Asteroiden Manche sieht man, viele aber nicht

Alexander Mäder, 24.02.2013 15:25 Uhr

Stuttgart - Der Astronom Florian Freistetter versteht die Welt nicht mehr. In seinem Blog geht er alle politischen Runden im Fernsehen durch: In der vergangenen Woche wurde über Pferdefleisch, die Ego-Gesellschaft und das „Einbruchparadies Deutschland“ gesprochen, aber nicht über die Gefahr durch Asteroiden. Dabei habe keine andere Naturkatastrophe „das Potenzial, alle Menschen auf der Erde zu töten“. Den Asteroiden ist noch nie viel Aufmerksamkeit geschenkt worden, doch nun hatte Freistetter auf einen Wandel gehofft.

Wäre der Meteor, der über der russischen Stadt Tscheljabinsk zerplatzte, nur etwas größer gewesen, statt 15 also 20 Meter, hätten Menschen sterben können, schreibt Michael Khan von der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) in seinem Blog. Und als wollte die Natur das unterstreichen, flog am gleichen Tag ein 50 Meter großer Brocken im Abstand von nur 28.000 Kilometern an der Erde vorbei. Auch die Esa-Manager nutzen die Gunst der Stunde. „Der Meteor hat noch mal gezeigt, dass die Bedrohung real ist und wir uns mehr anstrengen müssen, um ihr zu begegnen“, sagt Nicolas Bobrinsky, der bei der Esa für die Weltraumlageerfassung zuständig ist.

Der Esa stehen pro Jahr zwei Millionen Euro zur Verfügung

Zu Bobrinskys Arbeitsbereich gehören drei Gefahrenquellen: herumfliegender Weltraumschrott, Eruptionen der Sonne und Asteroiden. Für die Asteroiden stehen ihm 2,0 bis 2,5 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung, mehr haben die Minister der Esa-Mitgliedstaaten bei ihrem Treffen im November nicht bewilligt. „Das Budget ist niedriger, als wir beantragt hatten“, sagt Bobrinsky, „aber es ermöglicht uns, mit der Arbeit loszulegen.“

Bobrinsky will ein Teleskop mit einem weiten Beobachtungsfeld entwickeln, mit dem der Himmel nach kleinen, schnell wandernden Punkten untersucht werden kann. Würde man fünf oder sechs dieser Teleskope über den Globus verteilen, ließe sich ein Asteroid wie der über Tscheljabinsk einige Tage vorhersagen, sagt er. Doch dafür fehlt ihm bis jetzt das Geld. Es wäre eine Suche an der Grenze des Sichtbaren: Gesteinsbrocken, die keine 20 Meter breit sind, seien kaum zu entdecken, schreibt Michael Khan in seinem Blog. Dennoch setzt auch er sich für mehr Forschung ein und wirbt sogar für eine bemannte Mission zu einem Asteroiden: Die dürfte nicht mehr kosten als eine Mission zum Mond.

Der US-Kongress hat die Agentur Nasa vor einigen Jahren beauftragt, die großen Asteroiden zu erfassen, und stellt dafür 20 Millionen US-Dollar (rund 15 Millionen Euro) zur Verfügung. Knapp 10.000 Asteroiden, die der Erde nahe kommen können, sind schon erfasst. Die Stiftung B612, die nach dem Asteroiden des kleinen Prinzen benannt ist, will 450 Millionen Dollar für ein Weltraumteleskop sammeln, das nach Asteroiden Ausschau hält. Manager des Silicon Valley engagieren sich bereits.

Die Vereinten Nationen planen ein Warnnetzwerk

Was geschieht, wenn ein Asteroid auf Kollisionskurs entdeckt werden sollte, ist indes noch offen. Wenn genug Zeit bleibt, könnte man versuchen, ihn mit hartem oder sanftem Druck auf eine andere Bahn zu lenken. Von Atombomben über Sonnensegel bis zu großen Raumschiffen, die ihn allein durch ihre Gravitation vom Kurs abbringen, wird alles diskutiert. Technisch erprobt ist bis jetzt keine Option. Und auch auf die Fragen, wie die Öffentlichkeit informiert wird und wie die Zusammenarbeit aussähe, wenn mehrere Staaten von einem Einschlag betroffen sind, gibt es noch keine Antworten. Das bisher wenig beachtete UN-Büro für Weltraumfragen in Wien will noch in diesem Jahr das erste offizielle Treffen eines Asteroiden-Warnnetzwerkes ausrichten.

Einmal hat das System schon funktioniert: Im Oktober 2008 raste ein 80 Tonnen schwerer Brocken auf die Erde zu. Er war nur wenige Meter groß; von diesen kleinen Asteroiden gibt es viel mehr als große. Die Astronomen entdeckten ihn mit einer Vorwarnzeit von etwa 20 Stunden – und waren erleichtert, als klar wurde, dass er über der Wüste des Sudan abstürzen wird.