niemand mit seinen Problemen belasten wollen. Heute hat er wieder Kontakt zu seiner Familie und Freunden.