Anna Katharina Hahn: „Am Schwarzen Berg“ Mehr als ein Stuttgart-Roman

Julia Schröder, 19.03.2012 08:52 Uhr

Stuttgart - Es ist heiß in der Stadt – Sommer 2010, große Ferien, die Luft über dem Kessel flimmert in der Hitze, drunten braut sich etwas zusammen. Droben in der Vorort-Halbhöhe der Burghalde, bei den Raus und den Bubs ist die Katastrophe schon eingetreten. Peter, der vierzigjährige Sohn von Carla und Hajo Rau, der bei Emil und Veronika Bub im Nachbarhaus wie ein eigenes Kind ein und aus ging, hat sein altes Kinderzimmer wieder bezogen: ein Besiegter, verwahrlost, verzweifelt, verlassen von seiner Frau Mia; die beiden kleinen Söhne hat sie mitgenommen.

Im Halbdämmer starrt er in das Geflimmer des Shopping-Kanals, apathisches Opfer schwerster Depression. Und die beiden älteren Paare mühen sich um ihn und können es nicht fassen. Veronikas „Peterle“, der zarte, wilde Junge, dem der Deutschlehrer Emil einst die dunkel schimmernden Welten der Bücher wie der Aquaristik zu Füßen legte; Carlas „Schnuck“, dem sein Arztvater Hajo statt gemeinsamer Zeit große Erwartungen mitgab, liegt vor ihnen als schwärenbedecktes Jammerbild, dessen ganzes Leben, wie sich allmählich herausstellt, vor Längerem, nach und nach, in Trümmer gefallen ist.

„Am Schwarzen Berg“ ist der Titel des zweiten Romans der Stuttgarterin Anna Katharina Hahn. Wie in ihrem Erstling, dem vor zwei Jahren erschienenen Überraschungserfolg „Kürzere Tage“, bohrt die Autorin sich tief in die Eingeweide ihrer Heimatstadt, um eine universal gültige Geschichte zu erzählen. Und wieder geht es um die Geheimnisse ihres Lebens- und Erinnerungsortes mindestens ebenso sehr wie um die wechselvollen Konstellationen von Paaren, von ­Eltern und Kindern, um das Vergessene, Verdrängte und immerfort Raunende, Rauschende, aus dem Grund Quillende.