Auswärtiges Amt Judenverfolgung als Existenzsicherung

Hilke Lorenz, 26.10.2010 15:36 Uhr
Berlin - Fünf Jahre haben Eckart Conze und seine Kollegen weltweit in über 30 Archiven geforscht. Nun ist belegt: das Auswärtige Amt spielte eine zentrale Rolle bei der Ermordung der europäischen Juden.

Herr Conze, an Selbstbewusstsein scheint es dem Auswärtigen Amt nicht gefehlt zu haben. In einer Broschüre von 1979 heißt es, das Amt sei eine unpolitische Behörde gewesen und habe dem NS-Apparat als Hort des Widerstands gegolten. Ist diese Sicht haltbar?


Nein. Sie wird zwar in dieser Form heute kaum noch vertreten, doch sie bildet den Kern des Selbstverständnisses des Auswärtigen Amtes, wie es sich in der Zeit nach 1945 und in den Jahren nach seiner Wiedergründung 1951 entwickelt hat: das Auswärtige Amt als Stätte der Opposition, als Hort des Widerstandes. Dabei war das Auswärtige Amt eine zentrale Institution des Nationalsozialismus, aktiv beteiligt an nationalsozialistischen Verbrechen.

Sie verweisen das lange gepflegte Geschichtsbild ins Reich der Legenden.


Der Apparat hat nicht nur mitgemacht, sondern war immer wieder auch initiierend beteiligt. Und das nicht erst ab 1938 mit der Amtsübernahme Ribbentrops oder nur in einzelnen Abteilungen. Der ganze Apparat hat seit 1933 an der Gewaltpolitik des Nationalsozialismus mitgewirkt. Er hat sich aktiv, kooperierend, kollaborierend an der Verfolgung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden beteiligt.

Warum hat der Apparat so perfekt funktioniert?


Zum einen gab es schon in der Frühphase der nationalsozialistischen Machtübernahme eine ganz erhebliche Übereinstimmung der Ziele zwischen den alten diplomatischen Eliten einerseits und den neuen nationalsozialistischen Machthabern andererseits. Das reicht von außenpolitischen Übereinstimmungen - "Sprengung der Ketten von Versailles", Wiederherstellungen einer deutschen Großmacht - bis hin zu ideologischen Affinitäten, nicht zuletzt im Antisemitismus. Zum anderen gab es in der Außenpolitik nach 1933 eine Reihe konkurrierender Institutionen. Das Auswärtige Amt versuchte seine Existenz auch dadurch zu legitimieren, dass es kollaborierte. So gab es eine Dynamik der vorauseilenden Kooperation. Seit Kriegsbeginn 1939 schließlich gab es keine traditionelle Außenpolitik und Diplomatie mehr. Das Auswärtige Amt suchte verzweifelt nach neuen Aufgaben. Was lag aus Sicht der Diplomaten da näher, als den zentralen Bereich der NS-Politik zu seiner Hauptaufgabe zu machen: die Judenpolitik.