Böblingen Geothermie hat es künftig schwer

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Das Böblinger Landratsamt lässt kaum noch Bohrungen im Kreisgebiet zu. Das Umweltministerium hat wegen der „Sondersituation“ dort die verschärften Vorschriften akzeptiert.

Erdwärmebohrungen stehen  im Verdacht, die Ursache für die Erdhebungen im Böblinger Stadtgebiet zu sein. Dabei sind an zahlreichen Gebäuden Risse entstanden. Foto: dpa
Erdwärmebohrungen stehen im Verdacht, die Ursache für die Erdhebungen im Böblinger Stadtgebiet zu sein. Dabei sind an zahlreichen Gebäuden Risse entstanden.Foto: dpa

Böblingen - Nur noch in ein paar wenigen Gebieten im Kreis erlaubt das Landratsamt in Zukunft Geothermiebohrungen. Die Behörde hat dieser Tage eine überarbeitete Fassung der zu Beginn dieses Jahres herausgegebenen Karte veröffentlicht. Jetzt ist fast das gesamte Kreisgebiet rot eingefärbt – und damit sind dort Bohrungen tabu. Die Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen, in der sich betroffene Bürger zusammengeschlossen haben, begrüßt diese Verschärfung.

Angesprochen auf die neu herausgegebene Karte sagt Dusan Minic: „Die Geothermie wird es schwerer haben.“ Das erklärt der Sprecher des Böblinger Landratsamtes mit den Erfahrungen, die man im Kreis Böblingen mit der Technik gemacht habe. Missglückte Bohrungen etwa ließen in Leonberg und Renningen Häuser absacken. Erdwärmebohrungen stehen auch im Verdacht, die Ursache für die Erdhebungen im Böblinger Stadtgebiet zu sein. Denn kommt Anhydrit mit Wasser in Kontakt, beginnt die Gipsschicht zu quellen – und in den Häuserfassaden bilden sich Risse. Etliche Hausbesitzer in Böblingen können ein Lied von diesem Phänomen singen.

Interessengemeinschaft begrüßt die neue Karte

Deshalb hatte die Kreisverwaltung Anfang des Jahres erstmals eine Karte herausgegeben, um deutlich zu machen, wo Bohrungen verboten, wo sie erlaubt und wo sie nur unter strengen Auflagen gestattet sind. Gelb unterlegt waren damals auch die Stadtgebiete von Sindelfingen und Böblingen. Abgesehen von den Bereichen, wo sich die Erde wie ein Hefeteig hebt, wären Erdwärmebohrungen erlaubt gewesen, wenn auch unter strikten Auflagen. Danach habe man aber gemerkt, dass in diesen Gebieten, wo Gipskeuper vermutet werde, Bohrungen nicht akzeptiert würden, sagt der Landratsamt-Sprecher Minic. Die Behörde setzte sich mit der übergeordneten Umweltministerium auseinander – das Ergebnis davon sind die verschärften Vorschriften.

Die ursprüngliche (links) und die überarbeitete Karte im Überblick - für eine größere Darstellung klicken Sie auf die Grafik:

Das ist ganz im Sinne der Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen: „Wir sind sehr froh, dass das Landratsamt jetzt ein klares Zeichen gesetzt hat“, sagt Werner Schubert von der Interessenvertretung. „Die Verunsicherung im Landkreis Böblingen ist schon sehr groß“, so Frank Lorho, der Sprecher des Umweltministeriums in Stuttgart. Wegen der „Sondersituation“ dort habe das Ministerium die Kartenneufassung akzeptiert.

In Böblingen sei man nun besonders vorsichtig, sagt Lorho. Dort werde nur noch bis in die Tiefen gebohrt, in denen die Gipskeuperschicht beginne. Andernorts gelte, so der Ministeriumssprechers weiter, die Beschränkung auf den sogenannten Gipsspiegel. Dieser sei Teil der wesentlich mächtigeren Gipskeupers – und sollte tunlichst nicht angebohrt werden. Doch das muss man an Ort und Stelle erkennen.

Prüfungen der Bohrungen in Böblingen laufen noch

Auf die Geothermie als „klimafreundliche Wärmeversorgung“ will der Ministeriumssprecher Lorho nichts kommen lassen. Bei den bekannt gewordenen Schäden in Leonberg, Renningen und Böblingen handele es sich um Altfälle. Die fraglichen Bohrungen seien vor der Verschärfung der Standards im Jahr 2011 erfolgt. Unter den mehr als 33 000 Bohrungen im Land seien Schäden in Staufen im Breisgau, Wurmlingen (Kreis Tübingen), Schorndorf und Rudersberg (Rems-Murr-Kreis), Leonberg und Renningen aufgetreten. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass mangelhafte Geothermiebohrungen die Ursache für die Erdhebungen im Böblinger Stadtgebiet sind, dann sei Böblingen – gezählt wird nach Kommunen – der siebte bekannte Schadenfall, sagt Lorho.

Die entsprechenden Prüfungen dazu sind noch nicht abgeschlossen. Zehn Bohrungen im betroffenen Stadtgebiet seien bereits untersucht worden, sagt der Landkreis-Sprecher Dusan Minic: „Bei fünf sehen wir einen Sanierungsbedarf, drei sollten nachuntersucht werden.“ Bei den restlichen zweien gebe es keine Auffälligkeiten. Weitere sieben Standorte sollen in den nächsten Wochen noch genauer unter die Lupe genommen werden. Bis die Ergebnisse dieser Tests vorlägen, werde es August, so schätzt Minic.