Antisemitismusstreit zwischen Broder und Augstein Terror leerer Generalbegriffe

Von  

Um die Frage, ob der Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein ein Antisemit sei, ist ein bizarrer Streit entbrannt. Das schlimmste ist, dass darin das Grundmuster der antisemitischen Argumentation unter veränderten Vorzeichen wiederkehrt.

Jakob Augstein Foto: dpa-Zentralbild
Jakob AugsteinFoto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Zu Zeiten, in denen Harald Schmidt noch zusammen mit Oliver Pocher an den Außengrenzen des Geschmacks operierte, bedienten sie sich eines sogenannten „Nazometers“, um die Geschichtskontamination deutschen Alltagslebens auf den Prüfstand zu stellen. Das ernste Ergebnis ihres satirischen Experiments erwies, dass kein Begriff frei von Konnotationen ist, so man nur nach ihnen sucht. „Wie geschmacklos und verroht muss man sein, den Massenmord als Gag-Nummer zu benutzen?“, wandte damals Salomon Korn vom Zentralrat der Juden durchaus nachvollziehbar gegen die Nummer ein. Offensichtlich aber verfügt das renommierte Simon Wiesenthal Center über ein vergleichbares Gerät, wie sonst hätte es jenes Ranking wissenschaftlich hieb- und stichfest machen können, das die zehn schlimmsten Antisemiten des Jahres in aufsteigender Reihenfolge benennt, darunter auf Platz neun den „Spiegel-Online“-Kolumnisten Jakob Augstein.

Nun, wie sich zeigt, vertraute das Institut weniger den Diensten eines Nazometers als auf die Empfehlungen des Publizisten Henryk M. Broder. Und der macht nicht viel Federlesens, wenn es darum geht, einen Kritiker Israels des Antisemitismus zu zeihen. Augstein etwa, in der Tat ein erbitterter Kritiker der israelischen Siedlungspolitik und der Regierung Netanjahu, hätte seiner Ansicht nach sogar einen Platz im oberen Drittel der Liste verdient, in der Nähe des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, noch vor den ungarischen Rechtsextremisten der Jobbik-Partei. Auch wenn man die Aussagekraft der Liste nicht überbewerten solle, so Broder, für einen „gelungenen PR-Gag“ hält er sie allemal – eine Erklärung, die Salomon Korn freilich so wenig freuen dürfte wie die einstigen Späße um das Nazometer.

Nein, so absurd die Idee eines Antisemiten-Castings für sich allein erscheint, Grund zur Freude haben angesichts dieses grotesken Schlagabtauschs im medialen Feiertagsloch allenfalls jene tatsächlichen Antisemiten, die sich in unserer Gesellschaft seriösen Erhebungen und alltäglichem Augenschein zufolge wirklich immer ungenierter behaupten. Denn wenn jeder in Broder’scher Schnellpromotion zum Antisemiten befördert werden kann, verliert der Begriff seine Nennkraft.

Grundmuster der antisemitischen Argumentation kehrt wieder

Genau hier aber verbirgt sich ein merkwürdiges Paradox. Wo die Begriffe unscharf geworden sind, die Sachverhalte unübersichtlich, sehnt man sich nach klaren Bedeutungen. Darin liegt die fatale Versuchung jedes Nazivergleiches, und der Antisemitismusvorwurf ist nur eine seiner Ausprägungen: Der Holocaust wird sprachlich instrumentalisiert als eine Art Nordpol der Bedeutungswerte, alles mag relativ sein, aber hier sollte die Nadel klar ausschlagen, es sei denn das Instrument ist kaputt. Autoren wie Broder aber gehen mit der vom Leid der Juden und der deutschen Schuld gedeckten Währung um wie fahrlässige Bankiers. Um sich von Einzelheiten, lästigen Details zu dispensieren, vielleicht auch nur um ein mediales Geltungsbedürfnis auszutoben, nehmen sie eine Inflation elementarer Bedeutungswerte billigend in Kauf. Und öffnen damit eben jenem politischen Relativismus Tür und Tor, den sie vorgeben zu bekämpfen.

Das schlimmste aber ist, dass darin das Grundmuster der antisemitischen Argumentation unter veränderten Vorzeichen wiederkehrt. Der Einzelne mag in der Sache sagen und argumentieren, was er will: gegen das Abstraktum „Antisemit“ bleibt er so machtlos wie zu anderen Zeiten gegen das des „Juden“.

Der Terror leerer Generalbegriffe ersetzt die besonnene Prüfung der Standpunkte. Genau von ihr aber hinge alles ab.

  Artikel teilen
8 KommentareKommentar schreiben

'Terror leerer Generalbegriffe' ?: Klassische Propaganda, wie mir scheint: was Augstein von sich gegeben hat, wird von Kister glatt ignoriert. Und die mit Zitaten belegte Kritik an Augstein so umgebogen zur hohlen Phrase - zum 'leeren Generalbegriff'. Nicht dass es einen wundern täte angesichts des heute über weite Strecken üblichen deutschen Qualitätsjournalismus. Aber angesichts der Möglichkeit, sich die Kritik des Simon Wiesenthal Center googeln zu können, verwundert die Dreistigkeit des Vorgehens halt schon ...

Augstein bedienst sich antisemitische Klischees: Sehr geehrter Herr Kister, ich lege Ihnen sehr den offenen Brief von Herrn Broder an Augstein ans Herz. Den sollten Sie unbedingt lesen! Ist hier zu finden: http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article111852281/Brief-an-meinen-Lieblings-Antisemiten-Augstein.html Der Brief ist in der typischen polemischen Art Broders geschrieben, die vielleicht nicht jedermanns Geschmack ist (ich mag allerdings seinen Humor sehr gerne!). Aber in der Sache hat Broder recht: Augstein bedient sich antisemitischer Klischees. Es ist okay, dass er Israel kritisiert. Aber seine Kritik schießt so weit übers Ziel hinaus und bedient - wie bereits erwähnt- häufig antisemitische Vorurteile und Klischees. Ich persönlich kann das nur mit einem inneren Hass gegen die Juden Israels erklären kann. Denn es ist weder 'differenziert' noch ist es 'besonnen', was Augstein über Israel schreibt. Es ist EXTREM einseitig. Augstein verkörpert damit den modernen Antisemiten. Er arbeitet sich nicht klassisch 'am Juden' ab, sondern in extremer Form an den Zionisten Israels.

Augstein: Auch wenn Augstein scheinbar gegen Israel wettet, benuetzt er typisch antisemitische Redewendungen die schon immer von Antisemiten gegn Juden benutzt wurden. Die schwache Ausrede er waere nur gegen Israel kann man ihm nicht abkaufen, warum benuetzt er die typische anisemitischen Begriffe? Darauf hat der Anisemit Augstein keine Antwort. Als mein Vater in Auschwitz 'zu Gast' war, hat er dieselben Begriffe Tagein und Tagaus gehoert. Audstein soll sich entschuldigen!!

Es wird Zeit mit Märchen aufzuräumen!: Genau so ist es wie der Vorkommentar meint. Antisemitische Diskursformationen und Topoi sind bekannt. Auch wenn diese in ihrer modernen Variante über Umwegkommunikationen allgemein auf Israel oder allgemein auf jüdische Gruppen übertragen werden, ist dies Antisemitismus. Das diese Diskussion völlig abstrus wird, liegt an den schäumenden und irre fabulierenden Verteidigern von Augstein, die jeden Bezug zur Sache und zum Gegenstand an sich verloren haben und sich selbst in Augstein erkennen. Frau Kahane hat in der BZ den besonnensten Satz der ganzen unsäglichen Debatte von sich gegeben. Egal wie stereotyp die heutige Israelkritik daherkommt, sie ist angeblich immer frei von Antisemitismus. Keines der uralten Klischees über die Juden gilt mehr als antisemitisch sobald es sich auf Israel bezieht. Es wird Zeit, dass wir mit diesem Märchen aufräumen!'

Unscharfer Begriff: Augstein bedient sich in seiner Kritik an Israel exakt jener vermaledeiter Bilder vom Juden/Israeli, der die Welt am Gängelband hält, die USA steuert und Deutschland Anweisungen erteilt. Augstein schreibt über den finanzellen und moralischen Profits der Juden/Israels aus dem Holocaust. Augstein fabuliert über die vermeintliche Drahtzieherschaft - cui bono - der Juden/Israelis der Morde in Bengasi, der Toten in Syrien, der Opfer der innerarabischen Konflikte. Ja sogar für das iranische Streben nach der Atombombe trägt nicht das Regime die Verantwortung, sondern Israel. Dies musste man nicht erst bei Augstein lesen; diese Bilder vom Juden, der Zwist unter den Völkern säht und den Weltenbrand anfacht, findet man schon in den Machwerken vom 'Internationalen Juden' oder der 'Protokolle der Weisen von Zion'. Sollen hierzulande wegen der Begriffsschärfe die Äußerungen Augsteins nicht als antisemitisch gelten, so sollte sich das Feuilleton, das Augstein so eifrig beispringt, demnächst fragen, ob eben jene Machwerke denn überhaupt antisemitisch seien. Oder vielmehr eine legitime oder gar notwendige Kritik am Juden, der Zwist säht unter den Völkern, der den Weltfrieden gefährdet und der aus dem Holocaust Profit ziehen sucht. Nein, Antisemitismus ist nicht nur dort, so die Haare kurzgeschoren und die Stiefel weißgeschnürt sind. Antisemitismus verrät sich durch die Sprache, mag sie auch noch so eloquent erscheinen. Und Antisemitismus negiert sich nicht durch breite Akzeptanz oder durch den Versuch einer Neudefinition. 'Der Jude säht Zwietracht', 'Der Jude ist schuld', 'Der Jude ist unser Unglück' ist auch dann sichtbar, wenn Leute wie Augstein den Juden durch den jüdischen Staat Israel oder die israelischen jüdischen Orthodoxen. Das SWC - nicht Broder - hat in Augstein einen Antisemiten entlarvt. Meiner Meinung nach zutreffend. Auch wenn Augstein für den renommierten Spiegel schreibt, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftritt, Beistand bei Kollegen findet und unzähligen Zuspruch bei jenen findet, die jedem Beifall spenden, der Israel mit letzter Tinte schreibt, was sie selbst schon immer dachten. Israel bedroht den Weltfrieden. Israel ist das gefährlichste Land der Welt. Israel ist ein Apartheid-Staat. Israel wurde mit Gewalt gegründet. Israel vollzieht einen Völkermord an den Palästinensern. Israel lässt den Gazastreifen aushungern. Israel führt die Welt am Gängelband. Israel ist schuld. Wer ist schuld? Der Jude ist schuld! (Hieß es auf den tausendjährigen Plakaten. Merken Sie etwas?)

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.