Antarktis Die Spuren des Menschen bleiben

Rafael Binkowski, 16.02.2013 07:00 Uhr

Stuttgart - Es ist ein sonniger Tag in Grytviken, der alten Walfangstadt auf der Insel Südgeorgien. Das ist selten auf diesem Vorposten zur Antarktis, meistens pfeift der Wind hier erbarmungslos über die schwarzen Berge mit ihren Schneehauben – auch während des kurzen antarktischen Sommers. Ein zartes Grün bedeckt die felsigen Hänge, schwarze, filzige Pelzrobbenbabys jaulen am Strand. Sie müssen warten, bis ihre Eltern mit Nahrung zurück aus dem Meer kommen. Der 600 Kilo schwere Nachwuchs der Seeelefanten mit großen Kulleraugen liegt hingegen faul in der Sonne. Ab und zu schnauben die dicken Tiere laut, um die störenden Nasenmilben aus ihren Nüstern auszupusten.

Unwirklich heben sich die rostigen, 20 Meter hohen, asbestverseuchten Stahltanks gegen diese idyllische Kulisse ab. Eine ganze Walfangstadt rottet in der Bucht vor sich hin. Hier wurde bis 1965 das Walöl aus der dicken Fettschicht der Wale, Blubber genannt, ausgekocht und weiter verarbeitet. Ein verrosteter Walfangschlepper, dessen Harpune noch in den stahlblauen Himmel ragt, zeugt von dieser Ära. Auf die großen Entdecker Scott, Amundsen und Shackleton, die zu Beginn des Jahrhunderts bis zum Südpol vordrangen, folgte eine Massenindustrie rund um den Eiskontinent.

Der optische Kontrast auf Südgeorgien steht sinnbildlich für die Invasion des Menschen ins ewige Eis. „ Die Antarktis ist ein hoch kompliziertes Ökosystem“, sagt der Biologe Ulrich Erfurth, der mit Gummistiefeln und gelber Regenjacke am Strand entlang stapft. Er begleitet das Expeditionsschiff der MS Bremen auf seiner Reise von Feuerland über Südgeorgien bis zur antarktischen Halbinsel und zurück.

Die Antarktis ist ein Biotop der Überlebenskünstler

„Um unter diesen extremen Bedingungen mit Temperaturen bis zu 30 Grad minus überleben zu können, müssen die Tiere sich anpassen“, erklärt Erfurth. Die Kaiserpinguine etwa, die auf dem antarktischen Festland leben, vermehren sich bei minus 20 Grad und Schneestürmen. Über Monate drängen sich die Jungtiere in Gruppen, während die Weibchen Hunderte von Kilometern laufen und im Meer Nahrung suchen. Bis das Eis im Dezember bricht, müssen die kleinen Tiere flügge sein.

Alles ist aufeinander abgestimmt. „Die Tiere müssen das schmale Zeitfenster nutzen, das ihnen bleibt“, sagt Ulrich Erfurth. Und alles dreht sich um den Krill, das sind Minikrebse, die sich zu Teppichen zusammenrotten, die Hunderte von Kilometern lang werden. Krill wird von Robben, Walen, Pinguinen und Seevögeln gefressen. Wie sensibel diese Nahrungskette funktioniert, zeigt sich bei Albatrossen. Diese majestätischen Vögel können über viele Kilometer die Ausdünstungen des Planktons riechen, der Nahrung des Krills. „Sie bemerken, wie das Plankton pupst“, sagt Erfurth. Daraus schließen sie, dass dort Krill vorkommt.

So hängt alles mit allem zusammen. Die Antarktis ist ein in sich abgeschlossenes System. „Die zirkumpolare Meeresströmung rund um den ganzen Kontinent trennt das Meer von den übrigen Ozeanen“, erklärt der Geologe Stefan Kredel, der die Expedition ebenfalls begleitet. Ein gigantischer Wasserstrom umfließt im Uhrzeigersinn den Kontinent, und wirkt so wie ein Schutzwall nach Norden. In dieses riesige Biotop von tierischen Überlebenskünstlern ist polternd durch die Vordertür der Mensch vor 100 Jahren eingefallen. Heute leben auf Südgeorgien nur 25 Briten, die ein Museum und die Inselverwaltung betreiben. Vor 80 Jahren war Grytviken einpulsierendes Zentrum des Walfangs.

Davon berichtet eine der wenigen Einwohnerinnen, die für die wenigen Touristen Führungen anbietet. „Es war für die norwegischen Bürger sehr lukrativ, hier zu arbeiten. Sie haben auf heutige Verhältnisse gerechnet 5000 bis 6000 Euro verdient“, sagt sie. Ein paar Jahre harter Frondienst auf den Walfängern habe gereicht, um sich eine Farm in der Heimat zu leisten.

Mehr als 175.000 Wale wurden auf Südgeorgien verarbeitet, die ganze Küste Südgeorgiens ist von ehemaligen Walfangstationen durchzogen, die inzwischen vor sich hinrosten. Dieser Raubzug war für die Natur desaströs. „Früher konnte man in der Weddellsee alle paar Meilen Wale schwimmen sehen, heute ist das extrem selten“, berichtet der Biologe Ulrich Erfurth. Auf der Expeditionsfahrt werden zwei Mal Wale gesichtet, die meisten hinter dem Lemaire-Kanal bei der antarktischen Halbinsel. Von den 250.000 Blauwalen in den südlichen Gewässern sind noch 1000 bis 2000 übrig. Von einer halben Millionen Finnwalen noch 10.000.