Beschneidungen Kinderärzte stellen sich gegen Politiker

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Der Streit über den rituellen Eingriff nimmt an Schärfe zu. Ärzte warnen vor den körperlichen und seelischen Folgen einer Beschneidung.

Schmerzhaft: Ein türkischer Junge bei einer Massenbeschneidung in Foto: dpa
Schmerzhaft: Ein türkischer Junge bei einer Massenbeschneidung in Foto: dpa

Die Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, Charlotte Knobloch, hat der Kanzlerin Lob dafür gezollt, dass sie sich für die rituelle Beschneidung von Jungen in Deutschland einsetzt. Angela Merkels Klarstellung, dass man nicht als einziges Land der Welt den jüdischen Ritus nicht gestatten könne, sei überfällig gewesen, sagte Knobloch dem „Westfalen-Blatt“. Bis Rechtssicherheit geschaffen sei, erführen „betroffene Familien“ juristisch und finanziell ihre Unterstützung, sagte Knobloch. „Ich bin nicht bereit, nur ein Jota jüdischer Identität aufzugeben.“ Der Bundestag will sich am Donnerstag auf seiner Sondersitzung auch mit den Folgen des Kölner Landgerichtsurteils befassen, das eine rituelle Beschneidung als Körperverletzung wertet.

CDU, SPD, Grüne und FDP wollen eine Resolution einbringen, die sich dafür einsetzt, den bei Muslimen und Juden üblichen Eingriff zu erlauben. Allein die Linkspartei ist noch unentschlossen. „Wir kennen den Resolutionsentwurf noch nicht und werden morgen in der Fraktionssitzung darüber beraten“, sagte Raju Sharma, der religionspolitische Sprecher der Linken. Sharma verwies auf das Grundsatzprogramm der Linken, das sich gegen einen Sonderweg der Kirchen beim Arbeitsrecht ausspricht. Analog dazu könne man fragen, „ob den Kindern von Muslimen weniger Menschenrechte zustehen als den Kindern von Nichtmuslimen, die vor einer Körperverletzung geschützt sind“, sagte Sharma.

„Die Eltern sind ratlos, wo sie hingehen sollen.“

Bei Ärzten hält indes die Verunsicherung an. Das Jüdische Krankenhaus in Berlin berichtet, dass man keine Beschneidungen mehr vornehme. Früher seien es im Jahr 60 bis 70 Eingriffe gewesen, zwei Drittel Muslime, ein Drittel Juden. „Die Eltern sind ratlos, wo sie hingehen sollen“, sagt ein Sprecher des Hospitals. Die Klinikgruppe Vivantes, die dem Land Berlin gehört, hat mitgeteilt, dass sie prinzipiell eine Beschneidung nur bei einwilligungsfähigen Patienten empfehle. Allerdings sei eine sogenannte Wunschbeschneidung auch im Kindesalter möglich, wenn der „religiöse Hintergrund glaubhaft“ sei und im Gespräch „ein relevanter Druck der religiösen Gemeinschaft auf die Familie deutlich wird“. Dies biete man nun an, um das Feld nicht den Nichtmedizinern zu überlassen, sagte Bernd Tillig, ein leitender Chirurg bei Vivantes und stellvertretender Präsident der Gesellschaft für Kinderchirurgie. Vivantes rechnet den Eingriff als individuelle Gesundheitsleistung ab, die rund 300 Euro kostet, womit auch Vollnarkose und Nachuntersuchungen abgegolten sind.

Tillig hatte in einer Stellungnahme nach dem Kölner Urteil eine Beschneidung ohne Narkose als „Kindesmisshandlung“ bezeichnet. Auch hatte er sich kritisch über den Eingriff im Allgemeinen geäußert: Die Entfernung der Vorhaut sei nicht „gänzlich unbedenklich“. Die Hauptrisiken seien Nachblutungen und Wundinfektionen, auch könnten Verengungen (Stenosen) bei der Beschneidung von Babys auftreten. „Die Beschneidung ohne medizinische Indikation ist Genitalverstümmelung“, sagte Tillig. Die Vorhaut habe wichtige Funktionen als Gleitgewebe für Erektion und Koitus. Auch liege die größte Sensibilität im inneren Vorhautblatt, und dieser Körperteil sei wichtig für die zelluläre Abwehr und die Entsendung von Sexualstoffen.

Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte äußerte sich am Montag kritisch. Die Debatte nehme fundamentalistische Züge an, und die Befürworter ritueller Beschneidungen „bagatellisieren diese Form der Körperverletzung“, sagte der Verbandspräsident Wolfram Hartmann. Er verwies auf „lebenslange körperliche und seelische Verletzungen“. Für die Politik scheine der Rechtsfrieden „mehr zu zählen als das persönliche Trauma“. Dem Verband sei die Religionsfreiheit bewusst, so Hartmann. Aber das Recht auf körperliche Unversehrtheit sei „gerade bei minderjährigen Kindern das höhere Recht“.