Mit dem SPD-Stadtrat Jochen Reisch verlässt nach 35 Jahren ein Mann mit viel Erfahrung den Gemeinderat. Der ehemalige Lehrer und Rektor des Albert-Einstein-Gymnasiums hatte bereits im vergangenen Herbst angekündigt, nicht mehr kandidieren zu wollen. Bei den Freien Wählern hat sich die Fraktionsvorsitzende Ingrid Stauss dazu entschieden, nur noch für den Kreistag anzutreten. Die Geschäftsführerin des ehemaligen Böblinger Porzellanhauses Stauss engagierte sich 25 Jahre lang – seit 1999 – im Böblinger Gremium.
Drei unter 18-jährige Kandidaten für den Gemeinderat
So junge Kandidaten wie bei dieser Kommunalwahl hat es bislang noch nicht gegeben. Denn am 9. Juni kommt erstmals das passive Wahlrecht ab 16 Jahren zur Anwendung, und einige Parteien machen davon Gebrauch. So will die SPD zwei 17-jährige Schüler ins Rennen schicken: Liliane Lanz (Platz 7) und Noah Robeller (Platz 13). Für Dagersheim tritt der knapp 18-Jährige Fynn Klingenstein (Platz 32) an. Jüngster Kandidat wird voraussichtlich der 16-jährige Schüler Tim Klotz, Mitglied des Böblinger Jugendgemeinderats, sein. Er wurde von der FDP auf Platz 1 der Liste für den Dagersheimer Ortschaftsrat gesetzt. Denn, auch das ist neu bei dieser Wahl: Die FDP hat eine eigene Kandidatenliste für den Ortschaftsrat in Dagersheim zusammengestellt.
Die Grünen, die 2019 mit 22,7 Prozent die meisten Stimmen bekommen haben, setzen – zumindest auf den vorderen Plätzen – auf Bewährtes. Bis auf Tülay Sanmaz, die für den Kreistag kandidiert, wollen alle, die im Gemeinderat sind, wieder antreten. Auf Listenplatz 1 steht die Fraktionsvorsitzende Dorothea Bauer, gefolgt von Markus Helms und der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Hannah Behm. Hoffentlich keinen Streit unter Eheleuten ausgelöst hat die Entscheidung Anja Sklarskis, für die Grünen zu kandidieren (auf Listenplatz 6) – und nicht für die Freien Wähler wie ihr Mann Ralf.
CDU setzt Frau an die Spitze
Mit einer Frau an der Spitze ihrer Liste zieht die CDU in den kommunalen Wahlkampf. Auf Platz 1 kandidiert die 51-jährige Monika Gisi-Büttner. Sie ist Geschäftsführerin der Böblinger Werbeagentur „Wertmacher“ und der CDU frisch beigetreten. Außerdem engagiert sie sich im Vorstand der Elternvertretung der Böblinger Waldorfschule und im Vorstand der Bürgerstiftung Böblingen. Auf Platz 2 und 3 folgen der Fraktionsvorsitzende Thorsten Breitfeld und die ehemalige Integrationsbeirätin Jasmin Salameh. Alle sieben amtierenden Stadträte der CDU haben sich ein weiteres Mal auf die Liste setzen lassen.
Bei den Freien Wählern zieht sich nicht nur Ingrid Stauss zurück. Auch Gudrun Seidenspinner, bis vor Kurzem Vorsitzende des evangelischen Gesamtkirchengemeinderats in Böblingen, tritt nach zehn Jahren nicht mehr an. Alle anderen sind wieder dabei, und sie bekommen Zuwachs aus den Reihen der Fraktion SPD/Linke. Der parteilose Stadtrat Manuel Böhler, der 2019 für die SPD angetreten ist, kandidiert jetzt für die Freien Wähler. Auf Platz 1 steht Daniel Wengenroth, gefolgt von Janina Dinkelaker und Ralf Sklarski.
Ehemalige Pressevertreter wollen in den Gemeinderat
Stimmkönig mit 10 574 Stimmen war beim letzten Mal Florian Wahl (SPD). Die Möglichkeit, dieses Ergebnis zu wiederholen, hat er. Denn der Landtagsabgeordnete ist wieder dabei, ebenso die Fraktionsvorsitzende und Stadtpfarrerin Gerlinde Feine auf Listenplatz 1. Als neues Gesicht auf der Liste will Michael Stürm, ehemaliger und langjähriger Redakteur der Kreiszeitung Böblinger Bote, den Sprung von der Presse- auf die Gemeinderatsbank wagen. Für Dagersheim kandidiert Olcay Miyanyedi, Schirmherr der Kulturwochen anlässlich des diesjährigen Christopher Street Days in Stuttgart. Nicht mehr dabei – außer Jochen Reisch – ist Gottfried Ringwald. Der Pfarrer im Ruhestand war 2022 für Jasmina Hostert in den Rat nachgerückt, nachdem er bereits von 2014 bis 2019 im Gemeinderat war.
Die Presse ist nicht nur bei der SPD, sondern auch bei der FDP vertreten. Jürgen Haar, der ehemalige Chefredakteur der Sindelfinger Zeitung, kandidiert auf Platz fünf. Angeführt wird sie vom Fraktionsvorsitzenden Detlef Gurgel. Auf ihn folgt ein neues Gesicht – die 63-jährige Ingenieurin Martina Sieber, hinter ihr Stadtrat Johannes Peltonen. Auch Stadtrat Manfred Teufel will wieder antreten und damit alle, die bereits im Gremium sind.
AfD nominiert elf Kandidaten
Eine lokale Eigenheit in Böblingen ist die Wählervereinigung BfB. Sie hat sich 2019 von der CDU-Fraktion abgespalten und war seither mit zwei Stadträten vertreten. Für den 9. Juni geht sie mit einer kompletten Liste mit 32 Kandidaten an den Start, sagt Gründer und Stadtrat Willi-Reinhart Braumann auf Nachfrage. Spitzenkandidat der BfB ist Braumann selbst, Wolfgang Kopp, der den zweiten Sitz im Rat innehatte, ist nicht mehr dabei. Auf den Listenplätzen 2 und 3 stehen die ehemalige CDU-Stadträtin Daniela Braun und Martin Langlinderer.
Die rechtspopulistische AfD, mit der die BfB in der letzen Wahlperiode eine Zählgemeinschaft gebildet hat, tritt im Landkreis Böblingen in sechs von 26 Kommunen an. Für die Stadt Böblingen hat die AfD eine Liste mit elf Personen eingereicht. Auf den ersten Plätzen stehen David Alber, Angelika Brotschi und Jörg-Achim Bauer, teilt Thomas Hartung, Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, mit. Manfred Howe aus Dagersheim, derzeit einziges AfD-Mitglied im Gemeinderat, tritt auf Platz 11 an.
Ebenfalls einen Platz im Gremium besetzt aktuell die Linke, die eine Fraktion mit der SPD bildet. Stadträtin Kirstin Liebscher kandidiert auf Platz 3, auf Platz 1 steht der parteilose Architekt Franz Haibt, gefolgt von Siegfried Liebscher, ehemaliger STP-Betriebsrat.
Unechte Teilortswahl und Dagersheim
Wann ist es offiziell?
Die vollständigen Listen für die Gemeinderatswahl in Böblingen werden am Freitag im Amtsblatt veröffentlicht.
Unechte Teilortswahl
Sie dient dazu, den Teilort Dagersheim im Gemeinderat zu vertreten. Entsprechen der Einwohnerzahl sind vier Sitze vorgesehen. Theoretisch könnte also ein Dagersheimer mit weniger Stimmen als ein Böblinger in den Rat einziehen, unter der Voraussetzung, dass die Stimmenzahl seiner Gesamtliste einen Sitz zur Folge hat. Außerdem gibt es noch den Dagersheimer Ortschaftsrat, der ebenfalls am 9. Juni gewählt wird. Dessen Kandidaten werden in einem eigenen Text vorgestellt.