Krimikolumne

Corinna T. Sievers: „Maria Rosenblatt“ Frau Kommissarin nimmt sich Untergebene

Von Georg Patzer 

Um die Lösung eines Falls geht es in diesem Roman um eine Schweizer Kommissarin nicht. Sondern um das Liebesleben, die Machtspiele und Frustrationen dieser Frau.

Arme Kriminalbeamte: Ihre Chefin ist ein Hingucker, wie man so sagt. Aber wenn die Kommissarin mal hohe Absätze tragen sollte, dann nur, um sie als Dolche in die Weichteile der Unterlinge zu bohren. Foto: dpa-Zentralbild
Arme Kriminalbeamte: Ihre Chefin ist ein Hingucker, wie man so sagt. Aber wenn die Kommissarin mal hohe Absätze tragen sollte, dann nur, um sie als Dolche in die Weichteile der Unterlinge zu bohren.Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Was ist eigentlich los in den Amtsstuben und Kommissariaten? Ist das normal? Oder sind die alle durchgedreht? Die Männer haben allesamt Angst vor dieser vorgesetzten Frau Kommissarin. Sie putzt sie runter, wo es nur geht, dass sie sich kaum noch den Mund aufzumachen trauen, reißt alles an sich, kann nicht delegieren, führt die wichtigen Verhöre selber durch und meint, ihnen sogar noch die elementarsten Vorgehensweisen erklären zu müssen – eine Quelle des ständigen Frusts.

Ihr Assistent Detlef räumt ihr ständig Sachen hinterher, hebt ihre Kleider auf, die sie im Büro verstreut, wenn sie sich vor seinen Augen umzieht. Vor einiger Zeit hatte er mit ihr sogar ein Verhältnis, einmal haben sie’s sogar auf der Damentoilette im Kommissariat getrieben: Er „hatte es gewagt, ihr zu folgen, sie saß auf der Toilettenbrille: ‚Sieh mir zu’, spreizte die Schenkel, befriedigte sich mit ihren flinken, langen Fingern, dabei stieß sie mit der Fußspitze an seinen steifen Schwanz“. Jetzt flirten sie manchmal miteinander, es gibt mal einen Kuss, aber an sich herankommen lässt sie ihn nicht mehr.

Schon gar nicht, als sie dem neuen Staatsanwalt Leo Lorenzo begegnet. Ein Prachtexemplar von Mann, groß, mit schönen Augen, galant. Der sie auch sofort anbaggert. Und sie verliebt sich sofort in ihn und gibt sich ihm hin. Dabei ist sie verheiratet, diese Maria Rosenblatt, mit einem Psychoanalytiker, der seit einiger Zeit impotent ist, hat zwei Kinder, die acht und fünf Jahre alt sind und die sie nur selten sieht. Bei der Zeugung von Elisabeth haben sie das letzte Mal miteinander geschlafen. Und jetzt gibt es nur noch Gleichgültigkeit oder Abscheu, manchmal sogar noch Wut. Aber darüber reden tun sie nicht.

Fast den Krimi vergessen

War da noch was? Ach ja, ein Fall. Denn das neue Buch von Corinna T. Sievers ist ein Krimi. Fast hätte man ihn vergessen vor lauter Sex in Schweizer Amtsstuben. Er beginnt, als jemand ein Handy findet, auf dem Fotos mit den Geschlechtsteilen von kleinen Kindern gespeichert sind. Ein Teil einer behaarten Hand ist zu sehen, ein Ring . Die Ermittlungen führen über einen Arzt der Stadt in eine Klinik, zur Pathologin Dr. Chiari und zu ihrem Assistenten und Präparator, dem „Kretin namens Luca“. Dann zu einem Swinger-Club, zu dem sie mit Leo fährt, auch um mit ihm zu schlafen. Und ziemlich schnell zur Auflösung.

Denn man merkt doch sehr bald, dass es in diesem recht schmalen Band eigentlich gar nicht um den Fall geht. Es geht um die vierzigjährige Maria Rosenblatt, und so heißt das Buch auch passenderweise. Sie ist eine Karrierefrau, seit vielen Jahren so unglücklich und so in ihrem Unglück eingerichtet, dass sie es nicht einmal gemerkt hat. Sie nimmt sich die Männer, am liebsten untergebene, wie es ihr passt, behandelt alle anderen wie ihre Dienstboten. Und als sie anfängt zu lieben, wechselt sie die Rollen, wird ganz hingebungsvolle Geliebte, wird ihm fast hörig, bis am Schluss... (nein, das wird natürlich nicht verraten).

Sie turtelt mit ihm sogar während der Arbeitszeit, lässt sich von ihm ablenken und bekommt weiche Knie, wenn sie nur seine Stimme am Telefon hört. Dabei hat sie noch am Anfang gesagt: „Er gefällt mir, aber ich traue ihm nicht.“ Nein, sie ist hin und weg.