Gut gemachte Graffiti und Street-Art können Innenstädte aufhübschen. Illegale Schmierereien mit Spraydose oder Permanentmarker sind für Kommunen aber häufig ein Ärgernis.

In Tübingen kämpft Oberbürgermeister Boris Palmer gegen die Graffiti-Szene und stellt eine Belohnung von bis zu 5000 Euro für Erfolg versprechende Hinweise zur Verurteilung von Tätern in Aussicht. Laut einem Facebookpost von Palmer dürfte ein halbes Dutzend Sprayer in den nächsten Monaten vor Gericht landen. „Wir schaffen Abhilfe“, schreibt er und weiter: „@Sprayer durch Passanten gefasst – Die Erfolge häufen sich.“

 

So seien vor zwei Wochen drei Sprayer auf frischer Tat ertappt worden - und danach noch ein Vierter. Alle seien deutlich älter als 20 Jahre alt gewesen. „Um Jugendsünden handelt es sich also nicht mehr“, schreibt Palmer. „Es gibt hier eine aggressive Szene von erwachsenen Männern, die es besser wissen müssten. Und denen legen wir jetzt das Handwerk.“ 

Machen Graffitis anderen Kommunen auch zu schaffen? Eine Umfrage in ausgewählten Städten gibt darüber Auskunft.

Free Palestine“-Schriftzug häuft sich

In Ulm steigen die Zahlen illegal angebrachter Graffiti. „Ganz allgemein ist die Tendenz steigend, ein „Ausreißer“ nach oben ist dennoch das Jahr 2022, als die Zahl der Graffitis sprunghaft anstieg, 2023 aber wieder absank – um aber auf hohem Niveau zu bleiben“, sagt eine Stadtsprecherin. Nach dem Angriff der Hamas auf Israel im Oktober sei in der Stadt mehrfach der „Free Palestine“-Schriftzug aufgetaucht, ansonsten seien Parolen eher die Ausnahme. Graffitis würden regelmäßig und möglichst zeitnah entfernt, parallel dazu würden definierte Flächen für Sprayer angeboten. Im Jahr 2021 habe die Beseitigung der Graffitis 2619 Euro, im Jahr 2022 insgesamt 18 991 Euro und im Jahr 2023 insgesamt 8811 Euro gekostet. Die Täter seien meist unbekannt. Unter anderem gebe es am Ulmer Roxy, einem soziokulturellen Zentrum, im Außenbereich elf Wände für Sprayer. 

Auch Pforzheim berichtet von einer Zunahme an Farbschmierereien in der Stadt. Meistens handle es sich um öffentliche Bauwerke und Gebäude sowie auch Inventar im öffentlichen Raum. „Wir haben eine Meldestelle für Graffitis, die sich um die Verunreinigung kümmert und entfernt. Die Kosten variieren je nach Aufwand und Hartnäckigkeit der Farbe“, sagt ein Sprecher der Stadt. Die Stadt biete privaten Eigentümern die Möglichkeit an, bei der Entfernung zu unterstützen - durch die Malerinnung oder durch die Stadt selbst.

Täter meist nicht bekannt

Auch in Esslingen nehmen die Attacken mit Sprühfarbe, Permanentmarkern und Aufklebern tendenziell zu, ist dort der Eindruck. Eine Dokumentation mit genauen Zahlen liegt nach Auskunft eines Stadtsprechers allerdings nicht vor. Zu finden seien die „Kunstwerke“ an Gebäuden, Verkehrsschildern, Unterführungen und Brücken. „Es gibt sowohl politisch als auch religiös motivierte Schmierereien.“ Die Häufigkeit hänge oft ab vom aktuellen Tagesgeschehen, beispielsweise bei anstehenden Wahlen. Eine Dokumentation mit genauen Zahlen liege auch hier nicht vor. „Die fachmännische Entfernung an denkmalgeschützten Sandsteinmauern ist aufwendiger und teurer als das Überstreichen von Graffiti in Unterführungen“, sagt der Sprecher weiter. Die Täter seien meist nicht bekannt. Es sei aber davon auszugehen, dass diese häufiger tätig würden.

Offenburg weist darauf hin, dass Graffiti nicht pauschal als „Schmiererei“ abqualifiziert werden kann. „Das wird der Thematik nicht gerecht“, sagt ein Sprecher. Bei Attacken mit Sprühfarbe, Permanentmarkern und Aufklebern könne die Entwicklung der vergangenen Jahre nur schwer abgeschätzt werden. Sie sei maßgeblich vom Anzeigeverhalten abhängig. Häufig würden Schmierereien nicht angezeigt. Die Stadt habe verschiedene Maßnahmen gegen Graffiti ergriffen. „Im Rahmen der kommunalen Kriminalprävention wurde das Anti-Graffiti-Projekt eingeführt. Die Stadt bezuschusste die Beseitigung von Schmierereien an privaten baulichen Anlagen“, sagt der Stadtsprecher. Ziel war die rasche Entfernung von Graffiti, um dem „Broken-Windows-Effekt“ entgegenzuwirken und Tätern keine Genugtuung durch Sichtbarkeit ihrer Schmierereien zu bieten. 

Seit einigen Jahren gebe es in der ganzen Stadt sogenannte legale Graffitiflächen. An diesen dürfe jeder Graffiti sprühen. Beim jährlichen deutsch-französischen Hip-Hop-Festival Double Trouble Jam können sich Graffiti-Künstler und Künstlerinnen legal ausprobieren. „Dieses Jahr findet es am 13. Juli statt“, sagt der Stadtsprecher. Der Fachbereich Kultur veranstalte bei verschiedenen Gelegenheiten sogenannte Murals, bei denen brachliegende Mauerflächen gestaltet würden. In Offenburg gibt es demnach mehrere Unterführungen, die – offiziell genehmigt -  von Sprayern und Sprayerinnen gestaltet wurden. Stefan Strumbel, der prominenteste international bekannte Offenburger Künstler, habe seine Karriere als „illegaler“ Sprayer begonnen. „Ein weiterer bekannter Offenburger Graffiti-Künstler ist Markus Schwendemann. Er hat verschiedene Fassaden gestaltet, unter anderem im Technologiepark Offenburg.“

In Mannheim werden keine Statistiken über die Anzahl von Graffitis geführt. Die Kosten für die Beseitigung könnten nur schwer beziffert werden. „Das sind Arbeiten, die aus dem laufenden Betrieb bedient werden. Bei rassistischen oder antisemitischen Parolen wird umgehend versucht, diese zu entfernen“, sagt ein Stadtsprecher. Der Präventionsverein SiMA e.V. unterstütze mit dem Bürger- und Gewerbeverein östliche Innenstadt beispielsweise legales Graffiti an Stromkästen oder in Unterführungen. 

Eine Steigerung von Graffiti-Vorfällen ist in Sigmaringen nicht bekannt. „Erfahrungsgemäß treten solche Sachbeschädigungen in Zyklen auf, je nach Aktivität der Graffiti-„Künstler““, sagt ein Stadtsprecher. „Es gibt gewisse Orte, die prädestiniert dafür zu sein scheinen, vollgeschmiert zu werden, wie Unterführungen, Brücken, Stromkästen oder Straßenlaternen. Mit diesem Wissen bringen wir an solchen Plätzen nach Möglichkeit direkt beim Bau eine Art Graffiti-Schutzschicht an, dank der sich Schmierereien einfacher entfernen lassen.“

Flusssäure macht in Stuttgart Probleme

In Stuttgart sind in den vergangenen Monaten laut Polizei bereits mehrfach Graffitis aus Flusssäure in der Stuttgarter Innenstadt aufgetaucht. Die Behörden warnen vor dem Kontakt mit Flusssäure, die auch Fluorwasserstoffsäure genannt wird. Dabei handelt es sich um eine farblose, stark stechend riechende Flüssigkeit. Sie kann sich auf Oberflächen einätzen. Durch die „Hall of Fames“ wurden in Stuttgart außerdem Möglichkeiten geschaffen, legal zu sprühen, wie ein Sprecher der Stadt mitteilt. „Aktuell gibt es drei „Hall of Fames“ im Stadtgebiet, in Bad-Cannstatt und zweimal in Vaihingen. Zudem sind Graffitis nicht grundsätzlich als Sachbeschädigungen oder Schmiererei anzusehen. So werden im gesamten Stadtgebiet regelmäßig große Flächen für Künstler und Gruppen oder ähnliches freigegeben, um dort - nach Absprache - Motive anzubringen.“

In Karlsruhe wurde nach Auskunft eines Sprechers im Jahr 2018 die Sonderkommission „Schmierfink“ ins Leben gerufen. Das Ziel war, die Innenstadt möglichst frei von Farbschmierereien und illegalen Beklebungen zu halten. Das Projekt war zunächst auf zwei Jahre befristet, läuft den Angaben nach aber weiter. „Die Mitarbeiter entfernen eigenständig illegale Graffitis und „Schmierereien“ aller Art, sowie auch die zahlreichen Sticker im Stadtgebiet“, sagt der Sprecher. Der Aufwand sei in den vergangenen Jahren im ähnlichen Umfang geblieben.