Atomschutt in Schwieberdingen Welcher Gutachter ist gut genug?

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Die Gemeinde sucht fast schon verzweifelt nach einem Fachmann, der die Strahlung auf der Deponie Froschgraben einschätzt. Dabei kommt Unerfreuliches zu Tage.

Bauschutt aus atomaren Anlagen ist im Froschgraben gelandet. Wer überprüft nun die Folgen? Foto: factum/Granville
Bauschutt aus atomaren Anlagen ist im Froschgraben gelandet. Wer überprüft nun die Folgen? Foto: factum/Granville

Schwieberdingen - Vertrauen, Vertrauenskrise, Misstrauen – das sind die wohl am häufigsten auftauchenden Vokabeln bei Gesprächen über die Schwieberdinger Erddeponie Froschgraben. Im Ort fühlt man sich geprellt von der Kreis-Abfallverwertung AVL, die ohne öffentliche Information Bauschutt von atomaren Anlagen hier deponiert hatte. Und jetzt, bei der Suche nach einem Gutachter, der die Gefahrenlage objektiv und neutral einschätzen soll, steht der Ort schon wieder vor dieser Frage: Wem kann man noch trauen?

Die Gemeinde will herausfinden, inwieweit es sich bereits auf der Deponie auswirkt, dass sogenannter frei gemessener Bauschutt aus Atomanlagen im Landkreis Karlsruhe dort liegt – und dies unabhängig von der AVL. Allein: Beim Versuch, ein unabhängiges, kompetentes Büro zu finden, stieß die Verwaltung auf eine Mischung aus Desinteresse, Filz und (vermeintlichen) Skandalen. 13 Büros wurden gefragt, ob sie den Job machen wollen. Lediglich drei ­bekundeten Interesse.

Ein Fachmann hat Ärger mit der Justiz

Am kommenden Mittwoch, 11. Mai, will der Gemeinderat den Auftrag vergeben. Erst dann soll laut dem Bürgermeister Nico Lauxmann auch bekannt werden, was das Gutachten kostet. „Alle drei Interessenten haben ihre Vor- und Nachteile“, sagte Lauxmann unlängst im Gemeinderat. Was er wohl damit gemeint hat: Der Tüv München gilt vielen Räten als ungeeignet, da das Unternehmen bundesweit als Haus- und Hofgutachter der Atomindustrie bekannt sei. Über das Büro iUS in Aschaffenburg lässt sich zumindest im Netz recht wenig finden. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Aktivitäten des Büros im Dezember 2014 endeten, weil es seitdem keine Neuigkeiten mehr gibt.

Beim Dritten im Bunde, dem Gießener Professor Stefan Gäth, ist die Sache scheinbar wesentlich heißer. Gegen ihn hat die Staatsanwaltschaft Gießen ein Verfahren beim dortigen Landgericht angestrengt. Der Vorwurf: unerlaubter Umgang mit Abfällen in 56 Fällen. Er soll als Gutachter der Firma Woolrec dabei geholfen haben, dass potenziell gesundheitsschädliche Glaswolle in Ziegelsteine als Baustoff eingebrannt wird.

Initiative sagt nicht sofort Nein

„Ich habe mich nicht aufgedrängt, sondern bin angefragt worden“, sagt Stefan Gäth. Er finde „einfach das Projekt spannend“. Die Vorwürfe weist er derweil scharf zurück. „An der ganzen Sache ist rein gar nichts dran“, sagt der Fachmann für Abfall- und Ressourcenmanagement. Er sei sehr optimistisch, dass „die Sache in Bälde ­vorbei ist“ – und zwar zu seinen Gunsten. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass die Anklage der Staatsanwaltschaft nicht unbedingt überzeugend ist – oder es in der ursprünglichen Form nicht war. „Die Anklage war der Staatsanwaltschaft im letzten Jahr mit der Gelegenheit zur Nachbesserung zurückgereicht worden“, teilt ein Sprecher des Landgerichts mit. Fakt ist: Solche Vorgänge haben in Gerichtskreisen Seltenheitswert.

Jetzt ist guter Rat teuer für die Schwieberdinger. Dierk-Christian Vogt von der örtlichen Initiative, die für mehr Transparenz im Umgang mit radioaktiven Abfällen im Froschgraben wirbt, hatte Gäth aufgrund seiner fachlichen Eignung selbst ins Spiel gebracht. Voreilig Nein sagen wolle er trotz der Vorwürfe nicht, solange es kein Urteil gebe. Einem Hochschulprofessor „nehme ich das Interesse an der Materie durchaus ab“, sagt Vogt. Auch der Schwieberdinger Bürgermeister will über Gäth nicht zu früh den Stab brechen. Nach seinen Informationen seien die Anwälte des Gießener Professors optimistisch, dass „eine Einstellung des Verfahrens sehr wahrscheinlich sei“, so Nico Lauxmann. Entscheidend im Gemeinderat seien letztlich „die Referenzen, die Vorerfahrungen und das Leistungsspektrum des Gutachterbüros“.

„Ich habe mich nicht aufgedrängt“

Die Kreis-Tochter AVL hatte es leichter: Sie engagierte das Öko-Institut für ihr Gutachten. Das Freiberger Büro ist häufig für die Politik, etwa das Umweltministerium, tätig und somit nicht unabhängig. Aber es genießt in Fachkreisen einen guten Ruf.