Das Denkmal am Goldboden Der Erfinder der Nachhaltigkeit

Von  

Eine unscheinbare Säule erinnert auf dem Goldboden an Georg Ludwig Hartig, den wohl bedeutendsten Forstwissenschaftler der Welt, der trotz des Denkmals beinahe in Vergessenheit geraten ist.

Schlichter geht es kaum: Der Gedenkstein für Georg Ludwig Hartig auf dem Schurwald über Winterbach.




Foto:Frank Eppler Foto:  
Schlichter geht es kaum: Der Gedenkstein für Georg Ludwig Hartig auf dem Schurwald über Winterbach. Foto:Frank Eppler

Winterbach - Das Hartig-Denkmal war vor vielen Jahren ein Ausflugsziel von Hohengehren aus, zu dem man radelte, um, ja was zu tun? Man konnte gut ins Remstal sehen mit seinen Rebflächen, Weinberge, die gab es ja auch im Neckartal. Man konnte ein Brot essen, bevor man sich in halsbrecherischem Tempo mit dem Fahrrad den Engelberg hinabstürzte, in dem immer wieder neuen Versuch, die Tachonadel des Drahtesels zum Anschlag zu bringen. Aber heute?

Heute muss man sich den Weg schon durch Gesträuch bahnen, bis man zum Denkmal vorstößt. Ein romantischer Säulenstumpf steht wie bestellt und nicht abgeholt inmitten einer Baumgruppe. In den Sandstein ist nur der Name. „G. L. Hartig“ graviert, sonst nichts. Ganz anders sieht es in wenigen Metern Entfernung aus. Da ragt ein Obelisk auf einem geschmackvollen Fundament nach oben, als wollte er die Hartig-Säule abdrängen und nichtig machen. Den Obelisken, so ist der Aufschrift zu entnehmen, haben die Förster der ehemaligen königlichen Pflanzschule ihrem König Wilhelm von Württemberg gesetzt.

„Nicht mehr Holz einschlagen, als nachwächst.“

Und doch hat sich der abgebrochene Säulen-Hartig für die Wald- und Weltgeschichte als bedeutsamer erwiesen als der Obelisken-König. Denn Georg Ludwig Hartig hat nicht nur die Nachhaltigkeit erfunden, er hat auch das Wort „nachhaltig“ nachhaltig verbreitet. Ein Wort, das damals allein auf die Forstwirtschaft beschränkt war und bedeutete: „Nicht mehr Holz einschlagen als nachwächst.“

Schon damals war diese These genauso vernünftig wie revolutionär, aber dass sie mit der Zeit zur Grundlage allen sinnvollen wirtschaftlichen Handelns werden sollte, hätte er sich sicher nicht träumen lassen.

Hartig wurde 1764 im hessischen Gladenbach bei Marburg geboren, erlernte das Försterhandwerk und studierte nebenher Wirtschaftswissenschaften in Gießen. Als Oberförster in Hungen bei Gießen schrieb er 1791 seine Anweisung zur Holzzucht für Förster, vier Jahre später folgte seine „Anweisung zur Taxation der Forsten“, in denen er den Begriff „nachhaltend“ erstmals benutzte.

1806 folgte er einem Angebot König Wilhelms I. und ging als Oberforstrat der württembergischen Forstverwaltung nach Stuttgart. Hier schrieb er sein Standardwerk „Lehrbuch für Förster“, das von 1808 bis 1878 immer wieder aufgelegt wurde.

Wegen schlechter Bezahlung nach Preußen abgewandert

Doch sollen die Bezahlung und die allgemeinen Bedingungen seiner Tätigkeit in Württemberg so schlecht gewesen sein, dass er sich 1811 nach Preußen wandte. Dort übernahm er die herkulische Aufgabe, die völlig desolate Forstverwaltung neu zu strukturieren und eine Forstakademie zu gründen.

1837 starb Hartig und ging als bedeutendster Forstwirtschaftler in die Geschichte ein. Zu seiner Zeit muss er so berühmt gewesen sein, dass man 1842, als ein Winterbacher Förster den Stein aufstellen ließ, nicht zu erklären brauchte, wer er war. Man kann sich über den Sinn von Denkmälern streiten, vor allem, wenn sie für jemanden aufgestellt werden, den eh jeder kennt. Doch der Ruhm von Georg Ludwig Hartig verblasste. Als vor fünf Jahren das Vergessen offenkundig wurde, hat die Forstverwaltung ein Schild mit einem Hinweis auf den bedeutenden Mann angebracht – neben dem Denkmal für den König.

Unklar ist, warum ausgerechnet das Gewann Goldboden Träger des Hartig-Denksteines ist, eine Ehre, die er mit acht anderen Hartig-Denkmälern in Deutschland teilt. Bekannt ist nur, dass ein Winterbacher Förster Namens Zaiser den Stein aufstellen ließ, der Hartig noch persönlich gekannt haben dürfte. Zaiser hatte auch geplant, ein Arboretum anzulegen, in dem 100 verschiedene Bäume stehen sollten, die sogenannten 100 Hartigschen Holzarten.

Bis jetzt sind etwa 30 verschiedene Bäume gepflanzt, die zum Teil beachtliche Größen erreicht haben. Gegenwärtig überlegt sich die Forstverwaltung, weitere Pflanzungen zu tätigen. Der Grund ist, dass die ehemals königliche, jetzt staatliche Baumschule, die sich noch immer dort befindet, nicht mehr so viele Pflanzflächen benötigt. Denn der Wald, so stellten die Förster fest, verjüngt sich von selbst, wenn man ihn nur lässt – nachhaltig eben. Nicht von selbst verjüngt sich das Andenken von Georg Ludwig Hartig. Dem muss man offenbar ab und zu nachhelfen.

0 Kommentare Kommentar schreiben
Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.