Bietigheim-Bissingen Reha als Training für den Job

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Entspannte Kuren sind passé: Die Reha-Patienten sollen schnell wieder arbeiten können. Hess darf als erstes ambulantes Zentrum im Land eine neue Therapieform anwenden.

In eigens eingerichteten Räumen können die Patienten bei Hess testen, ob sie in der Lage sind, beispielsweise Foto: factum/Granville
In eigens eingerichteten Räumen können die Patienten bei Hess testen, ob sie in der Lage sind, beispielsweiseFoto: factum/Granville

Bietigheim-Bissingen - Reha als verkappter Urlaub mit ein bisschen Massage und ein wenig Gymnastik ist nicht mehr angesagt. Das könne man sich nicht mehr leisten, heißt es von der Deutschen Rentenversicherung – weder finanziell noch volkswirtschaftlich. Deshalb hat die Versicherung ein neues Konzept entworfen, mit dem Reha-Patienten schneller wieder fit für die Arbeit werden sollen. Das Reha-Zentrum Hess in Bietigheim-Bissingen ist die erste ambulante Einrichtung in Baden-Württemberg, die nun die Zulassung für diese neue Therapieform von der Rentenversicherung erhalten hat.

Der Kern dieser sogenannten Medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation (MBOR) ist das Training in praxisnahen beruflichen Alltagssituationen. „Bisher findet die Reha immer unter Kunstbedingungen statt“, erklärt Wolfgang Kringler, Neuropsychologe und Projektleiter der MBOR bei Hess. Doch wer mit einem neuen künstlichen Hüftgelenk 50 Kilogramm an einem Trainingsgerät heben könne, sei nicht zwangsläufig in der Lage, ähnlich schwere Kisten auf einen Lastwagen zu laden. Deshalb sollen künftig die jeweils individuell erforderlichen Arbeitsschritte in der Reha trainiert werden.

Praxisnahes Training in Unternehmen möglich

Natürlich sei solch ein Training nicht bei jedem Patienten notwendig, sagt Juan Victor Coseriu von der Rentenversicherung. Bei etwa 70 Prozent reiche eine reguläre Rehabilitation aus – die künftig allerdings auch verstärkt auf die berufliche Wiedereingliederung ausgerichtet sein solle. Bei den anderen 30 Prozent werde mit Hilfe zertifizierter Tests untersucht, inwiefern der Patient in seinem Beruf einsatzfähig ist. Gibt es noch Schwachstellen, so werden diese behandelt – in Räumen, die eigens mit Vorrichtungen zum Üben ganz bestimmter Arbeitsschritte wie das Eindrehen von Schrauben oder das Besteigen einer Leiter ausgestattet sind. Zudem will Milko Hess, der Inhaber des Reha-Zentrums, ein Netzwerk mit Unternehmen aufbauen, die bereit sind, Reha-Patienten in ihren Betrieben von Therapeuten konkret auf ihren Job vorbereiten zu lassen – in der Schreinerei der Firma Hofmeister ist das möglich.

Das Ziel sei es, Reha-Patienten künftig innerhalb von einem Monat wieder voll in den Arbeitsalltag einzugliedern, sagt Coseriu. Denn je länger jemand der Arbeit fern bleibe, desto schwieriger werde der Neuanfang. „20 Prozent der Reha-Patienten kommen derzeit gar nicht mehr in ihren Beruf zurück.“ Es sei ein Umdenken nötig: Ärzte sollten nicht unnötig lange krankschreiben, Unternehmen sollten auf schnelle Wiedereingliederung drängen – und die Reha müsse die beruflichen Belange stärker im Blick haben. Nicht zuletzt auch aus volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten: Angesichts des demografischen Wandels fehle es jetzt schon an Arbeitskräften – man müsse jeden Einzelnen also so lange wie möglich im Beruf halten.

Konzept soll sich auch finanziell lohnen

Das sei letztlich auch wichtig, um Folgekosten zu vermeiden, sagt Milko Hess: Ältere Menschen, die noch arbeiteten, seien länger fit. Ihm gehe es deshalb darum, den Patienten einen Weg zurück in den Beruf aufzuzeigen. Und auch finanziell soll sich das Konzept lohnen: Zwar investiere die Rentenversicherung zunächst zwei bis drei Prozent mehr für Reha-Maßnahmen (rund sechs Milliarden Euro jährlich), aber laut Coseriu geht man davon aus, dass langfristig 30 bis 40 Prozent der 18 Milliarden Euro eingespart werden können, die seine Organisation im Jahr bundesweit für Erwerbsminderungsrenten zahle.

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