BW-Atlas Wo Stuttgart seinen Müll abgeladen hat

Von Annette Clauß 

Vor 114 Jahren kaufte die Stadt Stuttgart ein 14 Hektar großes Gelände bei Waiblingen, um dort Abfall zu lagern. 1994 war Schluss, Stuttgart verbrennt seinen Müll inzwischen selbst. Doch die älteste Deponie des Landes macht noch lange Arbeit.

Der Beginn des Stollens wirkt fast wie eine  unterirdische Kirchenkuppel. Foto: Gottfried Stoppel
Der Beginn des Stollens wirkt fast wie eine unterirdische Kirchenkuppel.Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Dreißig Meter unter der Erde ist es still. Kein Autolärm, kein Vogelzwitschern. Nur der Erbach gibt ab und zu ein leises Plätschern von sich. An diesem Wintermorgen ist der Bach, für den österreichische Spezialisten vor rund 20 Jahren mit viel Aufwand und unter dem Getöse einer riesigen Fräsmaschine einen gut mannshohen Stollen durch Muschelkalkgestein gebohrt haben, ein schmales Rinnsal. Ein Schritt genügt, um ihn zu überqueren. Mit mäßigem Tempo fließt das Bächlein 30 Meter tief unter der Deponie Erbachtal, einem Berg von Müll und Erde, seiner Wege. Kommt zwischen Waiblingen und der Ortschaft Neustadt zurück ans Tageslicht, mündet in den Fluss Rems.

Wieso der Erbach durch einen 5,5 Millionen Euro teuren Stollen fließt, ist eine lange Geschichte. Sie beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts, und Klaus Markert kennt sie aus dem Effeff. Der Ingenieur arbeitet als Sachgebietsleiter für Deponiebetrieb bei der Abfallwirtschaft Stuttgart, die mit der Deponie Erbachtal die wohl älteste Müllhalde des Landes betreut.

Das Verschwinden der Mülldeponien im Land dokumentiert unser BW-Atlas.
 

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An diesem Nachmittag trägt Klaus Markert einen gelben Schutzhelm auf dem Kopf, einen Gasmelder am Gürtel und eine leuchtstarke LED-Lampe in der Hand. Vor wenigen Minuten hat er das auf einem grünen Hügel gelegene, kreisrunde Betriebsgebäude der Deponie Erbachtal betreten und ist dann mit einem Bauaufzug 20 Meter durch einen Schacht in die Tiefe gerattert. Einer der regelmäßigen Kontrollgänge durch den Erbachstollen steht wieder auf dem Programm. Klaus Markert knipst seine Handlampe für einen Moment aus. Absolute Finsternis. Eine leichte Brise weht durch den Stollen. „Hier unten ist die Luft besser als in Stuttgart“, scherzt Klaus Markert, schaltet seine Lampe wieder ein und lässt deren Lichtstrahl über die mit Beton verschalten, gewölbten Wände des Stollens schweifen. Blitzsauber ist es in der 820 Meter langen Röhre – so als würde eine schwäbische Hausfrau hier pflichtgemäß ihre Kehrwoche machen.

Die Stuttgarter wussten nicht mehr, wohin mit ihrem Müll

Markert marschiert los, durch den leicht abfallenden Erbachstollen in Richtung Rems. Im Jahr 1902, erzählt er, kaufte die Stadt Stuttgart ein 14 Hektar großes Areal zwischen den damals noch selbstständigen, heute zu Waiblingen gehörenden Orten Neustadt und Hohenacker. Dass die Stuttgarter ein wenig spektakuläres Tal auf fremder Markung erstanden, hatte einen simplen Grund: Sie wussten nicht mehr, wohin mit ihrem Müll. Um das Jahr 1900 zogen Pferde die mit dem stinkenden Haus- und Gewerbemüll, den Essensresten, Scherben, Flaschen, Lumpen, mit Koks und Schrott beladenen Müllkutschen an den Stadtrand, wo der Abfall auf mehreren Kleinflächen lagerte. Doch auf lange Sicht musste eine andere Lösung für die Müllmassen her.

Da traf es sich gut, dass es in Hohen­acker und Neustadt genügend Platz, eine Bahnstation und Menschen gab, die Geld brauchten. Denn die aus Amerika eingeschleppte Reblaus machte den Wengertern das Leben schwer und die Ernten zunichte. Nicht wenige waren bereit, ihre Grundstücke an die Stadt Stuttgart zu verkaufen.

Auf alten Fotos, die Markert in Archiven gefunden hat, ist das Erbachtal samt dem gleichnamigen Bach zu sehen. Die Schlucht klafft wie ein tiefer Graben zwischen Neustadt und Hohenacker. Rechts oben ist das Bahnhofsgebäude zu sehen. Lange Förderbänder transportieren den Müll bis an die Kante der Schlucht. Dort angekommen plumpste der Abfall in die Tiefe: 2,2 Millionen Kubikmeter sind im Laufe der Jahrzehnte vom Stuttgarter Nordbahnhof aus per Bahnwaggons zu der Bahnstation in Neustadt verfrachtet worden. Das Tal, an dessen Sohle Bäume standen und der Erbach floss, ist heute längst verschwunden und mit einer viele Meter hohen Müllschicht verfüllt.