ARD-Hörspieltage in Karlsruhe Waschen, schneiden, hören

Von Ulla Hanselmann 

In Karlsruhe präsentieren die ARD-Hörspieltage bis Sonntag die ganze Vielfalt der Gattung: Es gibt Helgas und Ritas Friseurfunk unter der Trockenhaube, Do-it-yourself-Angebote, tiefsinnige Klangelaborate und ambitionierte Wettbewerbsware.

Willkommen im Salon Helga: Unter der Trockenhaube gibt es bei den Hörspieltagen im ZKM  nicht nur warme Luft, sondern Akustisches. Foto: ARD
Willkommen im Salon Helga: Unter der Trockenhaube gibt es bei den Hörspieltagen im ZKM nicht nur warme Luft, sondern Akustisches. Foto: ARD

Karlsruhe - Ein neuer Haarschnitt, Klatsch und Tratsch, ein Tässchen Kaffee – so ein Friseurbesuch tut Wunder. Wer bei den ARD-Hörspieltagen im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) den Salon Helga aufsucht, wird von den grell geschminkten Damen Helga und Rita in Empfang genommen. Ein modisches Styling gibt es zwar nicht, unter die Trockenhaube wird man trotzdem gebracht: Schon sitzt man unter einem orangefarbenen Plastikhelm und fühlt sich angesichts der schrillen Retrodeko in die Sixties versetzt. Doch statt sich vom warmen Luftgebläse den Kopf trocknen zu lassen, bekommt man via Lautsprecher „Festivalcuts“ mit Besucherstimmen, Akustikschnipsel oder eine Hörspielserie über den Bremer „Paartherapeuten Klaus Kranitz“ aufs Ohr: Waschen, schneiden, hören!

Helgas und Ritas Friseurfunk ist ein Highlight bei den diesjährigen ARD-Hörspieltagen in den weiten Hallen des Medienkunsttempels. „Hörspiele werden ja gern für trockenes Brot gehalten“, sagt der „Inhaber“ und Erfinder Eberhard Stett vom SWR, „wir wollen mit diesem niederschwelligen Angebot zeigen, dass das nicht stimmt.“ Der Andrang im stylishen Treffpunkt Trockenhaube ist groß, Jung und Alt nehmen auf den Secondhandstühlen Platz, lauschen den per Touchscreen wählbaren Einspielern – und verlassen die fantasievolle Akustikstube mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

Eine originelle und liebevoll umgesetzte Idee, die einer der zentralen Zielsetzungen des zum vierzehnten Mal stattfindenden Festivals entspricht: Die Gattung Hörspiel ins Bewusstsein bringen, das Vorurteil der Langweiligkeit aufbrechen und neue Fans gewinnen, vor allem Jüngere, wie Ekkehard Skoruppa sagt, der SWR-2-Hörspielchef und einer der drei Festivalleiter. Mit einem Symposium zum Stand der Medienkritik ging es am Mittwoch los; noch bis Sonntag bestückt die ARD mit live gespielten Hörkunstwerken wie etwa „Unerhört spontan“ von der Impro-Gruppe Hidden Shakespeare, Sprech­- und Musikdramen, Workshops und vielem mehr diese Plattform der akustischen Inszenierung, die sich sowohl als Experten- wie auch als Pu­blikumsmesse versteht.

Auch das Publikum wird eingebunden

Nicht live performte, sondern bereits „konservierte“ Ware bildet den Festivalkern: Die zwölf besten Hörspiele der ARD, des Deutschlandradios sowie von SRF (Schweiz) und ORF (Österreich) konkurrieren um den Deutschen Hörspielpreis sowie um den vom Publikum bestimmten ARD Online Award. Das Votum erfolgt in diesem Jahr erstmals nicht nur digital auf der Homepage der Hörspieltage, sondern auch auf Papier. Zur Bewertung mit null bis fünf Punkten – von „gefällt nicht“ bis „ausgezeichnet“ – steht etwa Ulrike Müllers Stück „Lieber Nicolas Berggruen“: 55 Minuten, so lange darf das Monopoly-ähnliche Spiel dauern, das sie ihrer Arbeit als Struktur zugrunde legt. Müller greift das virulente Thema Gentrifizierung auf: Sie lässt vier Bewohner eines Berliner Mietshauses, denen sie jeweils einen Schauspieler als „Paten“ zur Seite stellt, mit dem US-Immobilienhai Nicolas Berggruen um das weitere Wohnrecht pokern. Ein gut Teil seiner Wirkung bezieht das dicht gewebte Hörspiel daraus, dass der Fall und die Mieterbiografien, die hier von der ganzen Härte des Kapitalismus getroffen werden, echt sind: Ulrike Müller wohnt mit ihrer Familie selbst in dem Haus. „Aus einem persönlichen Stoff etwas zu entwickeln entspricht meiner Art zu arbeiten, es wäre sonst auch nicht möglich gewesen, so dicht an die Biografien heranzukommen“, sagt die Autorin und Regisseurin. 2015 stach sie am gleichen Ort mit „Das Projekt bin Ich“ ihre Mit­bewerber aus.