Bildungspolitik im Landtagswahlkampf Kultusminister geht in die Offensive

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Die Bildungspolitik gilt als zentrales Wahlkampfthema. Den Kritikern will der Minister Andreas Stoch (SPD) jetzt mit geballten Erfolgsmeldungen den Wind aus den Segeln nehmen.

Kultusminister Andreas Stoch (SPD)  rückt seine Politik ins rechte Licht. Foto: dpa
Kultusminister Andreas Stoch (SPD) rückt seine Politik ins rechte Licht.Foto: dpa

Sieben Wochen vor der Landtagswahl überbietet sich das Kultusministerium mit Erfolgsmeldungen in eigener Sache. Innerhalb eines Tages verspricht Kultusminister Andreas Stoch (SPD) Verbesserungen für das Gymnasium und lobt gleichzeitig die Ausstattung der beruflichen Schulen.

Die Gymnasien sollen zum kommenden Schuljahr 111 zusätzliche Lehrerstellen bekommen, um Schülern den Übergang in die Oberstufe zu erleichtern. In Klasse zehn sollen die Schüler zusätzliche Vertiefungsstunden in den Pflichtfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen erhalten. Dazu sollen entweder die Klassen geteilt werden, oder zwei Lehrer gemeinsam in einer Klasse unterrichten.

So will Stoch mehr individuelle Förderung der Schüler erreichen, ohne dass der Stundenplan länger wird. Über diese Vertiefungsstundenhinaus sollen die Schüler in den Pflichtfächern mindestens eine Stunde pro Woche differenziert unterrichtet werden.

Damit reagiert der Minister auch auf die Forderung des Philologenverbands und der Elternvertreter der Gymnasien im Regierungsbezirk Stuttgart. Diese hatten sich für die Wahlfreiheit zwischen acht – und neunjährigem Gymnasium ausgesprochen und die Wiedereinführung von Grund- und Leistungskursen verlangt. Darin sehen sie den Beitrag des Gymnasiums zum individuellen Lernen.

Unterschiedliche Ansichten

Weder Eltern noch Lehrer sind sich aber einig. Der Landeselternbeirat hält eine Diskussion um G 8 und G 9 für „nicht zielführend“. Er spricht sich für die pädagogische Weiterentwicklung der Gymnasien aus. Auf Seiten der Gymnasiallehrer lobt Michael Burgenmeister, der Vorsitzende der Direktorenvereinigung Nord-Württemberg, das Ministerium. Die Maßnahme sei „notwendig und sinnvoll“. Die Verbesserung der Einführungsphase der Oberstufe nennt er „einen wichtigen Schritt bei der Weiterentwicklung des Gymnasiums“. Als nächstes seien Verbesserungen in der Mittelstufe notwendig.

Lob für die Landesregierung gibt es auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Deren Landesvorsitzende Doro Moritz hält das Konzept für ein gutes Beispiel dafür, „dass Schulen nach ihrem Bedarf versorgt werden müssen“. Eine Rückkehr zu G9 lehnt die GEW ab. Dies würde die Leistungsbandbreite an den Gymnasien noch erweitern, die Schülerschaft würde noch heterogener werden. Die übrigen Schularten würden geschwächt, wenn ihnen starke Schüler entzogen würden, argumentiert Moritz.

Gute Nachrichten für Berufsschulen

Gute Nachrichten hat der Kultusminister auch für die beruflichen Schulen. Dort habe sich die Unterrichtsversorgung erheblich verbessert. Zu Beginn der Legislaturperiode fielen dort 4,4 Prozent der Unterrichtsstunden von vorneherein aus, weil es nicht genügend Lehrer gab.

Jetzt sei dieses strukturelle Unterrichtsdefizit auf 1,8 Prozent gesunken, Stoch nennt das einen „historischen Tiefstand“. Er verwies auf die hohen Einstellungszahlen an den beruflichen Schulen. Zum laufenden Schuljahr habe das Land 1350 Lehrerstellen besetzt, 400 mehr als durch Pensionierungen frei geworden seien.

Herbert Huber, der Vorsitzende des Berufsschullehrerverbands, wandte jedoch ein, die 400 Stellen seien nicht auf Dauer angelegt. Er warnte vor drohenden Stellenkürzungen. Im Haushaltsplan stünden bereits 365 Stellen mit dem Vermerk, sie könnten zum 1. Februar 2017 wegfallen.

Der Kultusminister verspricht, „wir wollen die beruflichen Schulen weiter stärken“. An diesem Mittwoch erhält Stoch eine weitere Gelegenheit, die Verdienste der Koalition in der Bildungspolitik zu präsentieren. Im Landtag geht es um das Thema, „Bildung muss auch künftig der Schwerpunkt im Landeshaushalt sein“. Beantragt hat die Debatte die SPD-Fraktion.

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Herr Stoch: ist so überzeugt von seiner Bildungspolitik, daß er seine Kinder auf die Waldorfschule schickt.

Übrigens alle 4 Kinder: "Das habe seine Frau entschieden", sagte der Minister mal. Trotzdem: Wie jedermann hat auch Familie Stoch das Recht, das ihrer Ansicht nach Beste für ihre Kinder zu wollen und zu wählen. Privatsache oder "schon interessant"? Was wäre, wenn der örtliche Sparkassendirektor für alle seine 4 Kinder Girokonten bei der Commerzbank einrichten würde? Wohl Privatsache - oder? Lauter schwierige Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

G8 gescheitert!: Meiner Ansicht nach zeigen alle angekündigten Massnahmen klar das Scheitern des G8. Wenn nun in den Hauptfächern Vertiefungsstunden angeboten werden sollen frage ich mich schon: wieso erst jetzt? Wie haben es die Schüler bisher geschafft? Oder hat man endlich gemerkt, das man bisher den gesamten Zusatzstress durch das G8 nur bei den Eltern und Schülern abgeladen hat und versucht nach massiven Protesten dies nun zu korrigieren? Dann sei aber die Frage erlaubt: warum nicht einfach zum jahrzehntelang erfolgreichen G9 zurückkehren und fertig, anstatt nun mit immer neuen Verschlimmbesserungen das unnätige Projekt G8 zu retten. Leid tun mir hier nur die Schüler die als Versuchskaninchen missbraucht wurden.

GEW ist leider parteiisch: Einmal mehr zeigen Doro Moritz und ihre GEW, dass sie sich als politische Vorfeldorganisationen von SPD und Grünen verstehen. Das Wohl von Kindern, Lehrern und Schulen bleibt hierdurch auf der Strecke. Die wenig erfolgreiche Bildungspolitik von Grün-Rot lässt sich somit kaum analysieren, diskutieren, geschweige denn verbessern. Selbst bei strammen Gewerkschaftsmitgliedern findet die Lobhudelei über die Gemeinschaftsschule keine Zustimmung mehr. Die Vernachlässigung von Gymnasien, Realschulen und sämtlicher beruflichen Schulen lässt sich auch durch Aktionismus 6 Wochen vor der Wahl ob des 13 %-Schocks nicht wett machen.

Korrekt: In dieser Sache muss ich Ihnen uneingeschränkt Recht geben. Grün-Rot hat es vielleicht gut gemeint, aber die neue Schulart Gemeinschaftsschule ist - trotz unverhohlener Privilegierung! - gescheitert.

Gescheitert? : Auf Grund welcher Kriterien kommen Sie zu diesem Schluss? Diese Schulform wird hier doch erst seit einem Jahr angeboten, und die in anderen europäischen Ländern damit gemachten Erfahrungen deuten nicht auf eine generelle Untauglichkeit hin.

Gemeinschaftsschule: Diese neue Schulart wird in BW nicht erst seit einem Jahr, sondern bereits schon seit dem Schuljahr 2012/13 angeboten. Spiritus rector ihres pädagogischen Konzepts ist der Schweizer Reformpädagoge Peter Fratton, dessen Privatschule in Romanshorn es 2012 auf eine Abitur-Durchfallquote von sage und schreibe 40% brachte. Kultusminister Stoch hält zu Fratton deshalb wohlweislich auf Distanz, scheint aber einen Leistungsvergleich der Gemeinschaftsschule mit konkurrierenden Schularten zu scheuen.

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