Biologie Bauern auf sechs Beinen

Von Kerstin Viering 

Auch im Tierreich gibt es Experten mit pfiffigen Methoden für Landwirtschaft und Gartenbau. Die Blattschneiderameisen sind nur die bekanntesten von ihnen.

Eine Blattschneiderameise bei der Arbeit Foto: dpa
Eine Blattschneiderameise bei der ArbeitFoto: dpa

Stuttgart - Traktoren und Zuchtbullen, Biogemüse und dekorative Gartenblumen – seit Freitag präsentiert die Grüne Woche in Berlin wieder einmal die neusten Trends aus Landwirtschaft und Gartenbau. Zu besichtigen ist dort eine Art Leistungsschau des menschlichen Erfindergeistes: Nach Jahrtausenden der Tüftelei gelingt es dem Menschen recht erfolgreich, Pflanzen und Tiere für seine eigenen Zwecke nutzbar zu machen. Lange galt er sogar als einzige Art, die das schafft. Doch es gibt durchaus Tiere mit einem Talent für Ackerbau und Viehzucht.

„Allerdings sind solche Aktivitäten im Tierreich sehr selten“, sagt Ted Schultz vom Smithsonian-Naturkundemuseum in Washington. „Wir kennen nur wenige Tiergruppen, die Landwirtschaft betreiben.“ Erstaunlicherweise handelt es sich dabei nicht um die üblichen Verdächtigen aus unserer nächsten Verwandtschaft. Vom Hammer bis zur Zahnseide haben Affen zwar viele Erfindungen gemacht, die früher als typisch menschlich galten. In Sachen Landwirtschaft halten sie sich aber auffällig zurück.

Gärtner schwimmen auch in den Weltmeeren

Fische dagegen gelten nicht unbedingt als die Einsteins der Tierwelt. Und doch gibt es unter ihnen talentierte Gärtner, haben japanische Forscher um Hiroki Hata von der Universität Kyoto beobachtet. Die Riffbarsche der Art Stegastes nigricans leben in den Korallenriffen des Indopazifiks und fressen vor allem Rotalgen der Gattung Polysiphonia. Diese zarten Gewächse vertragen keine zu starke Beweidung und werden zudem leicht von konkurrenzstärkeren Algen überwuchert. Also verteidigt jeder Riffbarsch ein Territorium, aus dem er andere Fische und Seeigel hinauswirft. Und damit sich auf seinen Beeten kein Unkraut breit macht, rupft der schuppige Gärtner unerwünschte Algen aus, schwimmt ein Stück damit weg und lässt sie erst außerhalb seines Reviers fallen.

Eine Schnecke namens Littoraria irrorata, die durch die Salzmarschen an der Südostküste der USA kriecht, hat hingegen eine Vorliebe für bestimmte Pilze. Und damit sie davon auch genug findet, hilft sie ein bisschen nach. Mit ihrer Raspelzunge bearbeitet sie immer wieder die Blätter der Schlickgräser, die in ihrem Lebensraum wachsen. In diesen Wunden können sich die Pilze offenbar besonders gut ansiedeln und vermehren. Zumal die Schnecken ihre Gärten auch noch mit ihrem stickstoffreichen Kot düngen. Zumindest die Grundzüge des erfolgreichen Gartenbaus beherrschen die Weichtiere also durchaus.

Noch talentiertere Landwirte aber haben Zoologen unter den Insekten entdeckt. So haben sich etliche Ameisenarten zu erfolgreichen Viehhaltern entwickelt. Ihre Herden bestehen aus Blattläusen, die eine zuckrige Lösung namens Honigtau ausscheiden. Manche Ameisen melken ihre Haustiere regelrecht, um an diesen Leckerbissen zu kommen. Im Gegenzug verteidigen sie ihre Schützlinge nicht nur gegen räuberische Marienkäfer und andere Feinde. Einige bringen ihr Vieh sogar eigens zu besonders fetten Weidegründen.

Manchen Ameisen genügen primitive Methoden nicht

„Für die Blattläuse hat es also durchaus seine Vorteile, auf einer solchen Farm zu leben“, sagt Tom Oliver vom Imperial College in London. Trotzdem müssen auch tierische Hirten ihr Vieh mitunter an der Flucht hindern. Und dazu haben sie allerlei Tricks auf Lager. Einen davon haben Oliver und seine Kollegen entdeckt, als sie Blattläuse über ein Löschblatt laufen ließen. Waren darauf zuvor schon Ameisen herumgewandert, bewegten sich die Tiere viel langsamer als auf einem frischen Papier. „Wir glauben, dass die Ameisen beruhigend wirkende Chemikalien in ihren Fußspuren nutzen, um eine große Blattlausherde in der Nähe ihres Nests zusammenzuhalten.“

Ähnlich raffinierte Methoden nutzen auch die auf Gartenbau spezialisierten Verwandten der krabbelnden Hirten. „Pilzzüchtende Ameisen sind die am besten untersuchten tierischen Landwirte überhaupt“, sagt Ted Schultz, der das Ameisenlabor des Washingtoner Naturkundemuseums leitet. Mehr als 230 Arten dieser sechsbeinigen Farmer leben vor allem in Mittel- und Südamerika. Und bei allen funktioniert nichts ohne ertragreiche Pilzgärten. Wenn eine junge Königin ein eigenes Volk gründen will, muss sie daher einen Pilzklumpen aus ihrem Heimatnest mitnehmen. „Den nutzt sie dann als Starterkultur für ihren neuen Garten“, erläutert Schultz.

Er und seine Kollegen interessieren sich dafür, wie sich diese ausgefeilte Form der tierischen Landwirtschaft entwickelt hat. Um das herauszufinden, haben die Forscher das Erbgut zahlreicher Arten verglichen und so den Stammbaum der Ameisengärtner rekonstruiert. Demnach haben die ersten der kleinen Krabbeltiere schon vor etwa 50 Millionen Jahren das Geheimnis der Pilzzucht entdeckt. Diese frühen Landwirte sammelten wohl verrottetes organisches Material und kultivierten darauf eine Reihe von Pilzarten aus ihrer Umgebung.

Manche Ameisen begnügen sich bis heute mit solchen primitiven Methoden. Andere aber nicht. Im Laufe der Jahrmillionen haben diese Insekten nicht nur Pilzlinien gezüchtet, die ihren Ansprüchen besonders gut entsprechen. Sie haben auch gelernt, ihre Gärten immer raffinierter zu gestalten. „Den evolutionären Höhepunkt dieser Landwirtschaft haben die Blattschneiderameisen erreicht“, sagt Schultz.

Auch bei einem Kälteeinbruch weiß man sich zu helfen

Diese Spezialisten unter den Pilzzüchtern sollen nach Schätzungen der Forscher vor acht bis zwölf Millionen Jahren entstanden sein. Bis heute sieht man die auffälligen Tiere in Kolonnen durch den tropischen Regenwald marschieren und Pflanzenstücke in ihr Nest schleppen. Die fressen sie aber nicht, sondern nutzen sie als eine Art Kompost. Arbeiterinnen kauen das Material kräftig durch, verteilen den Brei in ihren unterirdischen Gärten und pflanzen einen Pilz namens Attamyces bromatificus darauf. Anschließend wird das Ganze mit Kot gedüngt und spezielle Bakterien, die Stickstoff aus der Luft fixieren können, helfen der Kultur beim Gedeihen.

Damit steht einer guten Ernte eigentlich nichts mehr im Weg. Außer dem Unkraut. Denn immer wieder machen sich in den Kulturen ungenießbare Pilzarten wie der Parasit Escovopsis breit. Beete kontrollieren und jäten gehört daher auch für Ameisengärtner zu den wichtigsten Aufgaben. Mit ihren Mundwerkzeugen entfernen die Tiere nicht nur die fremden Pilze, sondern auch gleich das befallene Substrat. Sogar Pestizide werden eingesetzt, hat ein britisches Forscherteam um Matt Hutchings von der Universität East Anglia herausgefunden.

Was aber tun, wenn der Lohn aller Mühen zu erfrieren droht? Die Pilze in tropischen Ameisengärten wachsen bei etwa 25 Grad am besten, längere Perioden unter 10 Grad vertragen sie nicht. Doch zumindest die am weitesten nördlich lebenden Blattschneiderameisen der Art Atta texana, die in Texas und Louisiana vorkommen, müssen mit solchen Kälteeinbrüchen durchaus rechnen. Wie sie mit diesem Problem fertig werden, hat Alexander Mikheyev von der Technischen Universität in Okinawa mit Kollegen von der Universität Texas beobachtet. Normalerweise züchten die Tiere ihre Pilze in Kammern dicht unter dem Boden. Doch wenn es dort zu kalt wird, schaffen sie ihre Kultur in tiefer gelegene Räume. Auch dort kann es zwar kühl werden, doch im Laufe der Zeit scheinen die texanischen Ameisen robuste Pilzlinien gezüchtet zu haben. Mikheyev fühlt sich durchaus an menschliche Landwirte erinnert, die ihre Nutzpflanzen im Laufe der Geschichte auch an verschiedene Klimazonen anpassen mussten: „Wie ähnlich die Landwirtschaft von Ameisen und Menschen funktioniert, verblüfft uns immer wieder.“

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