Bayreuth hat Ersatzdirigenten für den „Parsifal“: Hartmut Haenchen übernimmt den „Parsifal“

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Nach etlichen Querelen haben die Bayreuther Festspiele kurz vor der „Parsifal“-Premiere einen Einspringer gefunden, der es als Dirigent schon längst vor Ort hätte schaffen sollen.

Kennt alle Quellen:  Hartmut Haenchen soll es in Bayreuth jetzt richten. Foto: Riccardo Musacchio
Kennt alle Quellen: Hartmut Haenchen soll es in Bayreuth jetzt richten. Foto: Riccardo Musacchio

Stuttgart - Beim letzten Mal, als der Dresdner Dirigent Hartmut Haenchen eine „Parsifal“-Premiere leitete, hatte er am Ende ein ziemlich versöhnliches Tableau im Blick. An der Pariser Bastille-Oper nämlich entwarf der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski 2008 das Schlussbild als friedliche Abendbrotszene: Amfortas, nicht länger wund und wieder gesund, Kundry, als Mutter vollkommen integriert, Parsifal, simpel happy, und ein kleiner Bub, der die erlöste Menschheit wohl bald einer neuen gesellschaftlichen Morgenröte zuführen würde, teilten sich Brot und Wein.

So entspannt und als heilige Familie hätte man das innerbetrieblich immer gern bei den Bayreuther Festspielen, zumindest wenn es nach den oberen Funktionsträgern vor Ort geht, als da sind: Katharina Wagner, Festspielleiterin, und Christian Thielemann, Musikdirektor – ein Posten, den es in Bayreuth bis vor ein paar Jahren nicht gegeben hat. Dirigenten kamen und gingen, mal ganz nach Gusto der Chefin, mal rein nach Marktlage.

Etabliert als Koordinator wurde dann aber eben Christian Thielemann, der mehr auf das große Ganze schauen und zugebenermaßen die Gegebenheiten in Bayreuth – Akustik, Erwartungshaltungen, Abläufe und ein paar Zaubertricks – am besten drin und drauf hat. Andererseits gehören Zurückhaltung, Bescheidenheit und – sagen wir – Takt nicht zu Thielemanns überentwickelten Charaktereigenschaften. Er betrachtet, zu Recht oder nicht, das Haus in Bayreuth als sein Wohnzimmer. Gäste: ja. Dauergäste: schon schwieriger. Landlord: Thielemann. In der Art.

Nelson seit Jahren notorisch überlastet

Zu seiner eigenen Überraschung ist Thielemann, wie berichtet, nun während der beginnenden Probenzeit letzte Woche der Kollege Andris Nelsons abhanden gekommen, den der Musikdirektor „fast als Freund“ verbucht hätte. Nelsons, der den „Parsifal“ dirigieren sollte, wollte für ein paar Tage nach Riga, kam dann aber vom Heimaturlaub nicht mehr zurück. Nach wie vor kann über die Gründe nur spekuliert werden. Thielemann hat sich eindeutig geäußert. Es habe kein Zerwürfnis, ja noch nicht mal unterschiedliche Auffassungen gegeben. Wobei Thielemann selbst dann nicht weisungs­befugt wäre, wenn ihm bei anderen etwas komplett gegen den Strich ginge.

Nelsons hat als Dirigent der lange gezeigten, hoch erfolgreichen „Lohengrin“-Produktion (Regie: Hans Neuenfels) gezeigt, was er kann. Zudem war er bestens vorbereitet durch einen konzertanten 3. Aufzug des „Parsifal“ in München vor zwei Jahren mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, als in Bayreuth noch der Künstler Jonathan Meese das Stück inszenieren sollte. Das hat sich mittlerweile auch von selbst erledigt; Uwe Eric Laufenberg, eher ein Regiepragmatiker als ein Rabauke, hat übernommen. Es gehe nunmehr irgendwie „islamkritisch“ zu auf der Bühne, heißt es, aber es heißt schon mal viel in Bayreuth, wenn es Juli geworden ist.

Nelsons’ Demission könnte einen anderen, einfacheren Grund haben: Ohne Entschuldigung lässt normalerweise kein Mann von seiner Güte und Grundeinstellung die Beteiligten zurück. Nelsons ist seit Jahren notorisch überlastet, dirigiert fest das Boston Symphony Orchestra und das Luzern Festival Orchestra, demnächst kommt auch noch das Gewandhausorchester Leipzig dazu, während er in der Restzeit zwischen Berlin, London und Tanglewood pendelt. Daheim ist die Ruhe allenfalls relativ: Nelsons’ Frau, Kristine Opolais, große Sopranistin und Charakterdarstellerin, hat gerade eine Hauptrolle in der Münchner Opernfestspielproduktion „La Juive“ zurückgegeben, das gemeinsame Kind ist noch klein, und trotz aller Nannys und Haushaltshilfen: Es sind schon ganz andere Kleinfamilien wegen falschem Ehrgeiz und Überbelastung zusammengebrochen.