Berlinale Etwas Melancholie geht immer

Thomas Rothschild, 15.02.2013 12:24 Uhr

Berlin - Antonis Paraskevas war ein gefeierter Fernsehmoderator. Jetzt aber scheint seine Zeit vorbei. Er versteckt sich in einem leer stehenden Luxushotel, um seine eigene Entführung vorzutäuschen und dann, als Held, wieder aufzutauchen. Doch die Rechnung geht nicht auf. Gegen Ende wühlt der heruntergekommene Star, von niemandem mehr erkannt, gehüllt in die Kleidung einer Vogelscheuche, in Abfalleimern nach Essensresten.

Oberflächlich handelt „Die ewige Rückkehr von Antonis Paraskevas“ von Elina Psykou vom Niedergang einer skurrilen Persönlichkeit. Am ehesten erinnert der griechische Beitrag zum Internationalen Forum des jungen Films an den vor vierzig Jahren entstandenen Streifen „Themrock“, der Michel Piccoli zu internationalem Ruhm verhalf. An die Stelle der anarchischen Radikalität von „Themrock“ tritt jedoch Resignation. Auf einer zweiten Ebene kann man den Film als Parabel verstehen. Mit dem Absturz seines Helden wäre die jüngste Geschichte des Landes gemeint. Darauf deutet eine kurze Szene hin, in der die Silvester-Fernsehsendung zu sehen ist, die die Einführung des Euro bejubelt.

Noch indirekter reflektiert der spanische Panorama-Beitrag „Gestern endet nie“ von Isabel Coixet die aktuelle Wirtschaftskrise. Er spielt im Jahr 2017. Ein Paar, das sich fünf Jahre zuvor, also in unserer Gegenwart, getrennt hat, trifft sich in einer desolaten Umgebung bei Barcelona und spricht endlos, allzu endlos über die Ursachen der Trennung, den Verbleib der Frau in Spanien, die Auswanderung des Mannes nach Deutschland. Das „verlorene Land“, für das die „zwei traumatisierten Menschen“ stehen sollen, findet sich so nachdrücklich nur im Katalog. Die Annahme, die Künste würden die Wirklichkeit eins zu eins widerspiegeln, verkennt deren Wesen. 1929, im Jahr der Weltwirtschaftskrise, liefen unter anderem folgende Filme an: „Frau im Mond“ von Fritz Lang, „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ von G. W. Pabst oder „Asphalt“ von Joe May. Aus den USA kamen die Musicals „The Broadway Melody“ und „Gold Diggers of Broadway“. Und wer da meint, die oft anzutreffende Melancholie in Filmen unserer unmittelbaren Gegenwart müsse Folge der wirtschaftlichen Lage in ihren Entstehungsländern sein, greift zu kurz. Die Melancholie der frühen Filme von Antonioni oder von Tarkowski bedurfte keiner Finanzkrise.

Es ist ein Elend

Mit den Mitteln des Spielfilms lassen sich die Auswirkungen der Wirtschaftskrise – Arbeitslosigkeit, Armut, Statusverlust – zeigen, nicht aber die abstrakten Mechanismen der Krise. Aber auch die Dokumentarfilme aus den „Euro-Problemländern“ sind mehr an Typen als an Strukturen interessiert, mehr an fotografierbarer Beobachtung als an darzustellender Analyse. Der halbdokumentarische spanische Film „Die Plage“ von Neus Ballús bietet ein Panoptikum unglücklicher Menschen an – den aus Moldawien eingewanderten Jurij, der sich seinen Lebensunterhalt in der Landwirtschaft verdient, die nicht mehr ganz junge Maribel, die an einem entlegenen Feldweg vergeblich auf Freier wartet, einen Bauern, dessen Pflanzen von der weißen Fliege befallen sind, die alte Maria, die sich im Altersheim nicht unter die Dusche zwingen lassen will, und deren philippinische Pflegerin. Es ist ein Elend. Aber mit der aktuellen Wirtschaftskrise hat das nichts zu tun. Missernten gibt es auch anderswo und zu anderen Zeiten, und das Leben im Altersheim ist meist nicht lustig.

„Die Plage“ bleibt ebenso unspezifisch wie „An den Wolf“ von Christina Koutsospyrou und Aran Hughes. Die „Idiotie des Landlebens“, die dieser griechische Film, wenngleich einfühlsam, vorführt, ist nicht an die Situation gebunden. Daran ändert der etwas überraschende symbolische Schluss nichts: Irgendwer böllert in der Gegend herum. Man hört die erschreckten Tiere. Es könnten auch Kinder sein.

Mehr als in den Stoffen wirkt sich die Finanzkrise in der Entstehung von Filmen aus. In Ungarn fand seit 1965 alljährlich kurz vor der Berlinale die Präsentation der nationalen Jahresproduktion statt. In diesem Jahr wurde die Filmschau abgesagt, weil es nach Aussage der ungarischen Regisseure mangels Filmförderung nichts zu zeigen gebe. Welche Wirklichkeit soll der Film abbilden, wenn es keinen Film mehr gibt? Die Krise ist kein Filmstoff. Sie ist die Wirklichkeit.