An der städtischen Kampagne „Rad nimmt Rücksicht“ regt sich von Radlerseite Kritik. Braucht es so eine Kampagne? Unsere Leser geben eine eindeutige Antwort.

Digital Unit: Jan Georg Plavec (jgp)

Die städtische Kampagne „Rad nimmt Rücksicht“ wird von einigen Stuttgarter Radvertretern heftig kritisiert. Sie unterstelle, dass alle oder sehr viele Radfahrer rücksichtslos unterwegs seien und bestärke so Gegner der Fortbewegung auf zwei Rädern in ihren Vorurteilen.

Den Kritikern passt auch nicht, dass die Stadt erst auf Nachfrage unserer Zeitung transparent machte, auf welcher empirischen Grundlage sie die Notwendigkeit für eine solche Kampagne sieht. 156 Beschwerden seien bei der Stadt „zum Gesamtthemenkomplex Radverkehr“ eingegangen, sagte ein Sprecher der Verwaltung – 64 davon zum „Verhalten von Radfahrenden“.

Das sei keine ausreichende Begründung für eine teure Kampagne, finden die Kritiker. Bei der Kampagne im vergangenen Jahr, die Autofahrer zum Abstandhalten beim Überholen von Radfahrern ermahnte, sei es anders gewesen. Tatsächlich ergaben Messungen des Projekts „Open Bike Sensor“ wie auch unseres Projekts „Radort Stuttgart“, dass Radler vielerorts zu eng überholt werden.

Unsere Lesermeinung in Zahlen und Worten

Zu diesem Projekt erreichten uns sehr viele Leserbriefe und -mails. Anlässlich der Diskussion um die Rad-nimmt-Rücksicht-Kampagne haben wir nochmals nachgezählt: Neben Hunderten Mails rund um unser Freiwilligenprojekt äußerten sich 118 Leserinnen und Leser per Mail an radfahren@stzn.de inhaltlich zum Thema Radverkehr in Stuttgart.

Etwas mehr als die Hälfte davon freute sich darüber, dass unsere Zeitung das Thema ausführlich berichtet und mit einer Freiwilligenaktion selbst Daten zu Überholabständen erhoben hat. Diese Leserbriefschreiber beklagten vielfach, zu eng überholt zu werden oder dass sie als Radfahrer auf der Straße rücksichtslos behandelt werden. 47 der 118 Leserbriefschreiber beklagten sich über Radfahrer, die sich nicht an die Regeln halten oder Verkehrsteilnehmer auf andere Art gefährden.

Die Werte sind natürlich nicht repräsentativ. An unser Mailpostfach konnte und kann sich jeder wenden, der möchte. Dass vier von zehn Leserbriefschreibern sich über Radfahrer beschweren, ist aber zumindest bemerkenswert – und eine Antwort auf die Frage, ob eine Kampagne zur Rücksicht im Straßenverkehr sinnvoll ist. Im Folgenden dokumentieren wir einige Aussagen aus den 47 fahrradkritischen Leserbriefen.

Kritik von Autofahrern und Fußgängern

Beispielhaft für die Kritik an teilweise rücksichtslosen Radfahrern schrieb ein Leser: „Da fahren Radler auf der viel befahrenen Straße, obwohl daneben ein gut ausgebauter Radweg verläuft und wenn man sie darauf hinweist, bekommt man den Stinkefinger gezeigt oder es heißt: das geht Dich nichts an“. Und weiter: „In der Stadt am Rückstau der Ampeln wird links und rechts an der wartenden Autos vorbei gedrückt, z. T. die rote Ampel missachtet oder eben mal ohne Rückschauen oder abstoppen über die Fußgängerampel oder den Zebrastreifen gebrettert. Weist man diese Radfahrer auf ihr Fehlverhalten hin, bekommt man Beleidigungen zurück.“

Noch etwas häufiger war die Kritik von Fußgängern. „Wenn sich die Radfahrer schon über die sie ignorierenden und damit gefährdenden Autofahrer beschweren, dann gehört auch eine Beschwerde der Spaziergänger über die rücksichtslosen Radfahrer hinzu“, schrieb ein Leser. Und ein anderer meinte bitter: „Ein hoher zweistelliger Prozentsatz der Radfahrer lebt in Anarchie. Verkehrsregeln, was ist das? Fußgänger -unliebsame Slalomstangen! Autos brauchen wir nicht mehr, die gehören verboten!“

Kritische Radfahrer

Auch etliche Radfahrer beobachten mit Sorge die schlechten Beispiele – wie häufig sie auch sein mögen. Eine mit dem Rad zur Arbeit pendelnde Leserin schrieb: „Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht über andere Fahrradfahrer ärgere. Ich fahre auf meiner Strecke über 4 Ampeln ... und an fast jeder Ampel fährt min. ein Radfahrer über Rot!! Und es gibt einige die mich auch noch blöd anmachen, weil ich stehen bleib oder an unübersichtlichen Stellen mein Tempo verlangsame oder am Kinderspielplatz langsamer und bremsbereit fahre“.

Ein ausschließlich Rad fahrender Leser aus dem Heusteigviertel schrieb: „Da wird in einem Tempo gebolzt, dass einem Angst und Bange wird. Rote Ampeln, nicht für die meisten Radfahrer. Im Gegenteil, der Autofahrer oder vorbildlich haltende Radfahrer, wird übelst beschimpft. Rechts vor links, Fehlanzeige. Rücksicht auf Fußgänger, auch mit Kindern, auf gemeinsam genutzten Wegen, doch nicht mit mir“, klagte er – und forderte: „Alle müssen Rücksicht nehmen – auch die Radrüpel.“

Zahlen fehlen

Zahlen konnte keiner der Leserbriefschreiber nennen. Anders als beim Überholabstand ist die Diskussion um Rücksicht – oder um die Notwendigkeit von Kampagnen, die zur Rücksicht mahnen – vor allem von zwingend subjektiven Eindrücken geprägt.

Ginge es auch anders? Lassen sich belastbare Zahlen ermitteln? Zumindest im Umkehrschluss scheint es möglich: Radfahrer verweisen auf eine Kontrollaktion der Stuttgarter Polizei am Marienplatz, bei der kaum Anlässe beobachtet wurden, die auf rücksichtslose Radler hindeuten.

Ein in zahlreichen Leserbriefen zu „Radort Stuttgart“ geäußerter Wunsch scheint ebenfalls erfüllbar – Abstandssensoren für Fußgänger:

Hinweis: In einer ersten Version des Artikels hieß es, dass „jeder vierte“ Leserbriefschreiber sich über rücksichtslose Radfahrer beschweren würde. Das ist falsch, tatsächlich sind es vier von zehn. Der Fehler wurde um 8:30 Uhr korrigiert.

Hier geht es zu den Berichten unseres Projekts „Radort Stuttgart“

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