Christiane Staab tritt zurück „Frustration ohne Ende“
Renate Allgöwer, 25.01.2010 14:53 Uhr
vorherige Bild 1 von 2 nächste
 Foto: Steinert
Foto: Steinert
Stuttgart - Die Werkrealschule war der Super-Gau für den Landeselternbeirat", sagt Christiane Staab. Das Gremium machte Verbesserungsvorschläge ohne Ende, "keiner hat Gehör gefunden, alle Bedenken wurden weggewischt". Das hat die Vorsitzende des Landeselternbeirats (LEB) nicht verschmerzt. "Im LEB herrschte Frustration ohne Ende", am Montag hat sie ihren Rücktritt angekündigt. Staab stellt ihre Position ebenso zur Verfügung wie ihre Stellvertreterin Sylvia Wiegert. Beide bleiben aber Mitglied des Landeselternbeirats, der als Beratungsgremium des Kultusministeriums fungiert. Am 24. März soll ein neuer Vorstand gewählt werden. Zuvor wollen die 29 Mitglieder des Gremiums in Klausur gehen und beraten, wie sie mehr Gehör bei der Politik finden können.

In den fünf Jahren, seit Staab das Gremium anführt, ist das nach Meinung der Vorsitzenden nicht gut gelungen. Viele Stellungnahmen hat der LEB abgegeben, wenig ist von Kultusminister Helmut Rau (CDU) beherzigt worden. Die Grundschulempfehlung, die der LEB kategorisch ablehnt, sorgt gerade in den nächsten Wochen wieder in vielen Elternhäusern für Verdruss, die Lehrerversorgung lässt laut Staab nach wie vor zu wünschen übrig. Die Karlsruher Anwältin, die für die CDU im Gemeinderat sitzt, vermisst außerdem "verbindliche Fort- und Weiterbildungen", die Personalpolitik sei generell mangelhaft.

Das Fass zum Überlaufen brachte wie Staab selbst sagte, nicht Rau, sondern der Finanzminister Willi Stächele. Als Stächele jüngst anführte, die Lehrer-Schüler Relation im Land sei mit 16 Schülern pro Lehrer schon jetzt gut, und langfristig müsse der Schülerschwund Auswirkungen auf die Anzahl der Lehrerstellen haben, da platzte Staab der Kragen. "Die Regierung nimmt die Realität in den Schulen nicht zur Kenntnis", sagte die 41-jährige Mutter von vier Kindern gegenüber der Stuttgarter Zeitung. "Fünf Jahre haben wir versucht dafür ein Bewusstsein zu schaffen".

Jetzt resümiert Staab, "es fehlt die Einsicht und es ist kein Bewusstsein für die Probleme des Bildungsbereichs da". Die CDU-Fraktion sei auch nicht besser als die Regierung sagt die CDU-Frau. "An vielen Stellen fehlt die Offenheit, Probleme anzusprechen. Die Fraktion hat die vergangenen 30 Jahre schlichtweg verpennt". Die Fraktion verharre in den 50er und 60er Jahren, und verkenne die Problematik von Migranten oder die Notwendigkeit echter Ganztagsschulen. Kultusminister Helmut Rau zeigte sich überrascht vom dem Rückzug. In der vergangenen Woche habe es ein "sehr offenes und ausführliches Gespräch" mit Staab und Wiegert gegeben. Der LEB sei "als Beratungsgremium sehr ernst genommen worden", allerdings habe man nicht allen Wünschen des Gremiums entsprechen können, erklärte Rau. Volker Schebesta, der schulpolitische Sprecher der Landtags-CDU, findet, die Fraktion habe für moderne Elemente im Schulsystem gesorgt und verweist auf Bildungsstandards und die Werkrealschule.

Der Rücktritt ist Wasser auf die Mühlen der Opposition und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz beklagt, die Landesregierung mache Bildungspolitik gegen die Interessen von Eltern, Lehrern und Schülern. Der Rücktritt von Staab sei eine verständliche Reaktion darauf. Moritz bedauerte den Rücktritt Staabs und sagte gleichzeitig, "mit dieser Bildungspolitik gewinnen CDU und FDP keine Landtagswahl".

Renate Rastätter, die Schulexpertin der Grünen, sieht in dem Rückzug "einen saftigen Denkzettel für die verfehlte Bildungspolitik der Regierung". Staab würdigte sie als "Expertin, die authentisch und glaubwürdig, hartnäckig und konsequent die Interessen der Kinder und Eltern vertreten hat". Rau müsse sich jetzt die Frage stellen, wie lange er noch Bildungspolitik gegen die Eltern machen wolle.

"Wenn sich die Vorsitzende des Landeselternbeirats verhöhnt fühlt, zeigt das, dass die Regierung den Willen der Elternvertreter vollständig ignoriert", kritisiert der SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel. Die SPD erneuerte ihre Forderung an den künftigen Ministerpräsidenten Stefan Mappus, Rau als Kultusminister zu entlassen.
Kommentare (21)
Anzeigen
JAN
30
Beate Habic, 11:04 Uhr

Endlich! Der Rücktritt von Frau Staab

Hurra! Ich bin froh, dass Frau Staab diesen Schritt endlich getan hat. Ich habe mich schon beim Kamof gegen den Französischzwang über sie geärgert. Unzählige kleinere und grössere Initiativen haben sich damals engagiert und bis einen Tag vor Urteilsverkündung dafür gesorgt, dass das Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Die Klage wurde von ihr im Feb. eingereicht. Im Juli habe ich sie gefragt, was eigentlich SIE danach noch unternommen habe. Lapidare Antwort nebst Schulterzucken: "Nichts". ...no comment. Drängt sich die Frage auf, weshalb Frau Staab in ihrer Arbeit mit Herrn Rau so wenig erreicht hat. Vielleicht hängt das ja sehr mit ihrer Persönlichkeit zusammen. Vielleicht kann so jemand einfach nicht mehr bewegen? Meine Schwester ist engagierte Elternbeirätin seit 8 Jahren. Ich habe ihr von meinem Frust mit dieser langweiligen Frau erzählt. Bis dahin hat meine Schwester nicht einmal gewusst,dass diese Frau existiert. DAS nenne ich mal miese Öffentlichkeitsarbeit! Und so jemand vertritt unsere Interessen? Nein danke. Ach ja, da steht dann noch etwas im Raum: dass sie ja ein Baby bekommen habe und evtl. könne es ja auch sein, dass sie sich nun auf ihre Familie besinne. Dass das der eigentliche Grund sei und die andere Sache nur vorgeschoben wurde. Habe ich einige sagen hören... Möge ihr Nachfolger mehr Erfolg haben, als sie. Es hängt zu viel davon ab.

JAN
27
Vater von 3 Kindern, 19:46 Uhr

Selbstmitleid

Es ist geradezu unerträglich, wie all die anonymen Schreiberlinge und Schulleiter in Selbstmitleid den Abgang einer engagierten Mutter und Mahnerin gegen Systemfehler verhöhnen und begrüßen (analog zu all den Lobbyisten, die den Abgang von Hr. Sawicki aus dem IQWIG gutheißen), anstatt die berechtige Kritik am Schulsystem und der damit verbundenen vielfachen Verweigerung des Lehrkörpers, sich vom status quo zu trennen, konstruktiv aufzunehmen. Die armen, überarbeiteten Lehrer (mit 14 Wochen "unterrichtsfreier Zeit"), die ja laut einer Vielzahl von Untersuchungen zu über einem Drittel den Lehrerberuf als Notnagel und nicht aus Überzeugung oder Berufung gewählt haben, sehen sich nicht in der Lage, den Anforderungen der Zeit gerecht zu werden (wie es alle anderen Berufsgruppen machen müssen), da Sie ja einen sicheren Job haben (dank Beamtenstatus). Wer Anerkennung und Respekt haben will, muss Ihn sich verdienen, egal ob Lehrer oder Politiker.

JAN
27
Frank M. Mauerhofer, 05:42 Uhr

Grauenvolle Gegenwart

Graue Herren vergiften die Zeit. Wer sie erkannt hat, landet in der Anstalt oder bei Meister Hora im Nirgendhaus, wenn ihm eine Schildkröte über den Weg läuft, die ihrer Zeit voraus ist. Ob die Welt bald still steht? Im Stuttgarter Osten stecken sie die "Lichtstube" in einen Supermarktkeller. Ganztagsbetreuungseinrichtungen sind Kinderdepots. Haben sie Zukunft? Michael Ende ist keine Ente. Steinbeißer: "Das Nichts kommt näher." Fels!

Kommentar-Seite 1  von  7