Behinderte fertigen Waffenteile Unter dem Dach der Kirche wird an Waffen gebaut

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In einer Einrichtung der Diakonie im baden-württembergischen Isny fertigen Behinderte Verschlüsse für Jagdbüchsen an. Der Auftrag ist lukrativ, aber auch umstritten.

Nicht nur im Waffenmuseum in Suhl (Bild) befinden sich Jagdwaffen. Foto: dpa
Nicht nur im Waffenmuseum in Suhl (Bild) befinden sich Jagdwaffen.Foto: dpa

Isny - Der Pfarrer aus dem Kirchenbezirk Ravensburg hat nichts Böses geahnt, als er im Rahmen einer Fortbildung das Stephanuswerk in Isny besichtigte. Das ist eine diakonischen Reha- und Bildungseinrichtung für Menschen mit Handicaps unter dem Dach der Evangelischen Heimstiftung. Doch dann gingen dem Theologen beim Besuch der Behindertenwerkstatt die Augen über. Da waren die Poster an der Wand, die ein Gewehr zeigen und für die Waffenfirma Blaser werben. Und da war vor allem die Einsicht, dass hier Teile für Waffen hergestellt werden. „Ich liebe meine Kirche und die Diakonie, doch das passt absolut nicht zu unserer Botschaft des Friedens“, sagt der Mann aufgebracht, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte und der nun um die Glaubwürdigkeit der Kirche fürchtet.

Schließlich habe Jesus gegen Gewalt gepredigt, könne man mit Jagd- und Sportwaffen einen Amoklauf anrichten – wie in Winnenden, Erfurt oder Memmingen. Seine Bedenken, seinen Protest hat der Theologe vor Ort zwar deutlich ausgesprochen, er fand aber augenscheinlich kein Gehör. Offenbar hielt man seine Einwände für übertrieben. Dass die Sache zumindest heikel ist und Irritationen auslösen kann, ist den Verantwortlichen jedoch mittlerweile klar. Deshalb betonen sie auf Nachfrage, sie hätten eine gewissenhafte Entscheidung getroffen, als sie vor zehn Jahren erstmals den Auftrag der Waffenfirma annahmen, die quasi um die Ecke liegt.

Die Behinderten der Werkstatt fertigen Verschlüsse für Büchsen

Erstens würden in der Behindertenwerkstatt nur einzelne Bauteile wie etwa Verschlüsse gefertigt, von denen alleine keine Gefahr ausgehen könne. Zweitens handele es sich nicht um Kriegsgerät, sondern lediglich um Jagdwaffen. Und drittens habe es eingehende Gespräche mit den Mitarbeitern sowie die Verabredung gegeben, dass die Teilnahme an der Produktion freiwillig sei. „Wer ethische Bedenken hat, muss nicht mitmachen“, sagt Bernhard Schneider, der Chef der Heimstiftung.

Laut dem Hauptgeschäftsführer plagen solche Zweifel die Beteiligten aber wohl kaum. Im Gegenteil. Weil die Arbeit im Unterschied zu vielen anderen sonst monotonen Tätigkeiten viel Präzision und Konzentration erfordere, seien die Mitarbeiter stolz auf ihre Leistung. „Sie identifizierten sich damit, ohne jedoch Waffen zu verherrlichen.“ Kritische Nachfragen hält Schneider zwar für verständlich angesichts des christlichen Profils der Diakonie, die massiven Vorwürfe des Pfarrers kann er aber nicht nachvollziehen. Das Kardinalproblem sei nicht die Herstellung von Waffen, sondern ihre Kontrolle und die sichere Aufbewahrung.

So ein Auftrag ist lukrativ

Die Heimstiftung verspricht, die Dinge nochmals zu prüfen. Es ist freilich für sie nicht leicht, die Balance zu halten zwischen wirtschaftlichem Zwang und moralischem Anspruch. 200 Behinderte und 40 Festangestellte finden in der Werkstatt Beschäftigung. Jüngst machten finanzielle Probleme Einsparungen in der Einrichtung nötig. Zudem ist es für eine Behindertenwerkstatt stets eine Herausforderung, passende Geschäfte an Land zu ziehen. Da fällt es schwer, auf lukrative Aufträge zu verzichten und Grenzen zu ziehen. „Wenn die Diakonie solche Waffenteile nicht herstellen darf, darf es dann die Arbeiterwohlfahrt oder irgendein Mittelständler?“, fragt Schneider. So plausibel solche Argumente klingen, so verwundert ist man beim Landesverband der Diakonie.

Dort geht man auf Distanz. „Wir halten die Zusammenarbeit mit Waffenproduzenten für sehr problematisch“, sagt Peter Ruf. Laut dem Sprecher des Wohlfahrtsverbandes hatte die Stuttgarter Zentrale bisher keine Kenntnis von dem Arrangement mit der Firma Blaser. Nun werde zum einen mit der autonomen Heimstiftung über mögliche Konsequenzen geredet. Zum anderen will der Verband aus Anlass des Falles prüfen, ob er spezielle ethische Kriterien für solche Konflikte formuliert.

In der Regel gibt es nämlich Einzelfallentscheidungen vor Ort. So hat das Behindertenzentrum Stuttgart (BHZ) schweren Herzens einmal einen Auftrag für medizinische Geräte abgelehnt, weil die bei Schwangerschaftsabbrüchen zum Einsatz gekommen wären. „Grundsätzlich soll unsere Produktion dem Leben dienen“, sagt der BHZ-Chef Albert Ebinger. Er begründet so die damalige Entscheidung. Im BHZ würden sicher keine Waffenteile gebaut, sagt Ebinger noch. Ein Urteil über die Entscheidung, die andere in anderen Lagen treffen, will er damit jedoch nicht fällen.

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Immer wieder der selbe Empörungsreflex...: Dabei sagt dieser Absatz alles: 'Erstens würden in der Behindertenwerkstatt nur einzelne Bauteile wie etwa Verschlüsse gefertigt, von denen alleine keine Gefahr ausgehen könne. Zweitens handele es sich nicht um Kriegsgerät, sondern lediglich um Jagdwaffen. Und drittens habe es eingehende Gespräche mit den Mitarbeitern sowie die Verabredung gegeben, dass die Teilnahme an der Produktion freiwillig sei. „Wer ethische Bedenken hat, muss nicht mitmachen“, sagt Bernhard Schneider, der Chef der Heimstiftung.' Fertig, aus.

Kein Problem: Ich finde es super, dass man Behinderten hier die Möglichkeit gibt, einen komplexen, anspruchsvollen Beruf auszuüben. In dieser Einrichtung zeigt sich, dass eine Behinderung nicht bedeutet, für die Berufswelt ungeeignet zu sein - man muss nur die passende Arbeit finden und das scheint hier gelungen zu sein. Ich bin selbst Jäger und weiß, was für ein Aufwand hinter einer guten Jagdwaffe steckt. Deshalb gilt den Arbeitern sowie auch den Organisatoren mein größter Respekt. Bei Jagdwaffen sofort an Amokläufe zu denken, halte ich für absurd. Ebenso ist es Unfug, die Jagd als solche zu verurteilen. Jäger schießen auf Tiere, nicht auf Menschen. Eine Jagdwaffe wird daher auch nicht dafür gebaut, menschliches Leben auszulöschen. Aus meiner Sicht ist es unverschämt, Leuten, die es sonst sehr schwer haben, einen Arbeitsplatz zu finden, einfach so aus angeblich moralischen Gründen ihre Arbeit nehmen zu wollen. Vielleicht sollte besagter Pfarrer auch einmal bedenken, wie viele Menschen er glücklich und wie wenige er unglücklich machen würde, wenn er die Sache einfach auf sich beruhen ließe.

Unter dem Dach der Kirche wird an Waffen gebaut - einfach skändalös!: Eine kirchlich geführte Behindertenwerkstatt hilft also Gerätschaften zu basteln, mit deren Hilfe andere Lebewesen zu Behinderten, Krüppeln, oder auch tot geschossen werden. Das paßt hervorragend zusammen - oder vielleicht doch nicht ? Kann man sich einen jagenden Jesus vorstellen mit einem Gewehr, der mit vor Schießgier zittriger Hand, Hasen, Rehe (oder auch böse Jagdkonkurrenz - 'Raubzeug', wie Nachbars Katze oder Hund) und anderes Getier 'anschweißt', d.h. anschießt, verletzt, verkrüppelt? Denn viele Tiere bleiben nicht sofort tot 'im Feuer' liegen, sondern krepieren erst elend nach Tagen oder Wochen unter furchtbaren Qualen. Ethik und Moral sind nicht nach beliebigen Gutdünken zusammenzubasteln. Hat die Kirche schon einmal etwas von Albert Schweitzer - 'Ehrfurcht vor allem Leben gehört' ? 'Nicht die Zahl der Beine, oder eine Behaarung der Haut ist wesentlich. Ein erwachsener Hund ist weitaus verständiger als ein Kind im Alter von Wochen oder Monaten. Doch selbst wenn es nicht so wäre, was würde das ändern ? Die Frage ist nicht : Können sie denken, oder können sie sprechen, sondern können sie leiden '. (Jeremy Bentham 1748 - 1832) Sehr wohl wird hier Kriegsgerät hergestellt, lebensverachtendes Kriegsgerät mit dem gegen unsere Mitgeschöpflichkeit zu Felde gezogen wird. Ulrich Dittmann

Luxusprobleme: Ich verstehe jetzt nicht wirklich, was an der Herstellung von Jagdwaffen verwerflich sein soll. Über das du sollst nicht töten und so kann man natürlich diskutieren, aber seien wir doch mal realistisch: Jedes Stück Fleisch das wir essen kommt irgendwo her und in jedem Fall stirbt ein Tier dafür - was soll diese Pseudomoral? Die Menschen jagen seit tausenden von Jahren, um zu überleben und nur weil wir heut zu Tage andere für uns die Dreckarbeit machen, ist das doch plötzlich nichts anderes und mal sehen wie viele Leute sich das Vegetarier sein nochmal überlegen, wenn plötzlich niemand mehr das Gemüse um die halbe Welt fliegt. Das der gute Herr bei Jagdwaffen direkt an Amokläufe denkt, ist so abwegig das ich garnicht weiter darauf eingehen möchte. Wenn die Arbeit den Behinderten Spass macht ist das doch super und zeigt, das zumindestens diese über dieser neumodischen Heuchelei stehen.

Ehrlichkeit: Niemand der Beteiligten ist wirklich ehrlich. Mit Ausnahme der Behinderten vielleicht. Aber selbst dies ist kein eindeutiges Kriterium für einen Persilschein. Es ist wahr, die moralische Instanz der Kirche ist am Boden, doch ist das längst kein Spiegelbild des Moralverständnisses eines einzelnen Kirchenmannes. Das erlaubt ihm durchaus, die Co-Produktion von Jagdwaffen unter dem Dach der Kirche in Frage zu stellen. Wenn die Kirche ernst genommen werden will, muss sie sich allen Themen stellen, angefangen bei den mittelalterlichen Altlasten bis hin zur Zusammenarbeit mit Waffensegnungen, Naziregime, Kindesmissbrauch und nicht zuletzt auch dieser Waffenproduktion. In diesem Zusammenhang muss nochmals erwähnt werden, dass die Kirche auch Messen für Jäger arrangiert. Wenn man nicht sehr engstirnig-anthroprozentrisch denkt, bemerkt man auch hier einen Widerspruch in der christlichen Grundethik, die sich doch gerne vom Alten Testament abheben möchte. Mit dieser in diesem Zeitungsbeitrag erhobenen Fragestellung beweist, ungeachtet aller Mißstände, wenigstens ein einzelner Kirchenmann (oder einige wenige), dass ehrliches ethisches Denken in der Kirche noch lebendig ist. Ohne diesen Geist des moralischen Hinterfragens wird die Kirche auch ihre Sünden nicht ernsthaft aufarbeiten können.. Ich bin unentschlossen in der Bewertung der Firma Blaser. Wer heute jagd, der tut das nicht, um zu essen und zu überleben. Er tut es entweder als Sport (Töten als Sport) oder im inzwischen umstrittenen Glauben an der Naturerhaltung. Hat der Mensch wirklich das Recht, so selektiv in die Natur einzugreifen, dazu ganz im Konsenz mit den Interessen der Waldwirtschaft ? Firma Blaser ist in dieses Wirtschafts-Geschehen involviert und ich vermute rein wirtschaftliche (und PR-)Gesichtspunkte, wenn Behinderte mitproduzieren und womöglich die Kirche einen Anteil der Löhne mitträgt. Hier ist auch nichts ehrlich oder ehrlicher.

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