Comic Die große Abschweifung

Rupert Koppold, 08.02.2013 07:56 Uhr

Ludwigsburg - Resümee der vorangegangen Kapitel: In der hermetischen Garage kann immer noch alles passieren.“ So beginnt die dritte Episode eines Comics von 1976, in dem sich der mit Kolonialuniform samt Pickelhaube ausstaffierte Major Grubert durch mehrere Ebenen eines Fantasy-Universums bewegt, um . . . Ja, um was zu tun in diesen merkwürdigen Welten, in denen Oldtimer-Autos durch weite Wüstenlandschaften brausen, Bogenschützen U-Boote abschießen und der Held im labyrinthischen Untergrund einer futuristischen Stadt das „geheimnisvolle“ Hotelzimmer 6 zugewiesen bekommt?

Nun, so genau weiß das wohl nicht einmal Gruberts Schöpfer Jean Giraud, der unter dem Kürzel Gir stringente und spannende „Blueberry“-Western-Comics pinselt, in den siebziger Jahren aber beginnt, sich unter dem Pseudonym Moebius immer wieder den künstlerischen und kommerziellen Zwängen des Mediums zu entziehen. Dass Giraud sich für diese anderen, experimentellen und mit der Feder gezeichneten Comics, die er auch in seiner eigenen Zeitschrift „Métal hurlant“ veröffentlicht, den Namen jenes Mathematikers wählt, nach dem das unendliche Möbius-Band benannt ist, dürfte kein Zufall sein: Auch seine freien, assoziativen und an das „automatische Schreiben“ des Surrealismus erinnernden Geschichten könnten, selbst wenn mal das Wort „Ende“ dasteht, im Grunde immer weitergehen.

Der Ludwigsburger Cross Cult Verlag hat die Moebius-Comics des im vergangenen Jahr gestorbenen Jean Giraud nun in einer siebenbändigen Hardcover-Neuausgabe herausgebracht. Im Vorwort der „Hermetischen Garage“, die so etwas wie den Kern im ebenso auswuchernden wie stilprägenden Moebius-Werk bildet, beschreibt der Autor den Entstehungsprozess: „Zur damaligen Zeit befand ich mich häufig in etwas euphorischen Zuständen . . . Spät in der Nacht kehrte ich schnellstens nach Hause zurück, um eine, manchmal zwei Seiten zu zeichnen, bis ich vor Erschöpfung zusammenbrach.“ Es sei alles nur gedacht gewesen als eine „grafische Spielerei, ein Witz, eine Mystifikation, die zu nichts führen konnte und sollte“. Und es wurde eben doch mehr und immer mehr.

Keine Psychologie, keine Soziologie

In diesem mit höchster grafischer Kompetenz komponierten Werk darf man allerdings keine Psychologie, keine Soziologie erwarten, auch keine großen Spannungsbögen oder überhaupt irgendeine Art von Kontinuität. „Die Erzählungen von Moebius leben von der ständigen Verwandlung, der Diskontinuität und den Sprüngen“, hat schon früh Helmut Heißenbüttel erkannt. Bereits im ersten Moebius-Band „Arzach“ von 1975 wechselt der Name des etwas mürrisch auf einem Flugdrachen dahin­segelnden Titelhelden über Harzak, Harzack und Arzack zu Harzackc. In anderen Geschichten ändert sich bei den Protagonisten von einem Panel zum anderen die Farbe der Kleidung. Überhaupt geht es in diesen zitatenprallen Comics mit ihren abrupten Raum-Zeit-Wechseln doch sehr durch­einander. „Ich liebe Abschweifungen“, sagt Moebius. Könnte man nicht sogar sein ganzes Werk als große Abschweifung bezeichnen?