Ausstellung beim Stuttgarter Kunstverein Warum dieser erwachsene Mann im Museum mit Lego spielt

Von Andrea Jenewein 

Erwachsene Lego-Fans gibt es überall. In Stuttgart treffen sie sich im Verein Schwabenstein 2x4. Schriftführer Andreas Reikowski hat ein Kunstwerk aus Legosteinen im Baden-Württembergischen Kunstverein aufgebaut. Wie er dabei vorgeht, sehen Sie im Video.

Stuttgart - Es ist ein wahres Ungetüm. Schwarz, klobig – und schwer. „Gut 40 Kilogramm wiegt der Koffer“, sagt Andreas Reikowski keuchend. Er wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht – schließlich hat er seine Fracht gerade per Taxi, Bus und Bahn von Rohracker nach Stuttgart-Mitte transportiert. Ein letztes kurzes Stück gilt es zu bewältigen, dann steht der Koffer inmitten des Ausstellungsraums des Württembergischen Kunstvereins. Hier wird Andreas Reikowski nun in der Sammelausstellung „Präsenz, Kritik, Utopie“ sein Kunstwerk aufbauen.

Er löst die Schnallen an seinem Koffer, ein knallendes Geräusch durchdringt den großen Raum. Es war einst die schiere Größe eines anderen Raums, die ihn zu seinem Werk animiert habe, erzählt Reikowski. Als er im vergangenen Jahr die Möglichkeit hatte, seine Kunst im Herzraum der Stadtbibliothek in Stuttgart zu zeigen, habe er beschlossen, aus dem Vollen zu schöpfen.

Lego von dem Ruf, Kinderkram zu sein, befreien“

Und das heißt bei ihm: aus vollen Lego-Kisten. Reikowski öffnet den Deckel seines Koffers. Darin befinden sich Unmengen grauer Lego-Platten, zudem kleine Verbindungsplatten, Steine und Figuren. Denn das Medium des 53-jährigen Eisenbahners aus Stuttgart-Rohracker sind die rechteckigen Kunststoffsteine, die die meisten mit Kinderspielzeug verbinden. „Das ist mein Anspruch: Lego von dem Ruf, Kinderkram zu sein, zu befreien“, sagt er. Deshalb ist er auch Schriftführer von Schwabenstein 2x4, einem gemeinnützigen Verein aus Stuttgart, der sich der Lego-Kunst verschrieben hat.

Reikowski zieht ein blaues Kissen aus seinem Koffer, dann greift er sich einen Stapel Lego-Platten. „Vorbereitung ist alles“, sagt er und geht auf die Knie. Er legt vier 48er-Grundplatten aneinander und verbindet sie am Kreuzungspunkt mit einer grauen 6x6-Platte. Um diese zu befestigen, greift er zu einem Gummihammer. „So oft, wie ich das jetzt machen muss, mache ich mir ansonsten die Hände kaputt“, sagt er. Und tatsächlich muss er den Vorgang noch einige weitere Male wiederholen – letztlich verbindet er 100 Grundplatten mit 81 Verbindungsplatten und erhält somit ein etwa vier auf vier Meter großes graues Quadrat. „Das Fitness-Studio kann ich mir heute sparen“, sagt Reikowski.

„Ich kann groß – aber anders“

Auf die 6x6-Platten setzt Reikowski dann Zweier-Steine, auf diese wiederum befestigt er jeweils eine gesichtslose Figur. Auf der letzten Figur, oder Minifig, wie der Experte sagt, die ganz unten im Eck ihren Platz findet, steht Reikowskis Künstlername: Zypper. Fertig ist das Kunstwerk: Reikowski hat aus dem Vollen geschöpft – und gleichzeitig ein seriell anmutendes und bemerkenswert minimalistisches Werk geschaffen. „Das ist die Provokation: Ich wollte einen Kontrapunkt setzen zu den voluminösen Werken der Szene. Mein Ziel war es zu zeigen: Ich kann auch groß – aber anders“, sagt er.

Auf einem kleinen Schild steht der Titel des Kunstwerks: „9x9 auf Neugrau. Zeig Dein Gesicht“. Reikowskis Entwurf geht auf ein Werk des amerikanischen Künstlers Carl Andre zurück, der einer direkten Kopie eines seiner Werke jedoch nicht zugestimmt hat. „So war ich genötigt, die Grundidee weiterzuentwickeln und eine eigene Note zu finden“, sagt Reikowski.

Es sei Aufgabe des Betrachters, sein Werk zu deuten

Der 53-Jährige streckt sich. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, zitiert er Karl Valentin, während er zufrieden sein fertiges Werk betrachtet. „Aber der Aufwand zahlt sich aus, wenn Kinder kommen und mit großen Augen davor stehen.“ Dann spiele es auch keine Rolle mehr, dass eine Platte rund 15 Euro gekostet hat. Reikowski weiß aber , dass sein Werk auch andere Reaktionen hervorrufen kann. „Manche sagen, das sei keine Kunst – aber wer bitte will das beurteilen“, sagt er. Ihn freut, dass sein Werk, selbst wenn es den Betrachter dazu bringt, sich aufzuregen, Wirkung zeigt. Wie er auch generell überzeugt ist, dass es Aufgabe des Betrachters ist, das Werk zu deuten: „Horch hin, was es dir sagt! Ich habe es gemacht, jetzt ist der Betrachter dran“, so Reikowski.

Was es mit dem Neugrau auf sich hat, das gibt er dann aber doch preis: „Bis 2004 war für viele Legofreunde die Welt in Ordnung, denn bis dahin gab es nur einen Grauton. Dann kam Neugrau dazu.“ Seitdem gibt es zwei Grautöne in der bunten Welt des Lego.

Reikowski ist ein AFOL, ein erwachsener Lego-Fan

Die nun Einzug in den Württembergischen Kunstverein hält. „Ich bin Mitglied und habe mich für die Sammelausstellung beworben“, sagt Reikowski, der es bedauert, bei der Eröffnung nicht dabei zu sein. „Meine Frau und ich sind im Urlaub – den abzusagen, das konnte ich ihr nicht antun.“ Schließlich sei sie eine LGP, eine leidgeplagte Partnerin. Nichtsdestotrotz bleibt Reikowski ein AFOL, ein Adult Fan of Lego, also ein erwachsener Lego-Fan, der den Traum hegt, einmal allein den gesamten Ausstellungsraum des Württembergischen Kunstvereins mit seiner Lego-Kunst zu bespielen. Er lässt die Schnalle des Koffers wieder zuschnappen. Es knallt.

Unter dem Titel „Präsenz, Kritik, Utopie“ wird vom 26. August bis zum 24. September 2017 die diesjährige Ausstellung der Künstlermitglieder mit rund 200 Teilnehmern im Württembergischen Kunstverein, Schlossplatz 2, gezeigt. Die Vernissage ist am 25. August um 19 Uhr.