Bioenergiedorf Oberrosphe Ein Dorf macht sich autark

Von Martin Schäfer 

Das Dorf Oberrosphe im mittelhessischen Burgwald versorgt sich seit zehn Jahren überwiegend selbst mit Strom und Wärme. Auch andere Kommunen holen sich Rat bei den Ökoenergie-Pionieren.

Hackschnitzel und Fotovoltaik liefern Wärme und Strom für die Haushalte in Oberrosphe. Foto: Adobe Stock
Hackschnitzel und Fotovoltaik liefern Wärme und Strom für die Haushalte in Oberrosphe. Foto: Adobe Stock

Oberrosphe - Es waren einmal ein Pfarrer und ein Förster. Die hatten eine Idee. Sie wollten sich unabhängig von großen Konzernen machen und außerdem ihr Dorf selbst versorgen und selbstbestimmt voranbringen. Was sich wie ein Märchen anhört, hat tatsächlich funktioniert. Jetzt feierte das Bioenergiedorf Oberrosphe, etwas nordöstlich von Marburg in Mittelhessen gelegen, sein Zehn-Jahr-Jubiläum. 2007 hatten Bürgerinnen und Bürger eine Genossenschaft gegründet, um sich mit Strom und Wärme weitgehend selbst zu versorgen.

Oberrosphe war seinerzeit das zweite Bioenergiedorf in Hessen, doch landes- wie bundesweit ein Vorbild mit Strahlkraft. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es mittlerweile mehr als zehn Bioenergiedörfer, und ihre Zahl nimmt weiter zu. Damit ist der Landkreis bundesweit führend. Der Startschuss gab im Jahr 2005 das bei Göttingen gelegene niedersächsische Dorf Jühnde mit rund 1000 Einwohnern. Seither findet das Konzept immer mehr Freunde. In Baden-Württemberg wurde im vergangenen November das 84. Bioenergiedorf eingeweiht: die Gemeinde Wald im Landkreis Sigmaringen. Dort beziehen rund 50 Haushalte ihre Wärme aus einer Biogasanlage. Inzwischen sind schon mehr als 90 Kommunen Bioenergiedörfer, rund 30 weitere seien in Planung oder auf der Zielgeraden, teilt das Umweltministerium in Stuttgart mit.

Unter einem Bioenergiedorf verstehen Fachleute ein Dorf, das sich zu mehr als 50 Prozent mit Strom und Wärme aus nachhaltigen Quellen versorgt. Rund 830 Einwohner hat die Pioniergemeinde Oberrosphe in 240 Haushalten. 135 Haushalte sind angeschlossen. Im Keller haben sie eine kleine Box, durch die die Nahwärme zirkuliert und über einen Wärmetauscher an das Rohrsystem im Haushalt abgibt. Ein unspektakuläres, schwarzes Kästchen, wie Hans Bertram, der damalige Förster und Inspirator, erläutert. Der Gründung vor zehn Jahren ging die Suche nach der besten Technik voraus. Geothermie, Solarthermie und weitere Techniken waren im Gespräch, erinnert sich Hans-Jochen Henkel, der heutige Vorsitzende der Genossenschaft. Für den Förster Hans Bertram aber war schnell klar, dass es eine Hackschnitzel-Anlage sein sollte.

Hackschnitzel und Solarzellen

Und so setzt Oberrosphe auf ein Hackschnitzel-Wärmekraftwerk und Solarzellen. Andere Kommunen wählen andere Konzepte und Kombinationen. Jeder Haushalt in Oberrosphe mit Nahwärmeanschluss ist gleichzeitig Mitglied in der Genossenschaft und zeichnet Anteile für 7000 Euro. Für weitere 1000 Euro wird der Haushalt an das sieben Kilometer lange Nahwärmenetz angeschlossen. Über die Strom- und Wärmepreise befinden die Genossinnen und Genossen selbst. Auf ihren Versammlungen setzen sie ihren Energietarif fest. Der bewegt sich gerade bei 8,4 Eurocent pro Kilowattstunde. „Das ist auf dem Niveau von Heizöl“, sagt Hans-Jochen Henkel.

Das Ganze rechnet sich umso mehr, als keine Personalkosten anfallen. Die Anlage selbst läuft vollautomatisch. Für die übrigen Arbeiten sind die Mitglieder ehrenamtlich aktiv. 50 000 Arbeitsstunden haben die Genossinnen und Genossen seit Beginn ehrenamtlich geleistet. Etliche Rentnergruppen haben sich gebildet, um etwa Aschekästen zu leeren und den Betrieb der Anlage zu prüfen. Einmal im Jahr wird auch das gesammelte Restholz durch gemietete Hochleistungshäcksler auf die passende Größe gebracht. So kommt rund ein Drittel der verfeuerten Biomasse zusammen.

Die übrigen Hackschnitzel werden über eine Einkaufsgenossenschaft mehrerer Bioenergiedörfer eingekauft. Hier müssen die Genossenschaftler Kompromisse machen, denn der Einkauf orientiert sich an Wirtschaftlichkeit und Preis. Ein Teil des Brennstoffs stammt daher mitunter nicht aus der Region, was ja eigentlich zum Konzept eines Bioenergiedorfs gehört. Förster Hans Bertram hat sich damit abgefunden. Der Vorsitzende Henkel weitet den Begriff „regional“ auf Mitteleuropa aus. Und das sei „immerhin besser als Öl aus Nahost“.

Respektabler Beitrag zum Klimaschutz

Natürlich war vielen bei Betriebsstart im Jahr 2008 mulmig zumute. Die alten Heizungen waren eingemottet und teils demontiert. Jetzt musste die Nahwärme gut und verlässlich funktionieren. Das tat sie. „Bislang hat noch keiner seine Mitgliedschaft in der Genossenschaft gekündigt“, sagt Henkel. In den nächsten Monaten werden weitere vier Haushalte des beschaulichen Dorfs im Burgwald angeschlossen.

„Wir haben über drei Millionen Liter Heizöl eingespart“, rechnet Henkel vor – ein respektabler Beitrag zum Klimaschutz. Weitere Initiativen holen sich gern Rat in Oberrosphe. So will sich auch der Ort Mengsberg – ebenfalls in Hessen – energieautark machen. „Wir sind dankbar, dass Oberrosphe den Anfang gemacht hat“, berichtet Karl Heinz Waschkowitz aus Mengsberg. Die Genossenschaftler dort wollen sechs Millionen Euro investieren, um 145 Haushalte zu versorgen. Waschkowitz hat ganz ähnliche Motive wie Pfarrer und Förster damals in Oberrosphe: „Uns geht es um Selbstbestimmung und Wertschöpfung in unserem Ort.“