Antisemitismusstreit zwischen Broder und Augstein Terror leerer Generalbegriffe
Stefan Kister, 07.01.2013 20:25 Uhr
Jakob AugsteinFoto: dpa-Zentralbild
Stuttgart - Zu Zeiten, in denen Harald Schmidt noch zusammen mit Oliver Pocher an den Außengrenzen des Geschmacks operierte, bedienten sie sich eines sogenannten „Nazometers“, um die Geschichtskontamination deutschen Alltagslebens auf den Prüfstand zu stellen. Das ernste Ergebnis ihres satirischen Experiments erwies, dass kein Begriff frei von Konnotationen ist, so man nur nach ihnen sucht. „Wie geschmacklos und verroht muss man sein, den Massenmord als Gag-Nummer zu benutzen?“, wandte damals Salomon Korn vom Zentralrat der Juden durchaus nachvollziehbar gegen die Nummer ein. Offensichtlich aber verfügt das renommierte Simon Wiesenthal Center über ein vergleichbares Gerät, wie sonst hätte es jenes Ranking wissenschaftlich hieb- und stichfest machen können, das die zehn schlimmsten Antisemiten des Jahres in aufsteigender Reihenfolge benennt, darunter auf Platz neun den „Spiegel-Online“-Kolumnisten Jakob Augstein.
Nun, wie sich zeigt, vertraute das Institut weniger den Diensten eines Nazometers als auf die Empfehlungen des Publizisten Henryk M. Broder. Und der macht nicht viel Federlesens, wenn es darum geht, einen Kritiker Israels des Antisemitismus zu zeihen. Augstein etwa, in der Tat ein erbitterter Kritiker der israelischen Siedlungspolitik und der Regierung Netanjahu, hätte seiner Ansicht nach sogar einen Platz im oberen Drittel der Liste verdient, in der Nähe des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, noch vor den ungarischen Rechtsextremisten der Jobbik-Partei. Auch wenn man die Aussagekraft der Liste nicht überbewerten solle, so Broder, für einen „gelungenen PR-Gag“ hält er sie allemal – eine Erklärung, die Salomon Korn freilich so wenig freuen dürfte wie die einstigen Späße um das Nazometer.
Nein, so absurd die Idee eines Antisemiten-Castings für sich allein erscheint, Grund zur Freude haben angesichts dieses grotesken Schlagabtauschs im medialen Feiertagsloch allenfalls jene tatsächlichen Antisemiten, die sich in unserer Gesellschaft seriösen Erhebungen und alltäglichem Augenschein zufolge wirklich immer ungenierter behaupten. Denn wenn jeder in Broder’scher Schnellpromotion zum Antisemiten befördert werden kann, verliert der Begriff seine Nennkraft.
Grundmuster der antisemitischen Argumentation kehrt wieder
Genau hier aber verbirgt sich ein merkwürdiges Paradox. Wo die Begriffe unscharf geworden sind, die Sachverhalte unübersichtlich, sehnt man sich nach klaren Bedeutungen. Darin liegt die fatale Versuchung jedes Nazivergleiches, und der Antisemitismusvorwurf ist nur eine seiner Ausprägungen: Der Holocaust wird sprachlich instrumentalisiert als eine Art Nordpol der Bedeutungswerte, alles mag relativ sein, aber hier sollte die Nadel klar ausschlagen, es sei denn das Instrument ist kaputt. Autoren wie Broder aber gehen mit der vom Leid der Juden und der deutschen Schuld gedeckten Währung um wie fahrlässige Bankiers. Um sich von Einzelheiten, lästigen Details zu dispensieren, vielleicht auch nur um ein mediales Geltungsbedürfnis auszutoben, nehmen sie eine Inflation elementarer Bedeutungswerte billigend in Kauf. Und öffnen damit eben jenem politischen Relativismus Tür und Tor, den sie vorgeben zu bekämpfen.
Das schlimmste aber ist, dass darin das Grundmuster der antisemitischen Argumentation unter veränderten Vorzeichen wiederkehrt. Der Einzelne mag in der Sache sagen und argumentieren, was er will: gegen das Abstraktum „Antisemit“ bleibt er so machtlos wie zu anderen Zeiten gegen das des „Juden“.
Der Terror leerer Generalbegriffe ersetzt die besonnene Prüfung der Standpunkte. Genau von ihr aber hinge alles ab.







'Terror leerer Generalbegriffe' ?
Klassische Propaganda, wie mir scheint: was Augstein von sich gegeben hat, wird von Kister glatt ignoriert. Und die mit Zitaten belegte Kritik an Augstein so umgebogen zur hohlen Phrase - zum 'leeren Generalbegriff'. Nicht dass es einen wundern täte angesichts des heute über weite Strecken üblichen deutschen Qualitätsjournalismus. Aber angesichts der Möglichkeit, sich die Kritik des Simon Wiesenthal Center googeln zu können, verwundert die Dreistigkeit des Vorgehens halt schon ...
Augstein bedienst sich antisemitische Klischees
Sehr geehrter Herr Kister, ich lege Ihnen sehr den offenen Brief von Herrn Broder an Augstein ans Herz. Den sollten Sie unbedingt lesen! Ist hier zu finden: http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article111852281/Brief-an-meinen-Lieblings-Antisemiten-Augstein.html Der Brief ist in der typischen polemischen Art Broders geschrieben, die vielleicht nicht jedermanns Geschmack ist (ich mag allerdings seinen Humor sehr gerne!). Aber in der Sache hat Broder recht: Augstein bedient sich antisemitischer Klischees. Es ist okay, dass er Israel kritisiert. Aber seine Kritik schießt so weit übers Ziel hinaus und bedient - wie bereits erwähnt- häufig antisemitische Vorurteile und Klischees. Ich persönlich kann das nur mit einem inneren Hass gegen die Juden Israels erklären kann. Denn es ist weder 'differenziert' noch ist es 'besonnen', was Augstein über Israel schreibt. Es ist EXTREM einseitig. Augstein verkörpert damit den modernen Antisemiten. Er arbeitet sich nicht klassisch 'am Juden' ab, sondern in extremer Form an den Zionisten Israels.
Augstein
Auch wenn Augstein scheinbar gegen Israel wettet, benuetzt er typisch antisemitische Redewendungen die schon immer von Antisemiten gegn Juden benutzt wurden. Die schwache Ausrede er waere nur gegen Israel kann man ihm nicht abkaufen, warum benuetzt er die typische anisemitischen Begriffe? Darauf hat der Anisemit Augstein keine Antwort. Als mein Vater in Auschwitz 'zu Gast' war, hat er dieselben Begriffe Tagein und Tagaus gehoert. Audstein soll sich entschuldigen!!