Erst die Busse, dann die Stadtbahn, ganz neue Linien – die Einigung von Mittwoch verdient das Prädikat „historisch“ und wird den Verkehr im Kreis Ludwigsburg nachhaltig verändern. Wir haben Reaktionen gesammelt.

Lokales: Tim Höhn (tim)

Kreis Ludwigsburg - Es ist viel spekuliert worden vor dem alles entscheidenden Treffen im Verkehrsministerium in Stuttgart. Viel stand auf dem Spiel, für Ludwigsburg, den Kreis Ludwigsburg, für abertausende Autofahrer, Bahnfahrer, Busnutzer. Bekommt der Landkreis eine Stadtbahn? Oder nur Schnellbusse? Beides? Gar nichts?

Herausgekommen ist ein Kompromiss, mit dem alle Seiten ihr Gesicht wahren können und der den Verkehr in Landkreis und Stadt nachhaltig verändern wird. Ja, die Schnellbusse werden kommen, aber nur als Übergangslösung. Denn: Ja, auch die Bahn von Remseck bis nach Markgröningen wird gebaut. Nach ersten Schätzungen werden für die neue Stadtbahn rund 215 Millionen Euro benötigt, aber Bund und Land haben bereits signalisiert, dass sie das gewaltige Projekt fördern werden. Wir sammeln an dieser Stelle Stimmen von den Protagonisten.

Der OB und der Landrat

Der Ludwigsburger Oberbürgermeister Werner Spec, der sich vehement für die Schnellbusse eingesetzt hatte und den Bau der Stadtbahn kritisch sieht, sagt: „Es war erkennbar, dass die Stadtbahn für das Ministerium von besonderer Bedeutung war.“ Es sei ein Kompromiss, der Klarheit bringe. Der Landrat Rainer Haas darf sich als Gewinner fühlen, aber auch er hat nicht auf ganzer Linie gesiegt. Haas will zwar unbedingt eine Stadtbahn, befürwortet aber eigentlich das SSB-Hochflursystem. Im Kreis Ludwigsburg soll aber eine Niederflurbahn mit niedrigen Einstiegen fahren – so etwas gibt es sonst nirgends in der Region Stuttgart. Trotzdem spricht der Landrat von einem „historischen Straßenbahnprojekt“. Man solle nun schnell in den Gremien Beschlüsse fassen und einen Zweckverband gründen. Haas: „Ich bin froh, dass wir einen Kompromiss gefunden haben.“

Die Städte

Der Korntal-Münchinger Bürgermeister Joachim Wolf bedauert die Entscheidung für die Niederflurstadtbahn, besonders überrascht habe sie ihn allerdings nicht. „Das war zu erwarten. Der Landrat hat verständlicherweise eingelenkt, da er gegen die Ludwigsburger Lobby nicht ankommt“, sagt er. Jedoch sei seine Stadt nun zunächst de facto abgehängt. Niederflur bis Stuttgart mache wenig Sinn.

Korntal und andere Kommunen kämpfen dafür, dass die SSB-Stadtbahn von Stuttgart bis zu Bosch nach Schwieberdingen verlängert wird. Dort treffen dann aber, wenn es so kommt, künftig zwei nicht kompatible Systeme aufeinander. An den SSB-Plänen will Wolf aber trotzdem festhalten: „Die Idee ist visionär, aber wenn wir nachhaltig etwas planen wollen, müssen wir an dieser Vision dranbleiben“, sagt er.

Die Kritiker

In Ludwigsburg selbst stand die Hochflurbahn der SSB von Anfang an auf dem Abstellgleis – niemand wollte sie. Zu groß sind die Eingriffe in den Stadtraum, zu hässlich die Hochbahnsteige. CDU und Freie Wähler sehen sogar jede Form von Stadtbahn im barocken Ludwigsburg skeptisch: CDU-Fraktionschef Klaus Herrmann sagt jetzt trotzdem, dass er den Kompromiss unterstütze. „Es geht ja nicht anders. Wir erwarten, dass jetzt alle Kosten für Investitionen und Betrieb vorgelegt werden.“ Noch nicht überzeugt sind die Freien Wähler: „Es sind noch viele Fragen offen“, sagt der Fraktionschef Reinhardt Weiss. Wie viele Bäume, wie viele Parkplätze, wie viele Straßen müssen für die Stadtbahn weichen? „Das wollen wir wissen, und darüber müssen wir diskutieren.“

Auch Remseck ist von der Entscheidung direkt betroffen. Der OB Dirk Schönberger freut sich, dass die SSB-Stadtbahnlinie U 14 von Mühlhausen bis nach Pattonville verlängert werden soll: „Dadurch kann man jeweils umstiegsfrei nach Ludwigsburg oder Stuttgart fahren.“

Die Sieger

Wenn es einen klaren Sieger gibt: Es sind die Grünen. Sie haben sich für die Stadtbahn und die Niederflurtechnik eingesetzt – beides wird nun umgesetzt. Zuletzt drohten sie gar mit einem Bürgerentscheid – wohl wissend, dass die Stadtbahn auch in Ludwigsburg viele Anhänger hat. „Triumphgeheul liegt uns uns nicht so, aber wir hätten Anlass dafür“, sagt der Fraktionschef Michael Vierling. „Wir sind hochzufrieden mit der Entwicklung, der Durchbruch ist da, die Stadtbahn kommt.“ Dass als Übergangslösung die von Spec ins Spiel gebrachten Schnellbusse, die sogenannten BRT-Busse, auf die Straßen kommen, ist für die Grünen kein Problem. „Ein Schnellbus ist ein schneller Bus“, sagt Vierling. Dafür müsse man die Welt nicht neu erfinden und vielleicht nicht einmal neue Fahrspuren bauen. Vielleicht reiche es, den Bussen mit intelligenten Ampeln den Weg freizuräumen und ihnen an manchen Stellen bestehende Fahrspuren zuzuschlagen – auf Kosten des Autoverkehrs. „Das fordern wir schon lange.“

Der Verlierer : die SSB

Die Stuttgarter Straßenbahn AG wächst, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in der ganzen Region ausgebreitet – nur im Kreis Ludwigsburg ist jetzt Schluss. Dort will man Niederflurtechnik, niedrige Einstiege – das System ist etwas teurer als die bewährte Hochflurtechnik der SSB. Aber: Die Ludwigsburger hatten Sorge, dass die Hochbahnsteige der SSB ihre Stadt verschandeln. „Man hat sich für eine Insellösung entschieden, und das respektieren wir natürlich“, sagt der SSB-Vorstand Wolfgang Arnold.

Ganz so abgeklärt sieht es Arnold dann aber doch nicht. Die Frage sei, sagt er, ob sich mit dieser Lösung, abgekoppelt vom Rest der Region, „am Ende eine vergleichbare verkehrliche Wirkung entfalten lässt wie mit einem Netz, das in ein größeres System integriert ist“. Für Arnold ist die Antwort klar, auch wenn er sie nicht klar ausspricht. Man müsse da ein Fragezeichen setzen, sagt er, aber übersetzt heißt das wohl: Natürlich geht das nicht. Zudem, so Arnold, sei Hochflurtechnik effizienter als Niederflur, und deshalb sei er sehr froh, dass die SSB mit Hochflur unterwegs sei. Für das Unternehmen sei die Entscheidung aus Ludwigsburg kein großes Problem. „Uns geht die Arbeit nicht aus.“