50 Jahre Élysée-Vertrag Per Du mit „Ongela“

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Frankreich und Deutschland begehen ihr Freundschaftsjubiläum mit einem politischen Feiertag in Berlin. Leidenschaft kommt beim Redenmarathon nicht auf. Dafür singt Claudia Roth die Marseillaise und Angela Merkel lehrt französische Journalisten Pünktlichkeit.

Auf die nächsten 50 Jahre: Francois Hollande und Angela Merkel Foto: Bundespresseamt
Auf die nächsten 50 Jahre: Francois Hollande und Angela MerkelFoto: Bundespresseamt

Berlin - Der erhebendste Moment an diesem Tag ist erreicht, als um 16.31 Uhr alle aufstehen, um die Nationalhymnen zu hören. Nicht jeder ist so eifrig bei der Sache wie die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, die zur Melodie der „Marseillaise“ die Lippen bewegt, als kenne sie den Text auswendig. So klingt das Hochamt zur Feier einer ganz besonderen Nachbarschaft aus. Mit wenig Pomp, aber einem ­immensen verbalen Aufwand wird der Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland gedacht, die vor exakt 50 Jahren vertraglich besiegelt wurde.

Der zivile Feiertag beginnt frostig. Im Ehrenhof von Schloss Bellevue ist der Rasen mit Schnee bedeckt. Dachlawinen sind von den Ziegeln gerutscht, die Ziersträucher unter Eiszapfen erstarrt. Die Soldaten der Ehrenformation müssen bei minus acht Grad ausharren. Hier heißt Bundespräsident Joachim Gauck die Staatsgäste aus Frankreich willkommen, allen voran seinen Amtskollegen François Hollande. Sie eröffnen den Jubiläumsreigen. Die Kulisse passt nicht so recht zum eigentlichen Zweck des Zeremoniells, das die beson­dere   Wärme der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich vor Augen führen soll. Beim Abschreiten der Ehrenformation sieht es fast so aus, als beeilten sich die beiden Herren, das Ende des roten Teppichs zu erreichen. Zu dieser frühen Stunde bleiben ihnen die Hymnen erspart. Den Blechbläsern der Bundeswehr sind die Ventile ihrer Instrumente eingefroren.

Betonklotz statt Élysée-Palast

Etwas wie den Élysée-Palast, wo der deutsch-französische Freundschaftsvertrag vor 50 Jahren unterzeichnet wurde, gibt es in Berlin nicht. Hier steht ein schnöder Betonklotz im Zentrum der Stadt. Eine Madame Pompadour hat da noch nicht residiert, nur Angela Merkel. Sie empfängt den französischen Präsidenten im Kanzleramt, und beide geben sich große Mühe, wie ziemlich beste Freunde aufzutreten.

Ihr persönliches Verhältnis stand zunächst unter einem schlechten Stern. Merkel hatte im französischen Wahlkampf unverhohlen Hollandes Konkurrenten Sarkozy unterstützt, obwohl sie es auch mit jenem Herrn nicht immer einfach hatte. Inzwischen sind Hollande und die Kanzlerin per Du. Merkel verwendet dieses „Du“ in demonstrativer Häufigkeit. Sie sprechen nicht die gleiche Sprache – bei vielen Themen gilt das auch im übertragenen Sinne: in der Wirtschaftspolitik, bei der Frage, wie der Euro zu stabilisieren sei und wie die Europäische Union reformiert werden müsse. Da wollen sie demnächst aber gemeinsame Vorschläge unterbreiten. „Vielleicht ist es unser bestgehütetes Geheimnis, dass die Chemie zwischen uns stimmt“, sagt die Kanzlerin über ihren Kollegen. Dieser wendet ein: „Es ist nicht so leicht, sie zu überzeugen.“



Merkel wird direkt

Merkel beendet den gemeinsamen Auftritt brüsk – in einer Manier, die sich Franzosen kaum deutscher ausmalen könnten. Als ein Journalist aus Hollandes Tross der Kanzlerin langatmige Fragen stellt, antwortet sie kurz angebunden, es sei jetzt Zeit, in Richtung Bundestag aufzubrechen, wo gleich die Feierstunde beginne. In Deutschland gebe es die Regel, pünktlich vor dem Parlament zu erscheinen.

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