Archäologie Geheimnisvolle Werkzeuge jenseits von Asien

Von Roland Knauer 

Viel eher als bisher bekannt lebten Frühmenschen auf der indonesischen Insel Sulawesi. Das belegen dort gefundene Steinsplitter.

  Foto: Erick Setiabudi
 Foto: Erick Setiabudi

Stuttgart - Auf den ersten Blick sehen die Steinsplitter nicht allzu spektakulär aus, die Gert van den Bergh und der inzwischen verstorbene Mike Morwood von der University of Wollongong in Australien von 2007 bis 2012 auf der indonesischen Insel Sulawesi ausgegraben haben. Frühmenschenforscher aber erkennen sie sofort als Klingen, Schaber und andere Werkzeuge, die Menschen in der Steinzeit hergestellt haben. Ganz in ihrer Nähe fanden die Wissenschaftler Reste von acht Zähnen längst ausgestorbener Riesenschweine, Fragmente eines Milchzahns eines ebenfalls verschwundenen Stegodon-Elefanten und einen Hornschuppen eines Krokodils. Mit den akribischen Analysen dieser Funde liefern Gert van den Bergh und seine Kollegen eine kleine wissenschaftliche Sensation, die sie im Fachjournal „Nature“ erklären: Viel früher als bisher bekannt erreichten Frühmenschen mit der Insel Sulawesi einen Brückenkopf im Meer, von dem Neuguinea und Australien nicht mehr allzu weit entfernt sind.

Schließlich liegt die vulkanische Insel, deren Fläche halb so groß wie Deutschland ist, zusammen mit einigen weiteren Inseln genau zwischen zwei großen Landmassen: Als in den vergangenen Eiszeiten der Meeresspiegel bisweilen mehr als hundert Meter tiefer als heute lag, waren eine Reihe indonesischer Inseln wie Borneo, Java und Sumatra mit dem asiatischen Festland zu einem Sunda genannten Land zusammengewachsen. Weiter im Osten waren Neuguinea und Australien zu einem Sahul genannten Kontinent verschmolzen. Dazwischen lagen damals wie heute einige Inseln wie Sulawesi und Flores, die mit keiner von beiden Landmassen verbunden waren. Zoologen fassen diese Region gern unter dem Begriff Wallacea zusammen: Dort leben Tiere mit Wurzeln in Sunda oder Sahul, die sich auf den seit Langem isolierten Inseln eigenständig entwickelt haben.

Homo erectus breitete sich rasch aus

Als vor beinahe zwei Millionen Jahren Frühmenschen wie Homo erectus in Afrika auftauchten, wanderten sie offenbar rasch in andere Teile der Welt aus. Vor rund 1,8 Millionen Jahren erreichten sie dann weit voneinander entfernte Regionen wie den Kaukasus östlich vom Schwarzen Meer und Java, das während der Eiszeiten ja Teil von Sunda und damit des asiatischen Festlandes war. Die Menschen, die viel später nach Sahul kamen, gehörten dagegen schon zu den modernen Menschen, die vor 200 000 Jahren in Afrika entstanden. Der älteste Nachweis von ihnen ist in Australien dann auch gerade einmal 50 000 Jahre alt.

Eine Schlüsselrolle bei dieser „Wanderung“ von Asien nach Australien hat vermutlich die älteste Wallacea-Insel Sulawesi gespielt. Dort aber waren bisher die ältesten Spuren von Menschen Kunstwerke, die vor rund 40 000 Jahren als Umrisse von Händen auf die Felswände von Karsthöhlen gesprüht wurden. Zusätzlich gab es noch einige Steinwerkzeuge, die Forscher bereits in den 1940er Jahren am Walanae-Fluss im Süden Sulawesis gefunden hatten. Deren Alter aber war bisher nicht bekannt.

Steinwerkzeuge ließen Forscher keine Ruhe

Dieser Fund ließ Mike Morwood keine Ruhe. Könnten die Steinwerkzeuge vielleicht viel älter sein und damit zeigen, dass Frühmenschen den Brückenkopf zwischen Asien und Australien viel früher als bisher gedacht erreicht haben könnten? Von 2007 an begann der Forscher, dieser Frage mit den Methoden des 21. Jahrhunderts gleich an vier Stellen in der Nähe des Walanae-Flusses auf den Grund zu gehen. Und er fand bei Ausgrabungen in verschiedenen Tiefen einige Hundert Steinsplitter, die von Frühmenschen bearbeitet waren.

Unmittelbar über und unter diesen Funden entdeckten die Forscher auch Zähne und Hornschuppen von Riesenschweinen, Stegodon-Elefanten und Krokodilen. Die oben liegenden Fossilien mussten also ein wenig jünger und die unten liegenden ein wenig älter als die Steinwerkzeuge dazwischen sein. Mit Hilfe winziger Spuren des radioaktiven Elements Uran im darauf abgelagerten Kalk und der daraus in einer bestimmten Zeit entstehenden Menge von Thorium bestimmten die Forscher dann das Mindestalter der Tierfossilien und ermittelten damit auch die Werte für die dazwischen liegenden Steinzeit-Werkzeuge. Diese sollten mit einer Zuverlässigkeit von 95 Prozent zwischen 118 000 und 194 000 Jahren alt sein. Die Frühmenschen hatten Sulawesi also tatsächlich viel früher als bisher bewiesen erreicht und lebten anscheinend lange Zeit auf der vulkanischen Insel zwischen Sunda und Sahul.

Rätsel über die Herkunft

Wer aber waren diese Menschen? Für die 40 000 Jahre alte Höhlenkunst hatten die Forscher den modernen Menschen als Urheber vermutet. Diese Linie, zu der alle heute lebenden Menschen gehören, hatte sich vor vielleicht 200 000 Jahren in Afrika entwickelt und tauchte vor 45 000 Jahren dann auch in weit auseinander liegenden Regionen wie Europa und Südostasien auf. Abgesehen vom Nahen Osten aber gibt es außerhalb von Afrika bisher keine älteren Spuren des modernen Menschen.

Gert van den Bergh und seine Kollegen vermuten daher, dass eine andere Menschenlinie Sulawesi vor mindestens 200 000 Jahren erreicht hat. In Frage kommen dafür nach ihrer Ansicht drei verschiedene Gruppen: Zum einen die Flores-Menschen, die als gerade einmal einen Meter große Zwergform auf der Insel Flores lebten. Allerdings vermuten die Forscher, dass die Strömungen Frühmenschen entweder vom heutigen Borneo und damaligen Sunda im Westen oder sogar von den Philippinen im Norden nach Sulawesi getragen haben könnten. Das aber spricht keineswegs für Flores, das abgelegen weit im Süden von Wallacea liegt.

Welche Rolle spielten die Denisova-Menschen?

Schon eher kommen die Frühmenschen der Homo-erectus-Linie in Frage, deren letzte Spuren in Südostasien vermutlich 140 000 Jahre alt sind. Bei der dritten Gruppe handelt es sich um den Denisova-Menschen. Diese Linie hat Johannes Krause 2010 am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig ausschließlich mit einer sehr genauen Analyse des Erbguts aus einem Fingerknochen nachgewiesen, der im Altai-Gebirge im Süden Sibiriens gefundenen wurde. „Im Erbgut der modernen Menschen, die ursprünglich in Australien und auf den Melanesien genannten Inseln im Westen des Pazifiks lebten, haben sich sehr deutliche Spuren dieses Denisova-Erbgutes erhalten“, berichtet der Forscher, der inzwischen Professor an der Uni Tübingen sowie einer der beiden Gründungsdirektoren des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena ist.

Für dieses Muster gibt es eine logische Erklärung: Als moderne Menschen über den Süden Asiens Richtung Australien und Neuguinea sowie zu dem von dort aus besiedelten Melanesien unterwegs waren, haben sie sich mit den dort lebenden Denisova-Menschen gemischt. Allerdings ist diese alte Linie inzwischen ziemlich spurlos aus Asien verschwunden: „Auf den Philippinen finden sich nur sehr schwache Denisova-Spuren im Erbgut der Menschen, und auf dem asiatischen Festland sind sie kaum noch nachweisbar“, berichtet EVA-Forscher Jean-Jacques Hublin.

Vermutlich haben die modernen Menschen auf ihrem Weg aus Afrika heraus die Denisova-Linie aus Asien weitgehend spurlos verdrängt. Nur in den abgelegenen Regionen weit im Südosten des Kontinents und auf den Wallacea-Inseln wie Sulawesi aber hat es einige engere Beziehungen zwischen beiden Linien gegeben, bei denen die Denisova-Menschen ihre Spuren im Erbgut der Australier und Melanesier hinterlassen haben. Die alten Steinsplitter auf Sulawesi erzählen so ein bisher kaum bekanntes Kapitel der weiten Wanderungen unserer Vorfahren.

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