Beck-Kolumne Ist man im Schwarzwald sicherer als im Stadion?

Von Oscar Beck 

Die Terrorangst wächst, weshalb immer mehr Deutsche daheim urlauben. Doch gehen wir bald auch nicht mehr in die großen Sportarenen?

Die großen Stadion sind weiterhin proppenvoll, weil sich viele Zuschauer einfach keine Angst machen lassen. Foto: Schatz
Die großen Stadion sind weiterhin proppenvoll, weil sich viele Zuschauer einfach keine Angst machen lassen.Foto: Schatz

Stuttgart - Bei der Stuttgarter Tourismusmesse CMT hat sich herausgestellt, dass die wachsende Terrorgefahr das Verhalten der Urlauber beeinflusst: Sie wenden sich ab von potenziellen Anschlagszielen wie Tunesien, scheuen Städtereisen nach Paris oder Istanbul und lieb­äugeln stattdessen mit Alternativen wie Lausitz, Harz, Schwarzwald und Schwäbischer Alb, also beispielsweise einem Urlaub auf dem Bauernhof in Erkenbrechtsweiler.

Man braucht an der Stelle nicht mehr viel Fantasie für die Frage: Wie lange trauen wir uns noch ins Stadion?

Die jüngste Bekanntgabe der Polizeibehörde Europol, dass groß angelegte Anschläge à la Paris drohen, könnte den Trend galoppieren lassen: Statt in Scharm al-Scheich badet der deutsche Urlauber künftig im Schluchsee – und der Fan geht nicht mehr zum großen Fußball ins große Stadion, sondern zum Derby Zizishausen gegen Zazenhausen, das ist sicherer. Oder doch nicht? Der „Spiegel“ hat vor ein paar Tagen einen um die Eindämmung der Terrorangst bemühten Tourismusagenten vom türkischen CMT-Messe­stand jedenfalls so zitiert: „Was in Istanbul passiert ist, kann auch woanders passieren.“ Dieser Lockruf wird jetzt salopp so interpretiert: Wenn man schon Opfer des Terrors wird, dann wenigstens dort, wo es schön ist.

Wie redet man den Besorgten die Angst aus?

Jenseits der Angst

Denn jeder hat Angst. Wer keine hat, ist entweder ein Idiot oder Jeff Bridges in „Jenseits der Angst“. Der Hollywoodstar überlebt in diesem Drama unverletzt eine Flugzeugkatastrophe. Als ihm die Fluggesellschaft danach für die Heimfahrt eine Zugfahrkarte anbietet, winkt er ab – und zieht ein Flugticket vor. Kurz: er dreht der Angst eine lange Nase. Aber dummerweise sind wir jetzt nicht im Kino, sondern diesseits der Angst.

Wir Deutschen tun uns besonders schwer, denn viele behaupten, wir hätten vor lauter Tüfteln irgendwann auch die Angst erfunden. Im „Oxford English Dictionary“, dem weltweiten Duden der Angelsachsen, sind 3500 Wörter aufgeführt, die sich aus dem Deutschen eingeschlichen haben, und wer in Amerika Zeitung liest, stößt dort regelmäßig auf Begriffe wie „Autobahn“, „Kindergarten“, „Wunderkind“, „Mensch“ oder „Weltschmerz“ – aber eben vor allem auf „Angst“. Von keinem anderen Volk dieser Welt lässt der Deutsche sich übertreffen in seiner Furcht beispielsweise vor Kernkraftwerken, der Vogelgrippe, Google Street View, der Apokalypse oder dem Klimawandel.

Wie gründlich auch unsere Angst im Stadion ist, wissen wir spätestens seit Otto Rehhagel. Der war Trainer von Hertha BSC, als es im Spiel bei Fortuna Düsseldorf zum berühmten „Platzsturm“ der dortigen Zuschauer kam. Die Berliner klagten hinterher gegen die Wertung des Spiels mit dem Hinweis auf die panische Angst ihrer Kicker – und Rehhagel schöpfte aus dem reichhaltigen Fundus seiner mehr als 70-jährigen Lebenserfahrung und schilderte dem DFB-Bundesgericht, „wie ich als Fünfjähriger im Keller gesessen habe“. Er wurde dringend gebeten, die Düsseldorfer Fußballnacht nicht mit den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs zu verwechseln, und man einigte sich schließlich auf einen Kompromiss: Rehhagel reduzierte seine Angst auf „Halbangst“.

Seit Peter Handke „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ beschrieben hat, fragt man zur Angst aber am besten den Torwart. Roman Bürki, der bei Borussia Dortmund im Kasten steht, sagt über die Angst vor dem Terror: „Man muss sie ausblenden.“ Auch Ron-Robert Zieler von Hannover 96 findet: „Man muss sie zur Seite schieben.“ Und René Adler vom HSV ergänzt: „Die Angst darf nicht die Oberhand gewinnen.“ Trotzdem fahren viele Urlauber an den Titisee statt ans Rote Meer.

Tripsdrill als Alternative

Die Schwarzseher übertreiben es mit dem Schwarzwald, der Schreiber hier kann es bezeugen. Letztes Jahr war ich beim Hautarzt, und angesichts etlicher bedenklicher Flecken zeigte er meinem Hang zu sonnigen Ferien an warmen Stränden die Gelbe Karte – ich sollte mich sozusagen der Angst beugen, um meine Haut zu retten.

Wo, fragte ich, soll ich dann Urlaub machen?

„Tripsdrill“, sagte Doc Single.

Das ist, als ob dir der Richter lebenslang Dunkelhaft gibt, und weil sich viele dieser Angst vor dem Terror des Hautkrebses und der Dschihadisten beugen, ist der Schwarzwald jetzt groß im Kommen oder Schopfloch mit seinen Streuobstwiesen – zu dieser Angst passt geografisch perfekt die Geschichte vom Bäuerle von der Alb, den mitten in der Nacht ein verdächtiges Geräusch weckt. „Eugen“, stupft ihn aufgeregt die Bäuerin, „do isch oiner em Stall!“ Worauf der Bauer entgegnet: „Weib, gang du, i vergess mi in solche Fäll immer so schnell.“

Verstehen wir uns nicht falsch, keiner will hier die Angst durch den Kakao ziehen oder verteufeln. „Die Angst ist die Voraussetzung des Überlebens“, hat der unvergessene ­Peter Scholl-Latour als TV-Nahostexperte einmal in sein Mikrofon philosophiert – doch der kugelsichere Kampfanzug, den er dabei trug, war ein mannhaftes Signal, dass er sich vor der Gefahr nicht aus dem Staub machte, so wenig wie früher Cäsar. Als Freunde dem großen Feldherrn rieten, nicht unbewaffnet auszugehen, winkte er ab mit den in alten Schriften glaubhaft verewigten Worten: „Todesfurcht gleicht dem Tode. Ich will nur einmal sterben.“

Wer in Angst lebt, lebt nicht. Als der seit seinen „Satanischen Versen“ von religiösen Fanatikern wegen Beleidigung des Koran zum Tod verurteilte Salman Rushdie nach den Pariser Anschlägen beim ZDF in „Aspekte“ auftrat, kam der Dichter ohne Leibwächter und riet: „Jeder von uns kann etwas gegen den Terror tun: nicht nachgeben, keinen Zentimeter – sondern weiterleben wie bisher.“

Tripsdrill hat seinen Charme, aber ich habe nun trotzdem beschlossen, im Urlaub weiter in die Sonne zu gehen, mit Schirm, Hut und Creme, Schutzfaktor 50, vor allem aber weiter ins Stadion. Der Türke von der Tourismusmesse würde jetzt sagen: Passieren kann es überall – selbst wer daheim arglos vor dem Fernseher sitzt und VfB gegen HSV anguckt, kann plötzlich von der Frau mit der Axt von hinten erschlagen werden.

Spätestens da relativiert sich das Risiko im Stadion.

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