Christopher Street Day in Stuttgart Selbst Daimler feiert unter dem Regenbogen

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Viel mehr als nur der Kings Club: Wir zeigen, wo Schwule und Lesben in Stuttgart ausgehen und wo am Wochenende rund um den Christopher Street Day am besten gefeiert wird.

Darf’s ein bisschen bunter sein: die CSD-Parade in Stuttgart. Foto: Achim Zweygarth
Darf’s ein bisschen bunter sein: die CSD-Parade in Stuttgart.Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Lange Jahre war das gastronomische Angebot für Schwule und Lesben in Stuttgart recht überschaubar: Es gab den Kings Club – und sonst nichts. Heute existiert neben der Schwulenclub-Institution, in der Szene nur KC genannt, eine Vielzahl an Bars und Kneipen, die sich gezielt an ein schwullesbisches Publikum wenden, ohne allzu aufdringlich mit der Regenbogenfahne zu wedeln.

Zum Beispiel das Ruben’s am Stuttgarter Ausgeh-Schmelztiegel Hans-im-Glück-Brunnen. „Ich habe das Ruben’s vor acht Jahren eröffnet, weil mir das gastronomische Angebot für Schwule und Lesben in Stuttgart viel zu eintönig war“, sagt Christopher Koch, Betreiber der barock eingerichteten Gaststätte. Neben dem KC habe es seinerzeit nur Hinterhofkaschemmen gegeben. Heute habe sich das gastronomische Angebot positiv verändert. „Die Gäste vermischen sich, egal welche sexuelle Orientierung sie haben. Alles ist offener und toleranter geworden“, so Koch. Gerade jüngere Homosexuelle steuerten nicht unbedingt nur Schwulenbars an, sondern seien in allen möglichen Lokalen unterwegs.

Ausgesuchte Gastronomien und die CSD-Paradestrecke - für eine größere Ansicht klicken Sie auf die Grafik

Am Wochenende wird in allen Clubs der Stadt gefeiert

Ist eine „Gay-Friendly-Lokalität“, wie Lokale wie das Ruben’s auch genannt werden, dann überhaupt noch zeitgemäß? „Auf jeden Fall“, sagt Christopher Koch. „Nicht alle meine Gäste trauen sich in ,normale‘ Lokale, Anlaufstellen wie das Ruben’s sind einfach wichtig.“

Neben dem Ruben’s gibt es in Stuttgart unter anderem noch das schrille Monroe’s an der Schulstraße, die Jakobstube des politisch engagierten Wirts Heinrich Huth, im Leonhardsviertel gelegen, und natürlich den Klassiker, den bereits erwähnten Kings Club. Alle genannten Lokale bieten nicht nur während des Christopher Street Days (CSD) am Samstag ein gastronomisches und kulturelles Programm, sondern sind das ganze Jahr über einen Besuch wert. Auf der anderen Seite sprechen auch klassische Clubs und Bars nicht nur an diesem Wochenende ganz gezielt ein schwullesbisches Publikum an (siehe unten stehender Kasten).

Ist der CSD mittlerweile zu kommerziell?

Bei aller Freude über die Ausdifferenzierung des gastronomischen Angebots für Schwule und Lesben in Stuttgart gibt es auch Kritik am CSD. Ein Vorwurf lautet, dass der politische Aspekt immer mehr zu Gunsten einer Kommerzialisierung der Veranstaltung in den Hintergrund rückt. Längst hat die Industrie Schwule als lukrative Zielgruppe ausgemacht: „Zwei Vollverdiener ohne Kinder und Doppelhaushälfte, die abbezahlt werden muss, sind finanziell natürlich hochinteressant“, sagt Christopher Koch. Da verwundert es kaum, dass in diesem Jahr auch Daimler öffentlichkeitswirksam mit einem eigens für den CSD gestalteten Mercedes-Benz-Truck bei der Parade des CSD vertreten sein wird. „Mit unserer Teilnahme am CSD in Stuttgart setzen wir ein Zeichen für die Vielfalt im Konzern“, sagt Dieter Zetsche, der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG.

Der konservative schwäbische Automobilkonzern nutzt eine schwullesbische Parade als Werbeplattform: Zeiten ändern sich. Ganz so weit, wie es sich Christopher Koch und andere wünschen, ist man in Baden-Württemberg indes noch nicht. „Die Proteste gegen den Bildungsplan haben gezeigt, dass es immer noch eine große Zahl an Menschen mit homophobem Weltbild gibt“, sagt etwa Martin Eitzenberger, Vorsitzender der Piratenpartei Baden-Württemberg. Ob die grelle CSD-Parade aber nicht gerade Vorurteile bestätigt? „Natürlich hat die Parade mit ihrer bunten Tunten-Zurschaustellung einen Beigeschmack“, sagt Christopher Koch. „Es ist aber wichtig, für die Gleichstellung unserer Rechte auf die Straße zu gehen.“

Ab Herbst haben Schwule und Lesben übrigens eine weitere wichtige Fürsprecherin im Gemeinderat: Laura Halding-Hoppenheit, die Betreiberin des Kings Club, sitzt dann als Stadträtin für die Linke im Rathaus. „Das Zirkuspferd der Stuttgarter Schwulenszene“ (Christopher Koch) kann künftig das ganze Jahr über für noch mehr Vielfalt in Stuttgart eintreten – nicht nur in gastronomischer Hinsicht.

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4 KommentareKommentar schreiben

Humorbefreit??.... Friedemann Reichert, 10:11 Uhr : ....so weit so gut! Es wird niemand gezwungen den Ihrer Meinung nach der CSD " einem auf den Sack" geht, auch noch zu besuchen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht oder gehen Sie zum Lachen in den Keller......Zumindest hat es ca. 220.000 Besuchern gefallen und das hat was!

Humorbefreit??: Dass man an diesem Tag die Stadt meidet, hat nichts damit zu tun, dass man Humor hat oder nicht, Frau Theissen. Sondern vielmehr damit, dass einem dieser völlig überzogene, aufgebauschte, überkanditelte, schrille, laute und inzwischen rein kommerzialisierte Hype, der mit einer sachlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht mehr das Geringste zu tun hat, nur noch auf den Sack geht. Und es ist nur noch peinlich, wie so was inzwischen noch von Stadt und großen Firmen oder - für mich der Gipfel - von einem ach so biederen Dr. Nils Schmid für eigene Image- und Werbezwecke missbraucht wird. Da wird einem nur noch schlecht.

ich wäre dafür: dass alle humorbefreiten menschen den zugang in die innenstedt während des umzugs vermeiden.

Dämlich: Der CSD ist mittlerweile zu einem idiotischen "Event" verkommen, weil hier "rücksichtsloser Lärm" mit "politischer Aktion" verwechselt wird. Ich schlage daher vor, den CSD vollständig mit dem rheinischen Karneval zu verschmelzen, damit dummdreiste Humor-Brutalität mit besinnungslos zwanghaft-lockerer Eventkultur endlich zusammenfindet.

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