Aufführung Mozarts Così fan tutte im Flüchtlingsheim

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Ein ungewöhnliches Opernprojekt mit einem syrischen Chor feiert im Theaterhaus Premiere. 20 syrische Flüchtlinge richten auf diese Weise einen Appell für mehr Frieden.

Ein Appell an den Frieden: syrische Flüchtlinge spielen die Mozart-Oper  „Così fan tutte“. Die Opernsängerin Cornelia Lanz (rechts) hatte die Idee zu dem Projekt. Foto: privat
Ein Appell an den Frieden: syrische Flüchtlinge spielen die Mozart-Oper „Così fan tutte“. Die Opernsängerin Cornelia Lanz (rechts) hatte die Idee zu dem Projekt.Foto: privat

Stuttgart - Die Oper endet mit einem starken Bild: Syrische Frauen, Männer und Kinder kommen auf die Bühne. Sie tragen weiße T-Shirts, auf denen in roten Lettern die Namen ihrer vom Bürgerkrieg gezeichneten Heimatorte geschrieben steht: Homs, Hama, Damaskus. 30 syrische Flüchtlinge appellieren auf diese Weise für den Frieden. „Zuerst wollten sie die Revolutionsflagge hissen, aber das hätte niemand verstanden“, berichtet Cornelia Lanz, die Initiatorin und Leiterin des integrativen Opernprojekts, das am Sonntag, 5. Oktober, im Theaterhaus Premiere feiert.

Es sei ein Jugendtraum von ihr gewesen, Mozarts Così fan tutte auf die Bühne zu bringen und diese Partie zu singen, erzählt die Stuttgarter Opernsängerin. Der Regisseur Bernd Schmitt, den sie hierfür gewinnen konnte, habe die Idee gehabt, die Oper statt im 18. Jahrhundert in Neapel in der Gegenwart in einem deutschen Flüchtlingsheim spielen zu lassen. Der Pater Alfred Tönnis bot dem Team an, sie könnten im Kloster in Oggelsbeuren bei Biberach proben. Dort kommen seit Mai auch syrische Bürgerkriegsflüchtlinge unter. „Da war es naheliegend, ein integratives Konzept zu entwickeln“, erzählt Cornelia Lanz.

Eine unheimlich intensive Erfahrung

Und so lebten Sänger, Musiker und Flüchtlinge seit dem 1.  August gemeinsam unter einem Dach. Es sei eine unheimlich intensive Erfahrung für alle Beteiligten gewesen, sagt die 33-Jährige, die für das Projekt eigens den Verein Zuflucht Kultur gegründet hat. Stand am Anfang die Oper für sie im Vordergrund, ist es nun das Soziale. Die syrischen Frauen haben ihr Bauchtanzen beigebracht, sie haben alle füreinander gekocht, miteinander gefeiert, aber auch kulturelle Missverständnisse aufgeklärt.

In Syrien berühren sich Männer und Frauen eigentlich nicht in der Öffentlichkeit, ein Mann würde einer Frau nicht einmal die Hand geben. Cornelia Lanz ist aber ein herzlicher Typ. „Wir wissen jetzt, dass eine junge Frau einen nicht heiraten will, auch wenn sie einen umarmt“, berichten die beiden Syrer Koutaiba Al Rahmoon und Yasser Malo und lächeln dabei. Der 17-jährige Koutaiba hat zu Beginn sogar einen Soloauftritt. „Er singt mit seinem Herzen“, schwärmt Cornelia Lanz. Yasser Malo ist beim Chor dabei und hat zudem engagiert beim Bühnenbau geholfen. Der 25-Jährige ist Schreiner. „Die Musik tut uns gut, vorher kannten wir nur unsere Lieder, Mozart ist neu für uns“, sagt Malo.

Das Leben im Flüchtlingsheim spiegelt sich wider

Die sechs Rollen in der Oper, in der es um Liebe und eine Wette um Treue beziehungsweise Untreue geht, werden von professionellen Sängern übernommen, begleitet vom Kurpfälzischen Kammerorchester Mannheim und den Stuttgarter Symphonikern. Aber auch die Flüchtlinge haben mehrere Auftritte. Das geht bei der Ouvertüre los, die das Leben im Flüchtlingsheim widerspiegelt. Auch das syrische Lied Janna ist integriert, das übersetzt Paradies heißt und sich gegen Assad richtet.

Allerdings, auch das gehört zu dieser Geschichte dazu, nicht alle Frauen, die bei dem Projekt mitmachen wollten, durften auch. Manchen hätten ihre Männer verboten, auf die Bühne zu gehen, berichtet Cornelia Lanz. Andere sind dafür mit Begeisterung dabei – wie auch die beiden Mütter von Yasser Malo und Koutaiba Al Rahmoon. Für die Flüchtlinge ist die Oper eine wunderbare Art der Ablenkung gewesen von ihren Sorgen. Koutaiba zum Beispiel hat noch acht Geschwister in Syrien, um die er bangt. Sie hätten von dem Projekt sehr profitiert, meinen beide: Nicht nur, dass sie Kontakt zu Deutschen bekommen hätten, auch der Umgang in der Gruppe habe sich gebessert, berichten die beiden Syrer.

Die Aufführung geht noch auf Tour

Anfangs gab es durchaus Anfeindungen und Rivalitäten. „Jetzt treffen wir uns mehr und unternehmen etwas miteinander“, sagt Yasser Malo. Er ist aus Damaskus und musste sich erst an das Leben im ländlichen Oggelsbeuren gewöhnen. Nur zweimal am Tag fährt ein Bus, das nächste türkische Geschäft liegt 18 Kilometer entfernt. Einmal habe er den Bus verpasst. Doch zum Glück habe ihn Schwester Christa aus dem Kloster abgeholt.

Così fan tutte wird Yasser Malo, Koutaiba Al Rahmoon und all die anderen noch in einige deutsche Städte führen. Nach der Premiere im Theaterhaus und einem Auftritt in der Stadthalle Biberach am 31. Oktober geht es nach München. Auch Rüsselsheim, Balingen und Ulm stehen auf dem Tourneeplan. Die letzte Aufführung soll, so denn die Finanzierung gelingen sollte, im Februar in Berlin stattfinden.

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