Krimikolumne

Anne Chaplet: In tiefen Schluchten Seichtes aus dem tiefen Brunnen der Geschichte

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In die unwirtlichen Cevennen führt Anne Chaplet ihre Leser in „In tiefen Schluchten“. Die Suche nach einem vermissten Höhlenforscher ist allerdings reichlich seicht geraten.

Anne Chaplets jüngster Krimi führt in den Süden Frankreichs. Foto: Lukas Jenkner
Anne Chaplets jüngster Krimi führt in den Süden Frankreichs. Foto: Lukas Jenkner

Montélimar - Als aus der Ferienpension einer Bekannten am Fuße der südfranzösischen Cevennen ein holländischer Höhlenforscher verschwindet und auch nach Tagen nicht mehr auftaucht, ist die Deutsche Tori Godon anscheinend die einzige, die beunruhigt ist. Die Pensionswirtin möchte keinen Ärger mit den Behörden und das Zimmer möglichst schnell frei räumen, der örtliche Chef der Polizei sieht keinerlei Anlass, jedem daher- und wieder weggelaufenen Touristen hinterherzuschnüffeln.

Auch als der alte Didier Thibon, der Tori Godon von den Schmugglerverstecken rund um das malerische Dörfchen Belleville erzählt hat und dabei wolkige Andeutungen von der „großen Schande“ machte, tot aufgefunden wird, ist Tori die einzige, die den Fall nicht auf sich beruhen lassen will. Sie forscht nach und stellt fest, dass zwischen dem Verschwinden des holländischen Höhlenforschers und der Geschichte des Landstrichs ein Zusammenhang besteht: Vor Jahrhunderten hatten dort nämlich die Hugenotten als brutal verfolgte religiöse Minderheit Zuflucht gefunden, und auch in der Zeit des Zweiten Weltkrieges ist Belleville, so heißt das Örtchen, in dem Tori Godon ihre neue Heimat gefunden hat, ein Hort der Résistance gewesen.

Doch was hat das allen mit den mysteriösen Todesfällen zu tun, die das Dorf plötzlich heimsuchen? Denn es bleibt nicht beim vorzeitigen Ableben des alten Didier Thibon, selbst Tori Godon gerät in Gefahr.

Anne Chaplet, das Pseudonym der Autorin Cora Stephan, legt mit „In tiefen Schluchten“ einen routiniert geschriebenen Kriminalroman vor, der als Kulisse eine gelegentlich unwirtliche, aber beliebte Urlaubsregion nördlich von Montpellier und Marseille hat. Das ist natürlich ausreichend Anlass für allerlei landeskundliche Beschreibungen nebst Schilderungen kulinarischer Genüsse, mit denen Anne Chaplet nicht spart. Von krassen Brüchen und unerwarteten Wendungen in der Handlung wird der Leser hingegen verschont, Nervenkitzel und Spannung gibt’s in homöopathischen Dosen.

Tori Godon umweht wie meist in solchen Krimis ein tragischer Flor: Sie ist seit kurzem Witwe, dadurch praktischerweise finanziell unabhängig, weshalb sie sich den ganzen Tag einem vernachlässigten Nachbarshund und den schönen Augen eines deutschen Restaurators widmen kann, der – so ein Zufall! – einen Auftrag in einer nahegelegenenen Kirche zu erfüllen hat. Vielleicht ist ein klassischer Urlaubskrimi einfach nicht das richtige Sujet für das eigentlich spannende Thema einer über Jahrhunderte und Jahrzehnte andauernden dörflichen Kollektivschuld.

Anne Chaplet: In tiefen Schluchten. Ein Kriminalroman aus dem Süden Frankreichs. Kiepenheuer & Witsch Köln 2017. 320 Seiten, Broschur, 9,99 Euro. Auch als E-Book, 9,99 Euro.