DDR-Vergangenheit
Verraten und verkauft
Robin Szuttor,
09.02.2010 07:44 Uhr
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Vierzehn Monate ist Manuela Polaszczyk in DDR-Gefängnissen gesessen. Noch heute ist die Erinnerung daran allgegenwärtig. Foto: Stoppel
""Ich weiß nicht,
ob ich je wieder einem Menschen vertrauen kann.""
Manuela Polaszczyk nach Einsicht ihrer Stasiakte
Bei der Flucht erwischt
Nicht lange, dann erscheint das Patrouillenboot. Sie schwimmt weiter. Kein Zweifel, es steuert genau auf sie zu. Sie macht kehrt. Das Boot kommt näher. Als sie schon fast wieder an Land ist, sieht sie am Strand ein paar uniformierte Männer, die im Laufschritt auf sie zukommen. Die 20-Jährige wirft sich in den Strandkorb. Glaubt, den DDR-Grenzern eine Urlauberin vorspielen zu können. Man führt sie sofort ab. "Wenn du versuchst abzuhauen, wird geschossen", sagt einer. Alles aus.
26 Jahre später. Manuela Polaszczyk lebt jetzt in einer Kleinstadt bei Karlsruhe. Von ihrer gelb gepolsterten Wohnzimmer-Sitzgruppe aus blickt sie auf die Lärmschutzmauer der Bundesstraße. Ein Strauß gelber Narzissen auf dem Kiefernholztisch, flötende Keramikengel in den Regalen, Spitzweg-Bilder an der Wand: Die freundliche Zweizimmerwohnung lässt einen nichts von den Alpträumen ahnen, die sie hier immer wieder einholen.
Schläge und Erniedrigungen
An jenem Julimorgen 84 wird der Republikflüchtling Manuela Polaszczyk auf das Polizeirevier von Boltenhagen gebracht. Sie sagt nichts. "Dir wird deine Sturheit vergehen", sagt der Beamte. Man verfrachtet sie in die Stasizentrale in Grevesmühlen, dann zum Haftrichter. Sie bleibt bei ihrer Version, sie habe nur ein bisschen im Meer schwimmen wollen. Auch in Rostock und Cottbus muss sie stundenlange Verhöre über sich ergehen lassen. Mal sind die Beamten die Freundlichkeit in Person, mal brüllen sie nur. Als sie schließlich im Kreisgericht Lübbenau auf ihr Urteil wartet, hat sie Schläge, peinliche Untersuchungen und andere Erniedrigungen hinter sich.
Der Richter schickt sie zwei Jahre und vier Monate hinter Gitter. Eigentlich habe sie eine noch längere Strafe verdient, meint er. Etwas Unbeugsameres sei ihm noch nie begegnet. Bei der Ankunft am Bahnhof wird sie mit zwei anderen Frauen zusammengekettet und durch die Stadt zum Gefängnis geführt. Endstation Hoheneck.
Die Geschichte der Burg Hoheneck im Erzgebirge reicht zurück ins 13.Jahrhundert. 1861 wurde hier die königlich-sächsische Weiberzuchtanstalt eingerichtet. Schon in der Kaiserzeit, der Weimarer Republik und unter den Nazis saßen hier neben gewöhnlichen Kriminellen auch Oppositionelle ein. 1951 wurde Hoheneck wieder zum reinen Frauengefängnis. Seit 1977 konnten politische Häftlinge von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft werden. Mehr als 3,5 Milliarden Mark flossen so in die DDR-Staatskasse.
Die DDR hat sie als Gefängnis empfunden
Nach ihrer gescheiterten Flucht ist Manuela Polaszczyk auch eine "Politische", sitzt in Zellen zusammen mit Mörderinnen und anderen Schwerstkriminellen. In intellektuellen oder kirchlichen Widerstandszirkeln war sie nie, sie beschäftigte sich nie groß mit politischen Theorien. Sie wollte einfach nur weg. Wie ihr Vater.
Der setzt sie als Zwölfjährige auf den Rücksitz seines Mopeds und fährt mit ihr nach Berlin, um in der westdeutschen Botschaft Asyl zu beantragen. Doch sie werden vorher abgefangen. Der Vater landet für einige Zeit im Gefängnis. Und in Manuela wächst der brennende Wunsch abzuhauen. Abgesehen von einem dilettantischen Fluchtversuch mit 15 bleibt es vorerst bei dem Wunsch.
Februar 1984, Manuela Polaszczyks Vater darf für vier Tage in den Westen. Jeder wundert sich, warum ein Staatsfeind wie er in den Genuss solcher Privilegien kommt. Er kehrt nicht zurück. Seiner Tochter schreibt er, sie solle einen Ausreiseantrag auf Familienzusammenführung stellen. Von nun an ist sie voll im Visier der Stasi. Es folgen Hausdurchsuchungen, Visiten im Betrieb, Befragungen, Schikanen. Manuela Polaszczyk hält nichts mehr in der DDR, die sie nur noch als Gefängnis empfinden kann.
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Freikauf von Häftlingen aus der DDR
Ich kam im Mai 1970 nach Berlin und meine erste Wohnung befand sich in unmittelbarer Nähe des Notaufnahmelagers Marienfelde. Tatsächlich lernte ich schon damals freigekaufte ehemalige Häftlinge aus der DDR kennen die aus eigenem Erleben von den Zuständen der dortigen Haftanstalten berichtet haben. Und schon damals erschien im damaligen Telegraf ein Artikel über die bis dahin geheim gehaltene Freikaufspraxis der Bundesrepublik.
Freikauf
In einem Forum las ich Ihren Artikel. Der Freikauf von politischen Häftlingen begann schon etwa 1965... Dann ist noch anzumerken, daß in jedem Knast des Strafvollzuges kriminelle und politische Häftlinge gemischt saßen - nicht "nur" in Hoheneck. Wie kommen Sie darauf, daß Burg Hoheneck das schlimmste Frauenzuchthaus der "DDR" war? Erkundigen Sie sich bitte über Bützow und Bützow-Dreibergen ("Rote Hölle"). Das inzwischen abgerissene Kommando IV (neben dem Schloß) war Männerknast, 1958 belegt mit Außenkommandos, die täglich zur Zwangsarbeit gefahren wurden. Kommando V gegenüber (heute: "Krummes Haus") war Frauenknast... Ich durfte 1975, nach insgesamt mehr als neun Jahren Polit-Haft unter Ulbricht und Honecker, legal nach West-Berlin ausreisen. 2001 (40 Jahre Mauerbau) befragte mich einer Ihrer Reporter in der Bernauer Straße, als ich neben dem Dokumentationszentrum meine Biographie "Ich war auch dabei" signierte. Eine große Freude wäre es nicht "nur" für mich, wenn sich einmal ein einziges Medium mit den Lieferanten des Stacheldrahts für den 13. August 1961 beschäftigen würde. Darüber aber schweigen sich die Medien eisern aus, wogegen Ulbrichts Spruch: "Niemand hat die Absicht..." sich sogar auf Ansichtskarten befindet - ekelhaft, diese Heuchelei! Wie sang doch Wolf Biermann 1976 (?): "Ich bin gekommen vom Regen in die Jauche"! MfG, Gustav Rust, Mitglied der Vereinigung der Opfer des Stalinismus e.V., gegr. 1950 in Berlin, ältester und größter Opferverband http://www.gustav-rust.de