Baustellen-Reportage in den Stuttgarter Wagenhallen Ein neues, altes Kulturzentrum entsteht

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Derzeit steht nur noch das Skelett der Wagenhallen. In einem Jahr soll die Spielstätte aber wieder eröffnen, dann deutlich flexibler dank mehrer Bühnen- und Hallen-Möglichkeiten. Eine Baustellen-Reportage samt Ausblick in die Zukunft eines künftigen Kulturzentrums.

Dem Himmel so nahe: die Wagenhallen sind derzeit in ihrem Rohzustand zu bewundern. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 11 Bilder
Dem Himmel so nahe: die Wagenhallen sind derzeit in ihrem Rohzustand zu bewundern. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Die Wagenhallen am Stuttgarter Nordbahnhof sehen derzeit so aus, als hätte jemand das Wort „Abrissparty“ etwas zu ernst genommen. Wie ein Skelett liegt die Spielstätte da, ein Skelett, bestehend aus Mauern und Dachbalken und sonst: nichts. Die vielen fleißigen Menschen, die über das Areal wuseln, sind keine Paläontologen vom nicht weit entfernten Naturkundemuseum, die einen Kulturdinosaurier ausgraben, sondern Bauarbeiter. Sie führen hier eine Aufgabe aus, die einer wissenschaftlichen Ausgrabung nicht unähnlich ist und mindestens genauso viel Präzision erfordert: die Wagenhallen sanieren und auf den neuesten technischen Stand bringen, ohne die Spielstätte mit dem in Stuttgart so seltenen Off-Location-Charme in ein übersaniertes Kongresscentrum zu verwandeln.

Der Spagat zwischen behutsamer Sanierung und umfassender Modernisierung liegt in den Händen des Ateliers Brückner, einer dieser Kreativkaderschmieden, die auf der ganzen Welt Projekte realisieren, in Stuttgart aber nicht jedem ein Begriff sind. Das Atelier Brückner bewegt sich im Spannungsfeld von Architektur und Szenografie. Neben den Pyramiden von Gizeh gestaltet die Firma derzeit das weltweit größte Museum für ägyptische Kunst und Kultur. Am Stuttgarter Nordbahnhof verantworten Michel Casertano und sein Team den mehr als 30 Millionen Euro teuren, von Stadt und Land finanzierten Umbau der Wagenhallen.

Künftig sollen die unterschiedlichen Zeitschichten des Gebäudes erlebbar sein

„Wir wollen über Details die verschiedenen Zeitschichten des ab 1895 errichteten Gebäudes erlebbar machen. Die Besucher sollen künftig sehen, was für Funktionen das Gebäude in seiner Geschichte hatte“, erklärt Casertano bei einer Führung über die Baustelle, und zeigt auf Schienen im Boden. „Die werden wir zum Beispiel bis in den Außenbereich verlängern, wo sie künftig sichtbarer Teil der Außengastronomie sein sollen“, so der 43-Jährige weiter. Am Ende der Sanierung stünden neue Räume mit alten Elementen, der Beton-Look und der morbide Charme der Wagenhallen blieben aber bestehen.

Mitte 2018 soll die Spielstätte wieder eröffnen, flexibler, mit mehr Bühnen und damit mehr Möglichkeiten für gleichzeitige Veranstaltungen. Bisher war der Kulturbetrieb bei seinen Konzerten, Partys, Firmenveranstaltungen und privaten Feiern auf eine mittelgroße Halle samt Außenbereich und den „Kleinen Raum“ beschränkt. In Zukunft werden die beiden Macher des Kulturbetriebs, Stefan Mellmann und Thorsten Gutbrod, viel mehr Spielraum haben – im wahrsten Sinne des Wortes.

Künftig kann die Hallengröße noch am Abend der Veranstaltung verändert werden

„Insgesamt haben wir in der größten Hallenvariante künftig Platz für 2100 Besucher, stehend und 1200 bestuhlt“, erklärt Mellmann. „Dank mobiler Trennwände können wir aber auch drei schalltechnisch von einander getrennte Räume erschaffen“, so Mellmann weiter. „Wenn die Party oder das Konzert besser laufen als gedacht, können die einzelnen Räume am Abend selbst noch vergrößert werden.“

Auch ein komplett neues Bühnenhighlight wird es ab Mitte 2018 zu bewundern geben: eine multifunktionale Bühne unter einer alten Krananlage, die so genutzt werden kann, dass die Bühne in der Mitte der Besucher platziert wird. Außerdem wird der Biergarten größer sein und länger Sonne haben, weil die Garagen vor den Wagenhallen abgerissen wurden. „Neben dem viel größeren und luftigeren Vorplatz vor dem Haupteingang wird es hinter dem Gebäude einen zweiten Platz geben, der dem Gebäude gerecht werden wird“, sagt Michel Casertano. „Im Zusammenspiel zwischen dem Veranstaltungsbetrieb von Gutbrod und Mellmann sowie den Künstlern vom Kunstverein Wagenhallen wird das Areal als Teil des Rosensteinviertels ein richtiges Kulturzentrum werden“, so Casertano.

Ab September 2017 können verbindliche Termine in den Wagenhallen gebucht werden

Ab Juli 2017 will Mellmann das Büro des Kulturbetriebs wieder besetzen. „Ab September nehmen wir wieder verbindliche Buchungen an“, sagt der 42-Jährige, der bereits Anfragen von der Oper, aber auch von Techno-Urgestein Sven Väth hat und von Kooperationen mit Veranstaltungen wie den Jazz-Open träumt.

Mellmann nutzt die euphorisierte Baustellenführung noch für einen Appell an Stuttgarts Veranstalter: „Ich würde mir wünschen, dass Stuttgarts Veranstaltungsagenturen künftig große Namen wie Neil Young in die Wagenhallen und nicht in die Schleyer-Halle buchen. Das hat doch bei uns einen ganz anderen Charme.“ Damit das neue, alte Kulturzentrum in Zukunft wirklich das kulturelle Zentrum des neuen Rosensteinviertels sein wird.