Amerikanische Muscle-Cars Böser blauer Bube

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Amerikanische Muscle-Cars der 60er und 70er Jahre sind in der Oldtimerszene zunehmend gefragt. Probefahrt mit einem Dodge Charger R/T.

Der Dodge Charger R/T donnert am Mercedes-Museum. Foto: Simon Wonka
Der Dodge Charger R/T donnert am Mercedes-Museum. Foto: Simon Wonka

Weinstadt - Unauffällig geht anders. Der 1968er Dodge Charger R/T ist eine breitspurige, großmäulige Karre mit einem supersexy Hinterteil. Nicht zu übersehen und nicht zu überhören. Angetrieben wird der metallicblaue Krawallmacher von einem Graugussmotor im Format einer Eisenhütte. „440er Big Block“ nennen Kenner dieses Monstrum. Acht Zylinder, 7,2 Liter Hubraum, brachiales Drehmoment. Lässt man den Charger über die Bundesstraße rollen, blubbert er bedächtig vor sich hin. Doch sollte sich eine Spießerkiste erdreisten, den coolen Ami zu einem Sprint herauszufordern, brüllt er infernalisch los. Vrrrooommm! Ab geht er.

Böse Buben wie der Charger R/T saufen locker 25 Liter auf hundert Kilometer. Muscle-Cars heißen diese vierrädrigen Kampftrinker, die Mitte der 1960er Jahre erstmals das Neonlicht in einer Detroiter Fabrik erblickten. Die heißen Kisten waren Produkte kalten Kalküls: Die Marktstrategen wollten eine Designerdroge für die amerikanischen Babyboomer kreieren, die das Führerscheinalter erreicht hatten und mit dem Flossenkitsch der elterlichen Limousine nichts anfangen konnten. General Motors entwarf ein optisch umwerfendes, aber einfach ausgestattetes Coupé, baute einen bärenstarken Achtzylindermotor ein und verkaufte den Pontiac GTO zu einem Preis, der für die jugendliche Zielgruppe bezahlbar war. Die Idee war ein voller Erfolg, so dass andere Hersteller eigene Muscle-Cars auf den Markt brachten: Ford den Torino, Chevrolet den Camaro, Plymouth den Barracuda, Mercury den Cougar und Pontiac den Firebird.

Oder eben Dodge den Charger R/T. Das 44 Jahre alte und 5,28 Meter lange Sportcoupé würde heutzutage jeden Vergleichstest verlieren. Die Lenkung fühlt sich butterweich an, die Karosserie schaukelt wie ein Fischkutter, und in den Kurven drängt das Heck in Richtung der Leitplanken, als wäre es magnetisch aufgeladen. Mit dem Charger fährt man am besten stur geradeaus, schließlich wurde er für endlose Highways und Viertelmeilen-Beschleunigungsrennen konstruiert – der Zusatz R/T steht für Road/Track. Drückt man bei Tempo Hundert aufs Gas, fühlt es sich an, als würden die Hinterräder kurz durchdrehen. Dann geht es vehement vorwärts. Das Mercedes-BMW-Audi-Dienstwageneinerlei wird im Rückspiegel kleiner. Fenster runter, Ellenbogen auf den Sims. Mehr auf dicke Hose kann man nicht machen.

Spektakuläre Verfolgungsjagd

Der Charger R/T ist eine Legende. Ein schwarzes 68er-Modell fuhren die Bösewichte in „Bullitt“, sie hetzten Steve McQueen in seinem Ford Mustang durch San Francisco. Die zwölf Minuten lange Szene gilt als eine der spektakulärsten Verfolgungsjagden der Filmgeschichte, sie wurde millionenfach von kleinen Jungs mit Matchboxautos nachgespielt. Vier Jahrzehnte später ließ der Regisseur Quentin Tarantino in „Death Proof“ das Killerauto wiederauferstehen. Unter dem Röhren des V-8-Motors schob ein psychopathischer Stuntman mit seinem Charger R/T eine Frauenfahrgemeinschaft von der Straße. „Hey Ladies, das hat Spaß gemacht“, rief er. Kurz darauf war der Stuntman hinüber.

So will niemand enden. Also runter vom Gas und gemächlich über den Remstalschnellweg cruisen bis Großheppach. Dort warten die beiden Asphaltcowboys, die freundlicherweise 375 amerikanische Pferdestärken für eine Probefahrt rausgerückt haben. Sönke Priebe und Christian Rühle sind Mittdreißiger mit Super Plus im Blut. Sie haben sich in ihrer frühen Jugend in klassische Muscle-Cars verschossen und sind ihnen bis heute treu geblieben. In den 90er Jahren gehörten sie zu einer losen Bande passionierter Schrauber, die sich in Garagen in Endersbach und Echterdingen trafen. „Damals war klar: Wenn du eine alte Amikiste fahren willst, musst du sie selbst reparieren können“, erzählt Priebe.

Heute leben Priebe und Rühle von Leuten, die wie sie auf Muscle-Cars stehen, aber technisch unbeleckt sind. Der Durchschnittskunde der Oldschool Custom Works GmbH ist männlich, 30 bis 40 Jahre alt und recht gut bei Kasse. Auf der Suche nach seinem Traumwagen pilgert er nach Weinstadt-Großheppach. Wünscht er sich beispielsweise einen 1970er Plymouth Barracuda in „Vitamin C Orange“, macht sich das Duo Priebe/Rühle in den USA auf die Suche nach exakt diesem Modell. Das Basisfahrzeug ist meistens eine runtergekommene Rostlaube, die nur durch einen Neuaufbau gerettet werden kann. Mindestens ein halbes Jahr dauert die Komplettrestaurierung. Anschließend wird dem Kunden neben dem neuen Lieblingsspielzeug eine fünf- bis sechsstellige Rechnung übergeben.