Altdorf Ein Treffpunkt für das halbe Dorf

Das ehrenamtliche Team hat die Skeptiker überzeugt: Die kleine Bücherei hat sich ein Jahr nach der Eröffnung zum Renner im Ort entwickelt.

So gemütlich ist es in der Bücherei, dass manche Besucher gar nicht mehr nach Hause möchten. Foto: factum/Bach
So gemütlich ist es in der Bücherei, dass manche Besucher gar nicht mehr nach Hause möchten. Foto: factum/Bach

Altdorf - Braucht eine 4600-Kommune eine Bücherei? Ja, meinte der Altdorfer Bürgermeister Erwin Heller. „Es war mein Herzenswunsch, eine kleine Bibliothek in unserem neuen Bürgerhaus unterzubringen“, sagt Heller. Seine Gemeinderäte jedoch waren nicht so begeistert. „Nur wenn Ehrenamtliche die Bücherei betreiben, stellen wir auch Geld für Sachmittel zur Verfügung“, lautete schließlich der Beschluss des Gremiums. Und die Skepsis der Räte, dass sich genügend Ehrenamtliche finden, war groß.

Doch auf einen Aufruf im Amtsblatt meldeten sich mehr als 30 Bürger, die mitmachen wollten. Der Schultes gewährte ihnen größtmögliche Handlungsfreiheit. „Wir haben von Anfang an mitgeplant, die komplette Einrichtung rausgesucht und sogar eigenhändig die Wände gestrichen“, berichtet Margarete Bansen, die stellvertretende Leiterin der Bücherei. 23 Frauen und drei Männer zwischen Anfang 30 und Ende 60 managen die Bücherei, die dreimal in der Woche und zusätzlich an einem Samstag im Monat öffnet. Sogar die beiden Leiterinnen arbeiten vollkommen umsonst. „Ich bin für die gesamte EDV zuständig, gebe jedes Buch dort ein, kümmere mich um die Software“, sagt die Leiterin Katrina Schwind. Außerdem fungiert die 32-Jährige, Consultant bei IBM und momentan in Elternzeit, als Ansprechpartnerin für die Gemeindeverwaltung. Ihre Stellvertreterin, die Ruheständlerin Bansen, ist für die Finanzen und die Koordination der Ausleihteams verantwortlich.

12 000 Ausleihen im ersten Jahr

Vor einem Jahr haben die Altdorfer ihr Bürgerhaus im sanierten alten Schulhaus eröffnet und mit ihm die Bücherei unterm Dach. Innerhalb weniger Wochen avancierte die Dorf-Bibliothek zum neuen Treffpunkt im Ort. Und auch die Skeptiker sind mittlerweile vollauf begeistert.

„Montagsvormittags treffen sich hier die jungen Mütter mit Kinderwagen, am Freitagnachmittag und Samstag kommen die Väter mit den Nachwuchs. Manchmal warten Kinder bei uns, wenn die Eltern nicht zuhause sind“, erzählt Katrina Schwind. 654 Nutzer hat die Bücherei registriert – ohne die Kinder unter fünf Jahren, die noch keinen eigenen Ausweis haben. 12 000 Ausleihen gab es gleich im ersten Jahr. 300 bis 350 Besucher kommen pro Monat. „Am beliebtesten ist der Mittwochnachmittag“, sagt Margarete Bansen.

Felix Mengesdorf gehört zu den Stammgästen. Mindestens einmal im Monat schaut er mit seinen Kindern Lilly und Philipp, vier und zwei Jahre, in der Bücherei vorbei. „Hier besorgen wir uns regelmäßig Stoff für die abendlichen Vorlesestunden“, erzählt der Lehrer. Und bei schlechtem Wetter sei das Bürgerhaus ein schönes Ausflugsziel. Ausleihen kann man aber auch Hörbücher und Spiele. „Nur Computerspiele und DVDs haben wir ganz bewusst nicht im Programm“, sagt Schwind. Momentan hat die Bücherei 4000 Medien im Bestand, der aber weiter wachsen soll. Das Team bietet auch Vorlese- und Bastelstunden für die Kollegen an und beteiligt sich am Ferienprogramm der Gemeinde.

6000 Euro jährlicher Etat

50 000 Euro standen dem Team anfangs für die Einrichtung zur Verfügung, 6000 Euro beträgt der jährliche Etat. Auf der Galerie laden bequeme Sitzsäcke zum Lümmeln ein. Unten gibt es neben einem Sofa ein Podest, das vor allem samstags von den Vätern mit ihrem Nachwuchs im Beschlag genommen werde, erzählt Schwind. „Die Fachstelle für Bibliothekswesen beim Regierungspräsidium und alle Büchereien, die wir befragt haben, haben uns von einem solchen Podest abgeraten.“ In einer Bücherei würden Bücher ausgeliehen, das sei kein Aufenthaltsort, hätten ihnen die Experten abgeraten. „Bei uns ist es ständig besetzt, und wir haben viele Besucher, die sich eine Stunde oder länger bei uns aufhalten“, sagt Katrina Schwind. „Es gibt Kinder, die unseren Ausleihfrauen regelmäßig aus der Schule erzählen oder stolz die erste Zahnlücke zeigen“, berichtet Bansen. Dieser Erfolg beflügelt die Ehrenamtlichen: „Es macht unheimlich Spaß zu sehen, wie gut unsere Arbeit ankommt.“