Therapie in Ludwigsburg Druckkammer: das Land rudert zurück

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Eine spezielle Sauerstofftherapie am Klinikum Ludwigsburg kann Leben retten und viele spezielle Krankheiten heilen. Doch die Kassen zahlen die Behandlung nur selten. Und die neue Landesregierung hält eine 24-Stunden-Versorgung nicht mehr für nötig.

Eine Tauchfahrt mit heilsamen Nebenwirkungen: die Behandlung in der Druckkammer kann Leben retten – und seltene Krankheiten heilen. Foto: factum/Archiv
Eine Tauchfahrt mit heilsamen Nebenwirkungen: die Behandlung in der Druckkammer kann Leben retten – und seltene Krankheiten heilen. Foto: factum/Archiv

Ludwigsburg - Ralf Schäfer ist Kummer gewohnt. Seit vielen Jahren ist er als Nebenjob Geschäftsführer des Druckkammerzentrums Stuttgart. Ärger mit den Krankenkassen, die die Kosten für die Spezialbehandlung mit Sauerstoff unter hohem Luftdruck nicht zahlen wollen, sind an der Tagesordnung. Aber Fälle wie dieser ärgern den hauptberuflichen Feuerwehrgutachter Schäfer immer noch.

Nachts gegen zwei Uhr wurde neulich ein lebensbedrohlich kranker Patient nach einer Notoperation zu Schäfers Druckkammer gebracht – eine hausinterne Verlegung, weil das Gerät seit knapp zwei Jahren am Klinikum Ludwigsburg ansässig ist. Wegen seiner gefährlichen Gewebeerkrankung brauchte der Mann die hyperbare Sauerstofftherapie. Allein: Schäfer fand in jener Nacht keine Ärzte oder Pfleger, die arbeiten durften. Wer Frühschicht hat und nachts arbeitet, begeht einen schweren Verstoß.

Teure und unnötige Verlegung

So wurde der Patient schließlich mit einem riesigen logistischem Aufwand per Hubschrauber nach Murnau in Bayern gebracht, wo es eine gesicherte 24-Stunden-Versorgung gibt. „Der Transport war mit Sicherheit teurer, als wenn wir den Patienten bei uns behandelt hätten“, sagt Schäfer verärgert. Zumal so ein Transport für den labilen Patienten eine unnötige Belastung darstelle, ergänzt er.

Eine Behandlung in der Druckkammer gilt bei Medizinern bei vielen Diagnosen – nicht nur, aber auch bei Kohlenmonoxidvergiftungen – als Mittel der Wahl (siehe „Diagnosen und Studien“). Doch noch immer gibt es in Baden-Württemberg keine gesicherte 24-Stunden-Notfallversorgung an einem Krankenhaus mit maximaler medizinischer Bandbreite. Noch einige Monate vor der Landtagswahl hat der damalige Landesbranddirektor Hermann Schröder, ansässig im Innenministerium, angekündigt, dass dieser Missstand beseitigt werden solle. Doch dann kam der Regierungswechsel. Und die grün-schwarze Koalition will von diesem vermeintlichen Nischenthema nicht mehr viel wissen.

Der Landesvater schweigt zu dem Thema

Selbst der Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) schweigt zu dem Thema. Eine Anfrage unserer Zeitung blieb in der vergangenen Woche jedenfalls unbeantwortet. Und das Sozial- und Innenressort antworten schwammig. Es gebe ja eine Versorgung tagsüber im Land. Und nachts könne man auf die Druckkammern in Murnau oder Wiesbaden (Hessen) zurückgreifen. Auf die Frage, wie man die Tatsache rechtfertige, dass dadurch die Behandlung baden-württembergischer Patienten auf Kosten der Kassenbeitragszahler in Nachbarländern bezahlt wird, geben die Ministerien keine Antwort.

Das Land Hessen finanziert für rund anderthalb Millionen Euro jährlich einen 24-Stunden-Betrieb. Auch in Nordrhein-Westfalen arbeitet das Gesundheitsministerium derzeit an einem Ausbau der Druckkammertherapie.

Ist Ulm eine Alternative?

Den Hinweis, dass Berufstaucher im Land laut den Regeln der Berufsgenossenschaft nur zum Einsatz kommen dürfen, wenn es hier eine gesicherte Notfallversorgung gibt, verweist das Innenministerium auf die Druckkammer am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm. Dort bestätigt man, auch nachts Notfälle behandeln zu können. „Aber als Arzt kann ich das Ansinnen von Ludwigsburg nur unterstützen“, sagt der zuständige Chefarzt Lorenz Lampl. Sein Krankenhaus sei nicht mit einem Haus der Maximalversorgung wie Ludwigsburg vergleichbar. Zudem sei das Argument, dass Notfallpatienten jederzeit nach Murnau oder Wiesbaden – oder auch Ulm – transportiert werden könnten, „nicht wirklich stichhaltig“, sagt Lampl. Eine Verlegung per Helikopter trage grundsätzlich dazu bei, „die Behandlungschancen der Patienten zu verschlechtern“. Zudem gebe es auch in Ulm Situationen, in denen kein spezieller Taucharzt, der mit in die Druckkammer komme, verfügbar sei, weil er zwölf Stunden Pause machen müsse. Und der wohl bekannte Nebel, der Ulm häufig umgebe, führe oft dazu, dass Hubschrauber dort nicht landen dürften. Der Wunsch in Ludwigsburg, ein landesweites Behandlungszentrum zu werden, sei also einleuchtend, zumal Ludwigsburg im Herzen der am dichtesten besiedelten Region im Land liege. „Der Bedarf ist riesengroß.“

Kostengeschacher mit den Krankenkassen

Doch auch fernab der 24-Stunden-Frage hat die Druckkammer in Ludwigsburg ihre Nöte. So bezahlen die Krankenkassen oftmals nicht für die spezielle Sauerstofftherapie. Bei der Krankenhausverwaltung geht man deshalb davon aus, dass man jährlich ein Defizit im unteren sechsstelligen Bereich hat. Auch bei Diagnosen, für die die Kassen sogar laut höchstrichterlicher Entscheidung aufkommen müssten, muss Ralf Schäfer oft hinter dem Geld herrennen. So hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass eine Druckkammerbehandlung bei einem diabetischen Fuß von den Kassen bezahlt werden muss.

„Der erste Antrag auf Kostenübernahme wird meist abgelehnt“, berichtet Schäfer. Erst wenn der Patient Widerspruch einlege und auf das BGU-Urteil verweise, „funktioniert es meistens“. Die Wartezeit sei für den Patienten aber schwierig. „Wenn der Zeh bis dahin ab ist, hat der Patient nicht mehr so viel davon.“




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