Matthias Gastel kandidiert im Wahlkreis Nürtingen für die Grünen. Dank seines aussichtsreichen Listenplatzes winkt ihm ein Sitz im Berliner Parlament. Das wäre ein weiterer Baustein in seinem bunten Lebenslauf.

Filderstadt - Matthias Gastel ist diplomierter Sozialpädagoge und seit sieben Jahren selbstständiger Unternehmer. Ein Widerspruch? Nicht für den 42 Jahre alten Bundestagskandidaten vom Bündnis 90/Die Grünen im Wahlkreis Nürtingen. Für ihn, den Wanderer zwischen den Welten, gibt es nichts spannenderes, als die scheinbar gegensätzlichen Bereiche miteinander zu versöhnen. „Jeder, der auf dem sozialen Feld unterwegs ist, muss auf Effizienz achten. Und jedes Unternehmen muss sich seiner sozialen Verantwortung bewusst sein“, sagt er. So einfach ist das.

 

Die entgegengesetzten Pole im Leben sind es, die Matthias Gastel offenbar schon immer angezogen haben. Er hat zehn Jahre lang in der Jugendhilfe gearbeitet und sich dann zum Altenpflegehelfer ausbilden lassen. Er hat ein Diplom sowohl als Sozialpädagoge, wie auch als klassischer Kaufmann. Er hat im Tafelladen Kisten geschleppt und den Krankenhausbetrieb von innen kennengelernt. Und er wird sich vom Kindergarten Arche, bei dem der selbstständige Wirtschaftsmediator seit Februar auf Stundenbasis mitarbeitet, ein reguläres Arbeitszeugnis ausstellen lassen.

Der Listenplatz 10 gilt als sichere Bank

Den Job muss er ziemlich sicher kündigen – wegen anderweitiger Verpflichtungen in Berlin. Denn, dass Matthias Gastel seiner ohnehin nicht gerade abwechslungsarmen Biografie vom 22. September an auch noch das Amt eines Bundestagsabgeordneten hinzufügen wird, scheint eine ausgemachte Sache.

Der Rang 10 auf der Landesliste seiner Partei gilt als sichere Bank. Die aussichtsreiche Platzierung in der internen Grünen-Hierarchie ist einerseits ein Hinweis darauf, dass die Partei, die angetreten ist, Ökonomie, Ökologie und Soziales miteinander zu versöhnen, seinen Erfahrungsschatz auch in der Berliner Parlamentsarbeit nicht missen möchte. Andererseits ist sie ein Beleg dafür, dass sich Gastel auch für die basisgrüne Kärrnerarbeit nie zu schade gewesen ist. Seit beinahe 20 Jahren sitzt er für die Grünen im Filderstädter Gemeinderat. Seit 1999 ist er zudem Kreisrat. Darüber hinaus ist er Mitglied im Landesvorstand der Kommunalpolitischen Vereinigung der Grünen.

Auch im Winter mit dem Rad zur Arbeit

Im Bundestag will er einen seiner Schwerpunkte auf die Verkehrspolitik legen. „Velotraum“ heißt der schwäbische Hersteller seines Fahrrads. Das ist für Gastel, der zwar den Führerschein aber kein Auto besitzt, auch eine politische Wegweisung. Sein Traum ist es, den Anteil des Radverkehrs am bundesdeutschen Verkehrsaufkommen deutlich zu erhöhen. „Ich fahre auch im Winter mit dem Rad zur Arbeit“, sagt er. Sein Traumrad sei nicht neu, aber immer wieder grundsaniert worden. „Es ist nicht auf Coolness, sondern auf den Alltag ausgerichtet“, sagt Gastel. Die einzige Sonderausstattung: ein Transportkorb für Akten und Einkäufe.

Moderne Technik und grünes Bewusstsein verbindet sich auch auf dem Dach des Mehrfamilienhauses, in dem Gastel im Ortszentrum von Filderstadt-Plattenhardt wohnt. Die Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach ist im Grundbuch als sein Eigentum eingetragen. „Für den Notar war das vor acht Jahren Neuland. Ich musste die zwölf Quadratmeter Dachfläche auf dem Plan damals eigenhändig schraffieren“, sagt Gastel, dessen Anlage jährlich 800 Kilowattstunden Strom produziert.

Ein Kilogramm Kartoffelernte aus dem Topf auf dem Balkon

Bodenständiger geht es auf dem Balkon zu. Himbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren und Heidelbeeren reifen hier – wenn auch in eher homöopathischer Größenordnung. Immerhin hat Matthias Gastel auf seinem Balkon im vergangenen Jahr ein Kilogramm Kartoffeln geerntet. Jetzt hat er die Anbaufläche verdoppelt – auf zwei Töpfe. „Nur Blumen zu gießen, wäre mir zu wenig. Außerdem haben auch Heidelbeeren schöne Blüten. Und es freut mich, wenn ich das Schöne mit dem Nützlichen verbinden kann“, sagt er.

Das Schöne und das Nützliche. Passt schon, gerade weil Matthias Gastel selbst in keine der gängigen Schubladen passt: Sozialfuzzi und Unternehmer, Pädagoge und Kaufmann, Führerschein und Fahrrad, Altenpflege und Kindergarten.

Kretschmanns Zweitkandidat

Lebenslauf
: Matthias Gastel ist 1970 in Stuttgart geboren. Er lebt in Filderstadt-Plattenhardt. Seine Hobbys sind Sport, speziell Laufen, Radfahren und Gymnastik. Wenn er nicht gerade liest, ist er gerne in der Natur unterwegs. Matthias Gastel hat seinen Berufsweg als Verkaufssachbearbeiter im Groß- und Außenhandel begonnen, bevor er zehn Jahre als Sozialpädagoge in der Jugendhilfe tätig war. Im Jahr 2006 hat er eine Zeitarbeits- und Personalvermittlungsfirma für Fachkräfte im sozialen Bereich aufgebaut und geleitet. Inzwischen arbeitet er als Wirtschaftsmediator.

Politik
: Matthias Gastel ist 1994 zum Stadtrat in Filderstadt gewählt worden. Dort ist er inzwischen Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen. Seit dem Jahr 1999 hat er Sitz und Stimme im Esslinger Kreistag. Bei der Landtagswahl 2011 war Matthias Gastel der Zweitkandidat von Winfried Kretschmann.

Ziele:
In Berlin will sich Matthias Gastel den Schwerpunkten Verkehrspolitik, Arbeitsmarktpolitik, Haushalt und Finanzen widmen. Für den Wahlkreis hat er sich vorgenommen, junge Leute für die Politik zu begeistern. Er will die Entwicklung der sozialen Infrastruktur mitgestalten und Stuttgart 21 auf den Fildern kritisch begleiten und für Verbesserungen streiten.

Vier Fragen, vier Tweets

Ein Windrad auf dem Dach oder Atommüll im Keller – was ist Ihnen lieber? Ein Windrad auf dem Dach und ein nach wissenschaftlichen Kriterien möglichst sicheres, im politischen Konsens ausgewähltes Atommüllendlager.

Freie Fahrt für freie Bürger? Tempo 120 als Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen für weniger Verkehrstote, weniger Schadstoffe und weniger Lärm – für alle Bürger/innen.

Wie billig darf Arbeit sein? Arbeit muss fair und auskömmlich bezahlt werden. Wer Vollzeit arbeitet, muss davon leben können.

Papa Staat und Mama Kita? Familiengerechte Arbeitszeiten, damit auch mal Papa zuhause bleiben und Mama arbeiten gehen kann, sowie ausreichend gute Kita-Plätze.