Krimikolumne

Tom Franklin: Smonk Düster, trüb und hoffnungslos

Von  

2017 ist zwar noch nicht ganz rum, aber Killer & Co. legt sich trotzdem schon mal fest: das Buch des Jahres aus dem Beritt dieser Kolumne stammt von Tom Franklin. Gestatten? „Smonk“.

Tom Franklin ist eine Groteske von herausragender Güte gelungen. Foto: Annette Hornischer / American Academy
Tom Franklin ist eine Groteske von herausragender Güte gelungen. Foto: Annette Hornischer / American Academy

Stuttgart - Man nehme Larry McMurtry. Cormac McCarthy. Pete Dexter. Donald Ray Pollock. Nicht zu vergessen James Carlos Blake. Vielleicht noch ein bisschen James Lee Burke. Und fürs Kopfkino einen Schuss, oder besser gleich eine ganze Salve, eine MG-Garbe Sam Peckinpah und Quentin Tarantino. Und dann mache man daraus ein völlig eigenständigen, durch und durch fesselnden, gewalttätigen, komischen, verstörenden, großen Roman, der ein Amerika des Jahres 1911 zeigt, das in seinem partiellen Irrsinn dem Amerika des Jahres 2017 durchaus einen Spiegel vorhält: Smonk von Tom Franklin.

Dieser Smonk, dass ist ein einäugiger Psychopath, ein Gewalttäter, ein Weiberer, der seine Umgebung tyrannisiert, wo sie ihm nur ein bisschen in die Quere kommt. Dieser Smonk ist die Fortsetzung von Larry McMurtrys Blue Duck mit noch brutaleren Mitteln. Einer, der sich auch dann nicht ins Bockshorn jagen lässt, wenn die gar nicht mal so brave Bevölkerung von Old Texas, Alabama, ihn vor Gericht stellen und gleich an Ort und Stelle lynchen will. Mithilfe von zwei Kumpanen und einer Maschinenwaffe löscht Smonk die männliche Bevölkerung des Kaffs nahezu restlos aus und verlässt ungehindert die Gegend.

Widerstrebende Verfolger

Doch ein Richter und die überlebenden Frauen wollen Smonk am Galgen sehen und zwingen den widerstrebenden Gerichtsdiener, die Verfolgung aufzunehmen – ebenfalls ein Motiv aus McMurtrys „Weg in die Wildnis“. Der Mann ist ein früherer Komplize Smonks, als einzigen Mitreiter verpflichtet er den noch unwilligeren Schmied der Ortes.

Hier finden Sie die besten Krimis und Thriller des Jahres 2017.

Und dann ist nach noch die 15-jährige Evavangeline, eine Prostituierte, die der gewaltgeladenen Männerwelt durchaus einiges an effektiver Gewalt entgegenzusetzen hat. Etwa, wenn sie eines perversen Einsiedlers („Wackel, wackel, wackel, wie so’n kleiner Hurenarsch, Hurenarsch.“) Herr wird – auch dies ein Motiv aus der McMurtry-Verwandschaft.

So bevölkert ein wahres Horrorkabinett diese düsteren, trüben, hoffnungslosen Landstrich, jeder einzelne ist auf einer Odyssee nach Erlösung oder wenigstens einem bisschen Frieden – oder halt bloß nach Sex und Schnaps.

Menschliche Niedertracht auf die Spitze getrieben

Auch wenn die motivische Nähe zu McMurtry auf einen böswilligen ersten Blick etwas anderes nahelegen mag, ist Smonk wie gesagt ein komplett eigenständiges Werk. Franklin ist da eine Groteske gelungen, die menschliche Niedertracht auf die Spitze treibt – wobei er zwischen Männern und Frauen keinen allzugroßen Unterschied macht. Was die Kerle brutal sind, sind die Weiber gewalttätig, was die Männer an Irrsinn antreibt, sind die Ladys dem Durchdrehen nahe. Denn tatsächlich – es wird im Verlauf des Romanes immer wieder angedeutet und am Ende dann bittere Gewissheit – hat die gesamte Szenerie etwas Pathologisches, ausgehend von religiösem Wahn, der einher geht mit einer lebensgefährlichen Infektion.