Architektur Leichter wohnen

Michael Petersen, 05.08.2012 09:55 Uhr

Tübingen - Und wenn die Kinder mal heimkommen? „Dann mieten wir ihnen Zimmer im Dorfgasthaus“, antwortet Ursula Selbmann auf eine Frage, die ihr immer wieder gestellt wird. Da baut ein Ehepaar nach 37 gemeinsamen Jahren zum ersten Mal ein Haus, und dann finden die drei noch studierenden Kinder im Alter von 22, 26 und 29 Jahren dort keine für sie reservierte Unterkunft mehr. Nicht mal das alte Holzschränkchen der Großmutter durfte mit einziehen. „Um die Oma in Ehren zu halten, müssen wir nicht ihre Möbel in unserer Nähe haben.“

Das Haus ist ein Zukunftsprojekt. „Wer immer nur zurückschaut, steht ganz plötzlich vor einem Schild, auf dem ,Ende‘ steht“, sagt Bernd Selbmann. Die beiden haben lange darüber nachgedacht, was noch kommen wird, wenn die Kinder aus dem Haus sind und die 60-Jahr-Hürde genommen ist. Das Ergebnis heißt: Beschränken auf das Notwendige.

„Leer macht Spaß“, sagt Bernd Selbmann und durchbricht den Gedanken des Besuchers, ob dieses Paar nicht etwas pietätlos vorgeht. „Uns von etwas zu trennen war nie ein Problem, wir haben dabei eher gemerkt, wie erleichternd das ist.“ Vieles musste raus im Zuge des Umzugs von einem großen Einfamilienhaus in Nürtingen in den offen und klar gestalteten Flachdachbau in Immenhausen auf den Härten zwischen Tübingen und Reutlingen.

„Zwei Drittel“ hieß das Motto des Projekts. Ein Drittel der Besitztümer sollte abgegeben werden. „Gute Sachen einfach wegzuwerfen, das wäre sträflich“, sagt Ursula Selbmann. Also durfte sich jeder Besucher und mancher Nachbar bedienen, da ging der Kinderschlitten genauso schnell weg wie viele Kleidungsstücke oder Küchengeräte. 6000 Dias wurden noch einmal angeschaut – und schließlich entsorgt. Auch da der Blick nach vorn: „Die Bilder im Kopf sind die wichtigeren, ich habe aufgehört zu fotografieren“, sagt Selbmann.

Der Apfelschäler wurde vermisst

Selbst Kunstwerke von Wert wurden verschenkt. Die Erkenntnis des Hausherren: „Ob Bilder, Besteck oder Teppiche – letztlich bekommt man dafür nicht den tatsächlichen Wert, sondern allenfalls einen Euro bei Ebay.“ Was sagen die Freunde zu dem Vorgehen? „So sollten wir es auch machen“, hat Ursula Selbmann schon mehrfach gehört. Und wird denn gar nichts vermisst? „Doch“, sagt sie, „der Apfelschäler.“ Den hatte sie schon weggegeben. Jetzt besorgte sie sich für fünf Euro einen neuen.

Das Prinzip der radikalen Reduzierung setzt sich in der außergewöhnlichen Architektur des Hauses fort. Mancher Bewohner Immenhausens war zunächst skeptisch angesichts eines großen Holzwürfels, der an der Südseite komplett verglast ist und auf der Nordseite keinerlei Fenster hat. „Jeder kann reinschauen, und ich kann rausschauen“, meint Selbmann und zitiert Kinder, die schon Fragen gestellt haben wie „Wo ist denn hier die Wohnung?“ oder „Wann kommt denn endlich das Dach drauf?“ Im Dorf habe man sich erst an die neuen Einwohner gewöhnen müssen – und die sich an das Dorf. „Das sind doch die von dem merkwürdigen Haus“ war anfangs oft zu vernehmen.

Der Hausherr ist Architekt und Leitender Baudirektor der Tübinger Außenstelle des Amtes Vermögen und Bau Baden-Württemberg. Simpel gesagt ist er zuständig für alles, was das Land in der Region um Tübingen und Reutlingen im Besitz hat. Viele hundert Bauwerke – von der Uniklinik über Ställe des Hofgestüts Marbach bis zu dem durch kubistische Linien auffallenden Polizeiposten Mössingen. Seine Frau Ursula ist Sozialpädagogin und Künstlerin. Ein Tag des offenen Ateliers brachte viele neugierige Menschen in das neue Haus. Und dass sie für den Gartenbauverein im Ort so manchen Kranz gebunden hat, trug ebenso zum Abbau mancher Reserviertheit bei. „Nach einem Jahr fühlen wir uns sehr wohl hier“, betonen die Selbmanns.