Rituale gehören zur Natur des Menschen. Ohne sie wäre er ziel- und planlos. Zehn Gründe, warum es ohne Rituale nicht geht und warum Familienfrühstücke, Zähneputzen in Kitas und Begrüßungszeremonien so sinnvoll sind.

Leben: Markus Brauer (mb)

Stuttgart - Weihnachts- und Geburtstagsfeier, Abi-Ball, Sonntagsfrühstück im Kreis der Familie, Ostereier suchen, Muttertag, Gute-Nacht-Geschichten: Unser ganzes Leben ist durchwoben von Ritualen. Durch sie gewinnt der Mensch Sicherheit und Stabilität, sie schaffen ein Zusammengehörigkeitsgefühl und Identität. Rituale bringen Ordnung in den Alltag, helfen, Krisen zu bewältigen, stiften Begegnung und Beziehungen.

Kurzum: Rituale gehören zur „Conditio humana“ – zur Natur des Menschen. Doch welchem Zweck dienen sie? Was macht sie so wichtig und unentbehrlich?

1. Rituale sind mehr als Routine

Das Brot durch Bekreuzigen zu segnen, bevor man es schneidet, ist eine alte christliche Zeremonie. Ein feierlicher Akt im Alltag, der deutlich macht, dass mit Gottes Beistand und Hilfe das Brot allen, die es essen, Kraft schenken und zum Segen gereichen soll.

Das Beispiel verdeutlicht den Unterschied zwischen Ritual und Gewohnheit: Den Brotlaib schneiden ist eine Gewohnheit und instrumentelle Handlung, die man regelmäßig vollzieht und die einem unmittelbaren Zweck dient – nämlich das Brot für den Verzehr herzurichten. Rituale dagegen sind expressive Handlungen. Sie drücken etwas aus, was eine tiefere Bedeutung hat, und verbildlichen es.

Rituale laufen nach vorgegebenen Regeln ab, die formell und oft feierlich sind und einen hohen Symbolgehalt haben. Religiöse Rituale stellen alltägliches Tun in einen universalen Sinnzusammenhang. So ist das Bekreuzigen des Brotes Ausdruck des Glaubens an eine übernatürliche Macht, die dem Menschen Halt und Schutz verheißt und ihm seine tägliche Nahrung schenkt.

2. Rituale stiften Gemeinschaft

Nehmen wir ein profaneres Beispiel: Jugendliche begrüßen einander durch Handschlag oder eine Umarmung mit angedeutetem Wangenkuss. Diese Geste – mitunter noch unterstützt durch formalisierte Begrüßungsfloskeln („Wie geht’s?“, „Was geht ab, Alter?“, „Hallöchen“) – ist weit mehr als eine Bewegung der Arme, Hände und des Kopfes. Hier findet etwas statt, was Werte vermittelt und Gemeinschaft stiftet – ein Ritual. Rituelles Handeln ist immer körperbezogenes, kommunikatives und soziales Handeln.

3. Rituale muss man vollziehen

Wer nur in seinem stillen Kämmerlein sitzt und meditiert, vollzieht kein Ritual. Dazu gehören die Öffentlichkeit, der Dialog, die Tat. Rituelle soziale Umgangsformen erleichtern die Kommunikation und das Miteinander. Man stelle sich vor, für jede Begegnung würde man sich eine neue Grußformel ausdenken. Heillose Verwirrung und Unsicherheit wären die Folge. Dadurch, dass Rituale wiederholt werden, typisieren und vereinfachen sie das Verhalten. Sie lassen sich gut nachahmen und schaffen eine Atmosphäre der Sicherheit und Vertrautheit.

4. Rituale folgen festen Regeln

Rituale strukturieren den Alltag. Fast jede Handlung kann ritualisiert werden: der Start in den Börsenhandel, der Gutenachtkuss der Mutter, ein gemeinsamer Spaziergang. Rituale folgen bestimmten Regeln und weisen eine gewisse Unveränderlichkeit und Förmlichkeit auf. Gerade weil sie sinnlich erfahrbar und sozial inszeniert sind, haben sie eine überragende Bedeutung für die Kommunikation. Über sie kann sich der Mensch ausdrücken, ohne durch Gesten und Worte noch viel erklären zu müssen.

5. Kinder brauchen Rituale

Ein anderes Beispiel: das gemeinsame Zähneputzen in Kitas. Nach Meinung des Berliner Erziehungswissenschaftlers und Anthropologe Christoph Wulf dient dieser Akt nicht nur der Zahnpflege, sondern ist ein Reinigungsritual. Kinder würden das Putzen geradezu zelebrieren

und Selbstdarstellung betreiben. Zugleich markiert es den zeitlichen Übergang vom Spiel und Essen zur Schlafenszeit. Gerade für Kinder, die jeden Tag mit neuen aufregenden Erfahrungen konfrontiert werden, vermitteln Rituale ein Gefühl der Ruhe und Beständigkeit – was wiederum Vertrauen schafft.

Die Kraft der Rituale, Teil zwei

6. Rituale geben Sicherheit

Menschen werden ständig mit kleinen und großen Katastrophen konfrontiert. Unvorhersehbare und neue Erfahrungen können verunsichern und überfordern. Hier geben Rituale Halt. Sie stehen für die Dauer im Wandel. Dafür müssen sie aber immer wieder eingeübt und erprobt werden. Der Münchner Religionswissenschaftler und evangelische Theologe Michael von Brück nennt sie „inszenierte Traditionen“, die sowohl psychologisch als auch sozial wirken.

7. Rituale stärken Traditionen

Jeder Versuch, ohne Traditionen – das heißt, ohne die Weitergabe von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen – auszukommen und ständig Neues zu kreieren, ist zum Scheitern verurteilt. Vor allem in Zeiten sozialer Unsicherheit ist der Rückgriff auf Bekanntes und Bewährtes wichtig. „Rituelle Handlungen erzeugen einen Zusammenhang zwischen Geschichte, Gegenwart und Zukunft, sie ermöglichen Kontinuität und Veränderung“, erklärt Wulf. Sie vermitteln Stabilität und Kontinuität über Zeiten und Augenblicke hinweg, vernetzen Generationen und weisen über sich selbst hinaus.

8. Rituale überhöhen den Alltag

Der Aspekt der Transzendenz, des Überschreitens ist wesentlich für Rituale. Das gilt nicht nur für religiöse Riten, die auf einen Gott oder eine Götterwelt hinweisen, sondern auch für humanistische und philosophische Ideen wie Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit oder Nation. Religion, so Michael von Brück, beschreibe mit ihren Symboliken und Ritualen das Ganze. Die menschlichen Handlungen und der Rhythmus des Lebens würden in einen universalen Sinnzusammenhang gerückt. Gottesdienste zum Beispiel stellen eine Verbindung her zwischen Himmel und Erde, Jenseits und Diesseits, die sinnlich wahrnehmbar ist – in Gebeten, Gesängen, Klängen, Düften und vielerlei sakralen Handlungen.

9. Rituale markieren Übergänge

Ein Leben ohne Rituale ist schlicht unmöglich. Die Neigung zu rituellem Tun ist dem Menschen angeboren und quasi in seinen genetischen Code eingestanzt. Das beweist die Tatsache, dass zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften Rituale vorhanden waren. Es gehört zu den wichtigsten kulturgeschichtlichen Leistungen, dass einschneidende Übergänge im Leben des Menschen rituell abgesichert wurden – buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre. An bestimmten biografischen Wendepunkten markieren Übergangsrituale wie Taufe, Kommunion und Konfirmation, Jugendweihe und Hochzeit den Übergang in eine neue Lebensphase. Zugleich unterstreichen sie, dass nichts beliebig oder zufällig geschieht. So bekommt das Individuelle einen allumfassenden Sinn.

10. Rituale sind Wandlungsfähig

So vielfältig Rituale sind, so unterschiedlich werden sie wahrgenommen. Für die einen sind sie erhaben und feierlich, für die anderen hohl und überholt. Jugendlichen in der Pubertät ist die Lebensweise ihrer Eltern oft ein Graus. Deren Rituale erscheinen ihnen spießig und uncool. Doch das Aufbegehren gegen Autoritäten ist selbst wieder Ausdruck ritueller Handlungen, die sich in der Adoleszenz von Generation zu Generation auf je eigene Art wiederholen und entscheidend zur Reifung der Persönlichkeit beitragen.

Dass Rituale eine Zeit lang verbinden und dann infrage gestellt werden, hat damit zu tun, dass sie „keineswegs nur starr und sinnentleert sind, sondern lebendige Ereignisse darstellen, in denen sich eine Gemeinschaft immer wieder neu findet und an denen sie arbeitet“, erklärt der Heidelberger Indologe und Ritualforscher Axel Michaels. Manchmal muss man an Ritualen rütteln, um zu merken, dass es ohne sie nicht geht.