Alan Parsons Project in Stuttgart Ausflug in die Geschichte der Popmusik

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Das Alan Parsons Project hat am Donnerstag im ausverkauften Beethovensaal Musik gespielt, die einst als unaufführbar galt und die man inzwischen fast nicht mehr zu hören bekommt.

Alan Parsons steht wie ein Fels in der Brandung – physisch wie auch musikalisch. Wir zeigen Bilder von seinem Konzert in der Liederhalle in einer Bilderstrecke. Foto: 7aktuell.de / Martin Olbrich 27 Bilder
Alan Parsons steht wie ein Fels in der Brandung – physisch wie auch musikalisch. Wir zeigen Bilder von seinem Konzert in der Liederhalle in einer Bilderstrecke. Foto: 7aktuell.de / Martin Olbrich

Stuttgart - Die Zeiten ändern sich und mitunter verkehrt sich manches ins Gegenteil. Bis vor zehn, zwanzig Jahren konnte man mit Tonaufnahmen auf die Schnelle Plattenmillionär werden. Doch vor drei Jahren sagte Alan Parsons in einem seiner wenigen Interviews: „Jetzt stehe ich ein paar Minuten auf der Bühne und verdiene damit mehr, als ich innerhalb von drei Wochen im Studio verdienen könnte.“

Und das mit einem „Project“, das im Studio geboren wurde und lange Zeit als unaufführbar galt, aber in den Jahren seines Bestehens mehr als vierzig Millionen Alben verkaufen konnte. Je nach Rechnung existierte Alan Parsons Project von 1975 bis 1987 oder 1990, danach gingen der Namensgeber und Eric Woolfson, der 2009 an Krebs verstarb, getrennte Wege. Die Arbeitsteilung des kongenialen Duos war meist so, dass der eine die Songs schrieb und der andere die Sounds bastelte – eben jener Alan Parsons, der schon als Toningenieur der Beatles-Werke „Abbey Road“ und „Let it be“ Popgeschichte mitgeschrieben hatte; nicht zu vergessen seine maßgebliche Beteiligung an Pink Floyds Meilenstein „Dark Side of the Moon“.

Ein Fels in der Brandung, bärtig und mit Bauch

Da mag man sich einen bärtigen alten Mann vorstellen, der auf die Bühne des Beethovensaals geführt werden muss, denn „Abbey Road“ ist Baujahr 1969. Aber nichts da: Alan Parsons ist Jahrgang 1948, bärtig und mit Bauch ja, aber ansonsten steht er wie ein Fels in der Brandung, die er selbst aufgewühlt hat, und winkt zur Ouvertüre von „I Robot“, aus der sich dieser verzahnte Groove herausschält. Das ist selbstverständlich herausragend abgemischt wie das gesamte Konzert, in dem man fast immer hören kann, was jeder Einzelne von den sieben versierten Musikern gerade so tut, wenn man mal vom Chef absieht, der vielleicht nur Gitarre spielt, damit er was zum Festhalten hat.

Aber um ihn herum passiert ja auch genug und eigentlich immer viel zu viel, wie es die 70er und 80er Jahre eben so wollten. Und gerade das macht den Reiz aus von Alan Parsons Projekt, nun mit dem Zusatz „live“ versehen, weil heutzutage kaum einer noch solche Musik spielt mit diesen vielen Rhythmus- und Harmoniewechseln, solch ein Fünf-Satz-Opus wie „Turn of a friendly Card“, das mit Applaus im Stehen gefeiert wird. Dabei ist das Gesamtwerk des Projects mit so viel Pathos durchsetzt, dass man manchmal nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.

Elektrobeat und Stehblues

Der größte Hit „Don’t answer me“ ist zugleich der größte Kitsch, von Parsons selbst gesungen, obwohl er mit Paul Josef Olsson und Todd Kershaw Cooper zwei Leute dabei hat, die das sehr viel besser können. Aber egal, weiter geht’s mit „Raven“ vom ersten und besten Album „Tales of Mystery and Imagination – Edgar Allan Poe“. Auch ein Klassiker wie der frühe Elektrobeat von „Lucifer“, den man als Titelmelodie des Politmagazins „Monitor“ kennt, weckt tausendfach Erinnerungen wie der altmodische Stehblues „Don’t let it show“.

Der Abend ist reich an fast in Vergessenheit geratenen Stilmitteln: vielschichtiger Chorgesang; ein Bass-Solo mit Wah-Wah-Effekt; auf Tomtoms getrommelte Melodien; Unisoni und Keyboard-Teppiche, die mit ausgebreiteten Armen auf zwei Tastaturen gleichzeitig entstehen. Und natürlich: die Gitarre, eine Gibson Les Paul, die Alastair Lowel Greene in memoriam Gary Moore in den höchsten Tönen jubilieren lassen kann, um sogleich wieder derbem Schweinerock zu frönen. Auch der gehört wie Discosounds und Trancemotive zu Alan Parsons Project, dessen Maschinerie weiterhin bestens funktioniert.

2200 Fans können im ausverkauften Saal nicht genug bekommen, ein zweites Konzert muss für Sonntag als Bonus nachgereicht werden. Apropos: Eine seiner Ansagen verkauft Parsons als eine gute und eine schlechte Nachricht. „I Robot“ wird im Sommer als Doppel-CD mit unveröffentlichtem Material neu aufgelegt . . . das fünfunddreißig Jahre alt ist! Ob die Welt diese Platte noch braucht, ist fraglich, denn: das Alan Parsons Project ist tot – es lebe das Alan Parsons Live Project!

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