Begegnung mit Paul Maar „Wollen Sie keine Literatur für Erwachsene schreiben?“

Annette Schwesig, 17.12.2012 16:51 Uhr

Stuttgart - Jedes Jahr im Sommer zieht sich Paul Maar für mehrere Monate zum Schreiben zurück. Dann verlässt er sein gemütliches und gastfreundliches Heim in Bamberg und fährt hinaus aufs Land. Dort darf ihn dann außer seiner Frau niemand besuchen, und selbst ihre Anwesenheit ist auf drei Tage pro Woche befristet. Paul Maar nennt das Ferienhaus seine „Schreibwerkstatt“. Es gibt dort keinen Fernseher, keine sonstigen Ablenkungen. „Ich stehe jeden Tag in der Früh auf, so dass ich spätestens um halb zehn am Schreibtisch bin, und sitze da dann auch die ganze Zeit“, erzählt der 75-Jährige. „Was soll ich auch sonst tun? Und so komme ich nach und nach in eine tiefe Konzentration und in ein konsequentes Schreiben hinein.“

Der vielfach ausgezeichnete Kinder- und Jugendbuchautor nennt dieses asketische Arbeiten selbst schmunzelnd „etwas Thomas-Mann-haft“. Der Vergleich ist hoch gegriffen, doch mit voller Absicht gewählt. Paul Maar ist Schriftsteller, doch dass er für Kinder und Jugendliche schreibt, macht aus ihm keinen Schriftsteller zweiter Klasse, auch wenn ihn manche zu seinem Verdruss als solchen ansehen. „Ich gehe innerlich nicht in die Hocke, weil ich für Kinder schreibe. Ich sehe Kinderliteratur als Literatur an“, sagt Maar.

Paul Maar geht sehr ernsthaft ans Werk

Das ist für einen Kinderbuchautor ungewöhnlich selbstbewusst. Sonst sind diese in der Regel bemüht, sich selbst möglichst klein zu machen und alles Auratische in Auftritt und Selbstaussage zu vermeiden. Vor allem Autorinnen – und nicht die schlechtesten – erzählen gern, dass sie am Küchentisch arbeiten, während die eigenen Kinder dabei um sie herumkrabbeln. Sich und die Arbeit ja nicht zu wichtig nehmen – es ist ja nur für Kinder!

Nichts könnte Paul Maar fremder sein. Und vermutlich ist genau diese Ernsthaftigkeit, mit der er ans Werk geht, die Erklärung für seinen seit Jahrzehnten anhaltenden Erfolg. Maar ist der meistgespielte deutsche Autor der Gegenwart und wird deshalb gerne immer wieder aufgefordert, doch endlich für Erwachsene zu schreiben. „Als ob dies etwas Besseres wäre. Ich glaube vielmehr, dass nicht jeder Autor automatisch gute Kinderliteratur schreiben kann.“

Fantasy oder All-Age-Literatur gehört für ihn nicht unbedingt dazu, jedenfalls mag er sie nicht. „Die Verlagsprospekte kann man mittlerweile kaum mehr voneinander unterscheiden: alles ist dunkel, überall sind Totenköpfe, Ritter und Drachen drauf. Ich mache einen großen Unterschied zwischen Fantasy-Literatur und fantastischer Literatur. Fantasy-Literatur ist für mich nur die Flucht aus der Realität. Ich glaube aber, für Kinder ist es wichtig, noch einen Bezug zur Realität zu haben.“