Zehn Thesen Wozu brauchen wir Rituale?

Indien: Indische Kinder spielen in einer Meer aus rotgefärbtem Wasser. Dieses Ritual gehört  zum Fest der Farben, das im Dauji Tempel südlich von Neu-Delhi gefeiert wird. Foto: AP 36 Bilder
Indien: Indische Kinder spielen in einer Meer aus rotgefärbtem Wasser. Dieses Ritual gehört zum Fest der Farben, das im Dauji Tempel südlich von Neu-Delhi gefeiert wird. Foto: AP

Rituale gehören zur Natur des Menschen. Ohne sie wäre er ziel- und planlos. Zehn Gründe, warum es ohne Rituale nicht geht und warum Familienfrühstücke, Zähneputzen in Kitas und Begrüßungszeremonien so sinnvoll sind.

Leben: Markus Brauer (mb)

Stuttgart - Weihnachts- und Geburtstagsfeier, Abi-Ball, Sonntagsfrühstück im Kreis der Familie, Ostereier suchen, Muttertag, Gute-Nacht-Geschichten: Unser ganzes Leben ist durchwoben von Ritualen. Durch sie gewinnt der Mensch Sicherheit und Stabilität, sie schaffen ein Zusammengehörigkeitsgefühl und Identität. Rituale bringen Ordnung in den Alltag, helfen, Krisen zu bewältigen, stiften Begegnung und Beziehungen.

Kurzum: Rituale gehören zur „Conditio humana“ – zur Natur des Menschen. Doch welchem Zweck dienen sie? Was macht sie so wichtig und unentbehrlich?

1. Rituale sind mehr als Routine

Das Brot durch Bekreuzigen zu segnen, bevor man es schneidet, ist eine alte christliche Zeremonie. Ein feierlicher Akt im Alltag, der deutlich macht, dass mit Gottes Beistand und Hilfe das Brot allen, die es essen, Kraft schenken und zum Segen gereichen soll.

Das Beispiel verdeutlicht den Unterschied zwischen Ritual und Gewohnheit: Den Brotlaib schneiden ist eine Gewohnheit und in­strumentelle Handlung, die man regelmäßig vollzieht und die einem unmittelbaren Zweck dient – nämlich das Brot für den Verzehr herzurichten. Rituale dagegen sind expressive Handlungen. Sie drücken etwas aus, was eine tiefere Bedeutung hat, und verbildlichen es.

Rituale laufen nach vorgegebenen Regeln ab, die formell und oft feierlich sind und einen hohen Symbolgehalt haben. Religiöse Rituale stellen alltägliches Tun in einen universalen Sinnzusammenhang. So ist das Bekreuzigen des Brotes Ausdruck des Glaubens an eine übernatürliche Macht, die dem Menschen Halt und Schutz verheißt und ihm seine tägliche Nahrung schenkt.

2. Rituale stiften Gemeinschaft

Nehmen wir ein profaneres Beispiel: Jugendliche begrüßen einander durch Handschlag oder eine Umarmung mit angedeutetem Wangenkuss. Diese Geste – mitunter noch unterstützt durch formalisierte Begrüßungsfloskeln („Wie geht’s?“, „Was geht ab, Alter?“, „Hallöchen“) – ist weit mehr als eine Bewegung der Arme, Hände und des Kopfes. Hier findet etwas statt, was Werte vermittelt und Gemeinschaft stiftet – ein Ritual. Rituelles Handeln ist immer körperbezogenes, kommunikatives und soziales Handeln.

3. Rituale muss man vollziehen

Wer nur in seinem stillen Kämmerlein sitzt und meditiert, vollzieht kein Ritual. Dazu gehören die Öffentlichkeit, der Dialog, die Tat. Rituelle soziale Umgangsformen erleichtern die Kommunikation und das Miteinander. Man stelle sich vor, für jede Begegnung würde man sich eine neue Grußformel ausdenken. Heillose Verwirrung und Unsicherheit wären die Folge. Dadurch, dass Rituale wiederholt werden, typisieren und verein­fachen sie das Verhalten. Sie lassen sich gut nachahmen und schaffen eine Atmosphäre der Sicherheit und Vertrautheit.

4. Rituale folgen festen Regeln

Rituale strukturieren den Alltag. Fast jede Handlung kann ritualisiert werden: der Start in den Börsenhandel, der Gutenachtkuss der Mutter, ein gemeinsamer Spaziergang. Rituale folgen bestimmten Regeln und weisen eine gewisse Unveränderlichkeit und Förmlichkeit auf. Gerade weil sie sinnlich erfahrbar und sozial inszeniert sind, haben sie eine überragende Bedeutung für die Kommuni­kation. Über sie kann sich der Mensch ausdrücken, ohne durch Gesten und Worte noch viel erklären zu müssen.

5. Kinder brauchen Rituale

Ein anderes Beispiel: das gemeinsame Zähneputzen in Kitas. Nach Meinung des Berliner Erziehungswissenschaftlers und Anthropologe Christoph Wulf dient dieser Akt nicht nur der Zahnpflege, sondern ist ein Reinigungsritual. Kinder würden das Putzen geradezu zelebrieren

und Selbstdarstellung betreiben. Zugleich markiert es den zeitlichen Übergang vom Spiel und Essen zur Schlafenszeit. Gerade für Kinder, die jeden Tag mit neuen aufregenden Erfahrungen konfrontiert werden, vermitteln Rituale ein Gefühl der Ruhe und Beständigkeit – was wiederum Vertrauen schafft.




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